Schieder-Schwalenberg. „Hört, ihr Leut und lasst euch sagen, unsere Glock’ hat neun geschlagen“, ruft Andreas Wellmann mit kräftiger Stimme, um den Rundgang durch Schwalenbergs Altstadt einzuläuten. Der 69-Jährige trägt einen schwarzen Umhang über den Schultern, genannt Pelerine, und einen großen Hut auf dem Kopf. In der einen Hand hält er eine Laterne, in der anderen eine Hellebarde. An einem Lederriemen befestigt hängt das Signalhorn um seinen Hals. Jeden Freitag- und Samstagabend, pünktlich um 21 Uhr, schlüpfen Andreas Wellmann sowie Franz Grünwald, Josef Kirchhoff und Ralf Hoffmann abwechselnd in die Rolle des Nachtwächters und führen Gäste durch die Malerstadt. Dieses langjährige Engagement hat die Stadt in diesem Jahr mit dem Heimatpreis gewürdigt. Ein Pärchen aus dem Sauerland, das derzeit seinen Wanderurlaub in Schieder-Schwalenberg verbringt, und zwei weitere Besucher aus dem benachbarten Kreis Höxter warten an der Nachtwächter-Figur, die direkt neben dem Stadtplan an der Ecke Alte Torstraße/ In der Tränke steht. Es ist der Treffpunkt für den Nachtwächter-Rundgang, an dem jeder Interessierte ohne Voranmeldung – von Ostersamstag bis Ende Oktober – teilnehmen kann. Durch einen Flyer sei er auf die kostenlose Führung aufmerksam geworden, berichtet ein junger Mann aus Bredenborn (Stadt Marienmünster), den daraufhin die Neugier gepackt habe, mit dem Nachtwächter auf Zeitreise zu gehen. Die Stadt vor Dieben, Feuer und anderen Gefahren schützen Die Sonne ist bereits untergegangen. Über den Fachwerkhäusern der Altstadt scheint der Mond und erleuchtet die kleinen Gassen. „Bereits im Mittelalter gab es einen Nachtwächter in Schwalenberg“, beginnt Andreas Wellmann das Gespräch mit seiner heute sehr beschaulichen Gruppe. Gespannt lauschen sie seinen Worten. Noch bis 1927 ging der Nachtwächter in Schwalenberg täglich nach Einbruch der Dunkelheit seine Runden. Seine Aufgabe war es, die Stadt vor Dieben, Feuer und anderen Gefahren zu schützen. Zur Wehr trug er eine Hellebarde, eine Stangenwaffe, bei sich. Mit dem Horn konnte er die Menschen bei Gefahr warnen. „Der Nachtwächter musste in jedes Haus und die Feuerstellen kontrollieren“, führt Wellmann weiter aus. Ein Feuer hätte die ganze Stadt niederbrennen können. Trotz der Wichtigkeit des Nachtwächters sei dieser in der Gesellschaft nicht anerkannt gewesen, erzählt der Schwalenberger. Viel Lohn habe er auch nicht bekommen. Der Beruf galt, wie auch die Tätigkeit des Henkers, als unehrlich. Zudem seien die Menschen bis ins 18. Jahrhundert noch sehr abergläubisch gewesen und fürchteten sich vor allem, was in der Nacht vor sich ging. Daher hätten sie den nächtlichen Ordnungshütern oft nicht über den Weg getraut. Nachtwächter-Rundgänge seit 1988 Später machten andere Überwachungssysteme die Aufgaben des Nachtwächters überflüssig. Somit geriet auch der Brauch immer mehr in Vergessenheit. Mit Willi Planke ist diese Tradition auf Initiative des damaligen „Malkasten“-Wirts, Claus Kotzenberg, im Jahr 1988 in Schwalenberg wieder zum Leben erweckt worden. Den Anstoß dazu hatte ein dänischer Nachtwächter gegeben, der in dem Hotel zu Gast gewesen ist. „Wir hatten seinerzeit einen der ersten Nachtwächter in Deutschland“, berichtet Franz Grünwald. Entsprechend hoch sei das Interesse der Besucher gewesen, weswegen 1992 ein zweiter Nachtwächter zur Unterstützung gesucht wurde. „Ich wohnte damals noch nicht lange in Schwalenberg und wollte mich für den Ort engagieren“, erzählt der 67-Jährige, wie er vor 33 Jahren zu seinem Ehrenamt gekommen ist. Als Willi Planke sich 1998 als Nachtwächter zurückzog, rückte Josef Kirchhoff (69) an seine Stelle. Zudem sind Ralf Hoffmann seit neun Jahren sowie Andreas Wellmann seit sechs Jahren dabei. Tradition bewahren „Das ist nicht nur eine tolle Pflege des Brauchtums, es ist auch eine wichtige Bereicherung des Touristikstandortes“, würdigte Bürgermeister Jörg Bierwirth im Mai dieses Jahres bei der Verleihung des Heimatpreises das Engagement der Nachtwächter. Um die Tradition auch in Zukunft zu bewahren, haben sich Nachtwächter aus verschiedenen Ländern in einer europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft zusammengeschlossen. „Jedes Jahr treffen wir uns in der Heimatstadt eines anderen Nachtwächters“, erzählt Josef Kirchhoff. Über die Jahre seien so Freundschaften in ganz Europa entstanden. Alle vier Nachtwächter sind mit Herzblut dabei. Kein Rundgang gleiche dem anderen, erklärt Ralf Hoffmann (61). So würde jeder Nachtwächter seinen eigenen Charakter einbringen und auch die Teilnehmer würden eine große Rolle spielen, wie der rund einstündige Rundgang verläuft. Mit einem letzten Ton aus dem Horn beendet Andreas Wellmann den Rundgang und verabschiedet die Besucher. Denen hat die Führung durch die Altstadt sehr gut gefallen, wie sie anschließend berichten. Neben vielen Informationen über die Geschichte der Sehenswürdigkeiten, wie etwa das historische Rathaus, das Haus Bachrach, die Kirche und das Robert-Koepke-Haus, hat auch die eine oder andere unterhaltsame Anekdote am Rande nicht gefehlt.