Als die Römer durch den Teuto marschierten

Horst Biere

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Ein römischer Legionär mit voller Bewaffnung bildete einen echten Blickpunkt beim Vortragsabend im Haus Neuland mit Karl Banghard (v. l.), Nadja Bilstein, Seminarleiterin für politische Bildung, Ulrich Knust und Dr. Bettina Tremmel. - © Horst Biere
Ein römischer Legionär mit voller Bewaffnung bildete einen echten Blickpunkt beim Vortragsabend im Haus Neuland mit Karl Banghard (v. l.), Nadja Bilstein, Seminarleiterin für politische Bildung, Ulrich Knust und Dr. Bettina Tremmel. (© Horst Biere)

Oerlinghausen. Unvorstellbar, was sich vor 2.000 Jahren im Schopketal und am Menkhauser Bach abgespielt hat. Da marschiert eine ganze römische Armee mit 20.000 Personen von Süden her zum Teutoburger Wald. Die Truppe baut auf dem Gebiet des heutigen Haus Neuland nur für eine oder zwei Nächte eine riesige Zeltstadt auf, errichtet zum Schutz noch hohe Erdwälle und setzt sogar noch Pfähle als Zaun und drei Ausgangstore mit ein. Dann verpackt man sofort wieder alle Habseligkeiten und zieht weiter Richtung Weser.

„Nur durch Zufall und durch modernste Laser-Scan-Technik aus der Luft ist dieses große Marschlager aus der Zeit von Kaiser Augustus entdeckt worden“, sagt die Wissenschaftlerin Dr. Bettina Tremmel, die Leiterin der LWL-Archäologie aus Münster.

Vor großem Publikum berichtete sie im Haus Neuland über die archäologische Sensation, die im Frühjahr 2019 erstmals entdeckt wurde. Dr. Tremmels Darstellungen bildeten das Kernelement einer Vortragsreihe, die den Titel „Varus-Talk“ trägt, und die vom Archäologischen Freilichtmuseum (AFM) veranstaltet wird.

„Eine spektakuläre Sache“, nannte auch AFM-Leiter Karl Banghard in seiner Moderation den Fund des gewaltigen Lagergebiets in der Sennelandschaft. „Haus Neuland ist mit Sicherheit nicht der Ort der Varus-Schlacht gewesen“, erläuterte er, „doch jeder Fund hier im Nordwesten Deutschlands ist ein Mosaikstein, um das Zusammenleben von Römern und Germanen zu ergründen.“

Holländischer Hobbyforscher hat die Umrisse entdeckt

Ein holländischer Hobbyforscher habe die Umrisse des römischen Lagers am Menkhauser Bach in einem Luftbild erkannt – durch ein spezielles Computerprogramm, das den heutigen Baumbewuchs aus dem Bild entfernte, sagte Bettina Tremmel. So konnte man ein 28 Hektar großes Gebiet identifizieren, dessen Umrisse exakt zu anderen römischen Marschlagern aus der Zeit um Christi Geburt passen.

„Dadurch weiß man auch ohne weitere Funde im Boden, was sich auf dieser Fläche abgespielt haben muss.“ Ohne die Lasertechnik sei das Lager heute kaum noch zu entdecken gewesen. Mit archäologischen Methoden wurden dann im Erdreich tatsächlich die von Legionären ausgehobenen Wallanlagen des Lagers gefunden.

Aus anderen Quellen wisse man, dass die Römer, vom Niederrhein her kommend, mehrfach den Fluss Lippe emporgezogen seien. In Anreppen bei Delbrück habe es ein sehr großes festen Lager gegeben.

An diesem Marsch entlang des Menkhauser Baches, im Siedlungsgebiet der Cherusker, seien drei Legionen von Soldaten beteiligt gewesen. Dazu kamen noch sechs Formationen von Hilfstruppen aus verbündeten Volksstämmen.

"Als wenn jeden Tag eine neue Stadt errichtet wird"

Auf jedem Feldzug nahm man auch Familien, Händler zur Versorgung und sogar Hilfskräfte für Transport und zum Aufbau mit. Maultiere und Pferde wurden ebenfalls für die Transporte genutzt. „Die über 20.000 Menschen schliefen in Zelten aus Leder, die man morgens wieder abbaute“, erklärte die Wissenschaftlerin, „das ist so, als wenn jeden Tag eine ganze Stadt an einem neuen Platz errichtet wird.“ Vermutlich seien die Römer zwischen Oerlinghausen und Bielefeld durch den Teutoburger Wald Richtung Norden gezogen.

Zwei Tagesmärsche entfernt in Barkhausen an der Porta Westfalica, sei ebenfalls ein Römerlager entdeckt worden. Dort wurden sogar im Boden Feuerstellen gefunden, die man als Erdbacköfen zum Brotbacken erkannte.

15 bis 20 Kilometer schaffte der riesige Tross am Tag

„15 bis 20 Kilometer Marschleistung schaffte so ein riesiger Tross am Tag“, rechnete Bettina Tremmel vor. Doch man weiß immer noch nicht genau, welche Routen die Römer exakt eingeschlagen haben. „Die meisten römischen Lager schlummern noch unentdeckt im Boden“, meinte sie.

Ein weiterer Vortragsabend der Reihe „Varus-Talk“ findet am Mittwoch, 4. August, um 19 Uhr im Haus Neuland am Senner Hellweg in Bielefeld-Sennestadt statt. Dann lautet das Thema: „Folgt kriegerische Gewalt einer historischen Logik. 2.000 Jahre Schlachten zwischen Rhein, Weser und Elbe.“

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