4.000 Rollenspieler beim Drachenfest auf dem Quast

Wo Fantasie Wirklichkeit wird

VON CHRISTINA ZIMMERMANN

Das silberne Lager kämpft gegen das kupferne Lager. Im Moment haben die beiden ein Bündnis geschlossen. Das kann sich bis Sonntag aber noch ändern. - © Foto: Hubert Rösel
Das silberne Lager kämpft gegen das kupferne Lager. Im Moment haben die beiden ein Bündnis geschlossen. Das kann sich bis Sonntag aber noch ändern. (© Foto: Hubert Rösel)

Warburg/Diemelstadt-Rhoden. Pirat Raska wirkt genervt. Er nippt an seinem Tonbecher, stellt ihn mit Wucht zurück auf den Holztisch und dreht sich zu seinem Nebenmann. "Du störst hier." Dann zückt er seine Pistole und drückt ab. Ein Knall. Seine Piratenkollegen lachen. Sie stoßen an. Mit Rum, wie sich das für echte Seeräuber gehört. Ruppig geht es zu in der Spelunke "Zum durstigen Dolch" auf dem Quast. Bis Sonntag stehen solche Szenen auf der Tagesordnung, denn rund 4.000 Rollenspieler haben zurzeit ihr Lager nahe Rhoden zum Drachenfest aufgeschlagen - und trainieren bereits für die Endschlacht.

Raska wischt sich den Rum von den Lippen. Warum er hier sei? "Geld, Frauen, Freiheit", sagt er. Seine Kollegen Carlos und José schließen sich an. "Der Ruf des blauen Drachen hat uns hier hingeführt", sagt Carlos. Sie alle gehören zum blauen Lager, eines von insgesamt zwölf. Dann kreuzt Raska seine beiden Zeigefinger. Die Drei sind jetzt "Out-Time", außerhalb des Spiels.

Im wirklichen Leben heißt Raska Ulf Köppe, kommt aus Bonn und arbeitet in einem Chemielabor. "Den Charakter des Piraten Raska spiele ich schon sehr lange, auch auf anderen Conventions."

Conventions, so heißen die Treffen der Rollenspieler. Für Köppe und seine beiden Freunde sind Piraten spannende Charaktere. "Die Rolle ist variabel und liefert anderen Spielern Spielangebote", erklärt Christian Klewinghaus aus Hamminkeln, der in die Rolle des Piraten Carlos geschlüpft ist. "Wir können stehlen oder für Ärger sorgen."

LARP – das steht für "Live Action Role Play", also ein Live-Rollenspiel. Angelehnt ist das Fantasy-Spektakel zum Beispiel an Tolkiens Roman "Der Herr der Ringe" oder den Film "Fluch der Karibik". Die Rollenspieler verfügen dabei über verschiedene Fähigkeiten, die zum Erfüllen von Aufgaben eingesetzt werden. Dafür gibt es unter der Aufsicht von Spielleitern Punkte. Bei dem Fest zielen die zwölf Lager darauf ab, Dracheneier zu erringen. Es werden Pakte geschlossen, Aufgaben gelöst und auch das ein oder andere Ei vom Gegner gestohlen. Dazu braucht es die richtige Ausrüstung.

Mit Waffen sind die drei Seeräuber perfekt ausgestattet. Raska zieht zwei Dolche aus den Ärmeln und legt sie demonstrativ auf den Holztisch. Daneben seine Pistole und ein langes Schwert. "Ich will hier keinen Ärger", schreit der Wirt über den Tresen. Da nähert sich ein Riese mit haarigen Füßen und einem schweren Hammer in den Händen. Zusammen mit den Piraten schnupft er Tabak. Dann setzt er seinen Krug an die Lippen, einen Eimer mit Henkel an der Seite, und trinkt in kräftigen Zügen.

Die Waffen sind Attrappen aus Schaumstoff. Ulf Köppe erklärt: "Im Training lernen wir, wie wir sie richtig gebrauchen. Wenn man getroffen wird, tut es nicht weh."

In der Stadt Aldradach geht es im Gegensatz zur Kneipe noch ruhig zu, auch eine Truppe Orks stört die städtische Idylle nicht. Grimmig ziehen sie durch die Straßen, knurren ab und an die Passanten an. Die lassen sich jedoch nicht provozieren.

Vor dem Ork-Lager steht eine Gruppe Männer. Sie legen sich Rüstungen an und schminken ihre Gesichter. Sie sind aus Dänemark angereist. In ein paar Stunden, wenn das Kostüm fertig ist, werden auch sie als Orks durch die Stadt wandern. "In einen Ork-Charakter einzutauchen, ist faszinierend", sagt einer der Männer. "Man kann die Bestie in sich entdecken und herauslassen."

Plötzlich ertönen Schreie. "Unser Blut für Kupfer!", brüllt eine Gruppe Soldaten vor dem silbernen Lager. Dann geht alles ganz schnell. Die Soldaten stürmen auf eine Rittergruppe zu, mit erhobenen Schwertern, geschützt durch Holzschilde. Die Ritter halten dagegen. Eine Schlacht beginnt. "Das machen wir zu Trainingszwecken", sagt einer der Soldaten des kupfernen Lagers, der verwundet aus dem Kampfgeschehen zurücktritt. "Wir haben ein Bündnis mit dem silbernen Lager und üben für die Endschlacht." Ob das Bündnis aber bis dahin halte, wisse niemand.

Die Avatare der Lager

Jedes Lager folgt einem Weg und damit einem Drachen als seinem Gott. Die Avatare vertreten diesen Drachen auf der Welt. Sie sind Ansprechpartner für die Spieler, die dem Lager angehören, haben aber auch ein offenes Ohr für alle Menschen, die in der Stadt leben. Im schwarzen Lager ist Jessica Wergin aus Waldeck seit vier Jahren der Avatar. "Meine Rolle ist dafür da, den anderen Spielern das Spiel interessanter zu gestalten", erklärt sie. "Ich verteile Aufgaben und gebe den Weg vor." Der Zauber der Veranstaltung liegt für sie im Kontakt mit anderen Spielern. "Es ist herrlich, selbst die Stadt und die anderen Lager zu entdecken."

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