Bürger sorgen sich wegen Kahlschlags auf dem Tönsberg

Horst Biere

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Der Hermann-Löns-Gedächtnisstein auf dem Tönsberg, der sonst im dichten Wald lag, ist wieder sehr gut am Südhang zu erkennen. - © Horst Biere
Der Hermann-Löns-Gedächtnisstein auf dem Tönsberg, der sonst im dichten Wald lag, ist wieder sehr gut am Südhang zu erkennen. (© Horst Biere)

Oerlinghausen. Es wird lichter in den heimischen Wäldern. Auch das Aussehen des Tönsbergs ändert sich gegenwärtig radikal. Wo sonst große Fichtenwälder die Landschaft bedeckten, standen zuletzt nur noch braune Stangen wie überdimensionale Zahnstocher an den Hängen. Nun, im letzten Schritt, sind auch diese Stämme weitgehend durch große Holzerntemaschinen, die sogenannten Harvester, abgesägt und abtransportiert worden. Das neue Naturbild erschreckt viele Menschen, manche befürchten, dass die Bäume für immer weg sind.

"Es wird auch in Zukunft Wald geben - nur anders"

Denn wer derzeit auf dem Tönsbergkamm wandert, hat an vielen Stellen einen freien Blick in die Senne und auf der anderen Seite bis zum Weserbergland. Trockenheit und Borkenkäfer zählen zu den Verursachern der immensen Waldschäden. „Es wird auch in Zukunft Wald geben – nur eben anders", sagt Dirk Grote, Landschaftspfleger beim Kreis Lippe. Er ist mit anderen Naturschutzexperten zuständig für das Großprojekt in der Senne, das heute unter dem Namen „Urland" viele Wanderer und Spaziergänger anlockt. „Die Trockenheit ist ein großes Problem, aber kein Grund zur Panik", sagt er.

Die Fichten, die jetzt im Trockenzustand von den Flächen entfernt werden, seien nun einmal keine standortgerechten Bäume. Sie seien vor vielen Jahrzehnten unter forstwirtschaftlichen Gesichtspunkten angepflanzt worden. „Die Fichte ist ein erstklassiges Nutzholz, das relativ schnell wächst und sich sehr gut weiterverarbeiten lässt", erklärt Dirk Grote. Deshalb könne man die Forstwirte verstehen, die einen hohen wirtschaftlichen Schaden zu verkraften haben. Aber unter Naturschutzbetrachtungen gebe es keinen wirklichen Grund zu Pessimismus.

„Außerdem laufen überall neue Anpflanzungen", sagt der Landschaftspfleger, „gegenwärtig setzten die Forstwirte vielversprechende neue Baumarten wie die Douglasie oder die Küstentanne ein, die auch hohe Jahreszuwächse bringen." Diese beiden Baumarten sind in Nordamerika heimisch, erreichen Wuchshöhen um die 60 Meter und zeigen beste Eigenschaften als Nutzholzlieferant.

„Wir müssen wegkommen von den Monokulturen"

Grote erläutert, dass die Bäume mit Trockenheit und Stürmen wesentlich besser zurechtkommen als heimische Nadelbäume. Diese Hölzer ließen sich auch sehr gut in bestehende Mischwälder einfügen. „Es ist seit Jahrzehnten bekannt, dass wir wegkommen müssen von den Nadelholzmonokulturen, die vor allem in der Zeit nach dem Krieg angebaut wurden", resümiert er. Nun sei eben durch die Trockenheit praktisch auf einen Schlag eine neue Situation entstanden. Mischwälder mit mehreren Baumarten bieten bei dem absehbaren Klimawandel darüber hinaus deutliche Vorteile. So wird der Waldboden besser vor Erosion geschützt, wenn unterschiedliche Bäume mit verschiedenen Wurzelsystemen ihn durchdringen. Die Böden halten das Wasser besser, sie bilden eine Art Speicher.

Und noch eine Betrachtung ist bemerkenswert: „Wenn man jetzt gar nichts auf den abgeholzten Flächen unternehmen würde, käme der Wald trotzdem zurück", versichert Dirk Grote. Die Samen der Gehölze aus der ganzen Umgebung – auch der Fichten – würden für neue junge Bäume sorgen. Wer dann künftig mit den trockeneren Bedingungen zurechtkäme, bliebe abzuwarten.

"Welche Pflanzen sich am besten anpassen, überleben"

„Überleben werden immer die Pflanzen, die sich am besten anpassen können, nicht unbedingt die, die der Mensch für sich nutzen möchte", sagt er. Ein Beispiel könne man im Naturschutzprojekt in der Senne beobachten, wo die Birken bereits wieder wie Unkraut aus dem Waldboden emporschießen.

Das riesige Naturschutzprojekt in der Senne, das nunmehr in den Händen des Kreises Lippe liegt, betrachtet Dirk Grote als Glücksfall für die Region. Einerseits könnten die Besucher des „Urlands" die freilaufenden Tiere wie die Hochlandrinder und die Exmoorponys oder die wildlaufenden Ziegen in der Natur anschauen. Andererseits sehen die Wanderer auch ein völlig neues Waldbild, das dem vor einigen hundert Jahren ähnelt.

Alte kulturelle Nutzung

„Wir betreiben dort wieder eine alte kulturelle Nutzung", erklärt er, „man nennt dieses Vorgehen auch eine Hudewirtschaft." Bei einer Hude handele es sich um ein Naturgebiet, in das man früher die Weidetiere hineintrieb. Die Rinder oder Ziegen mussten sich selbst ihr Futter suchen und sorgten so für einen lichten Baumbestand, indem sie Sträucher und Gebüsch darunter abfraßen.

Der große Vorteil dieses neuen Waldes ist, dass viele Kleintiere – Insekten oder Vögel – die aus dem Forst verschwunden waren, wie von selbst zurückkehren. „Die biologische Vielfalt wächst immer mehr", sagt Dirk Grote.

Wie aber letztlich das Bild der Wälder in Zukunft aussehen wird, könne niemand voraussehen. „Es grenzt an Kaffeesatzleserei, wenn man die klimatische Entwicklung in unseren Breiten vorhersagen würde."

Doch so weite baumlose Landschaften, wie man noch auf alten Gemälden betrachten kann, dürfte es seiner Meinung nach wohl nicht geben. Auch ein völlig kahler Tönsberg, wie man ihn von Postkartenmotiven vor einem Jahrhundert kennt, dürfte endgültig der Vergangenheit angehören.

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