Terrorangst: Ausflüge in europäische Metropolen stehen auf dem Prüfstand

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Brüssel ist bei Schülern besonders beliebt. - © dpa
Brüssel ist bei Schülern besonders beliebt. (© dpa)

Bielefeld. London, Paris und Brüssel sind beliebte Ziele für Studienfahrten. Bei der Planung der Programme schwingt jedoch zunehmend die Angst vor Terroranschlägen mit, weshalb immer mehr Schulen ihr Fahrtenprogramm anpassen oder sogar neu ausrichten. Nach dem U-Bahn-Anschlag in London am 15. September hat die Realschule Halle eine Klassenfahrt nach London abgesagt und das Gymnasium Steinhagen hat die üblichen Ziele der Studienfahrten London, Paris, Prag und Wien vorerst komplett aus dem Programm gestrichen.

Auch in anderen Schulen in OWL wird mitunter heftig über die Sicherheit von Schülern und Lehrern diskutiert. Am König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter sind Studienfahrten wichtiger Teil des Schulprogramms. Neben Ausflügen in der Unterstufe, stehen in der 9., 10. und 12. Klasse Studienfahrten in deutsche Großstädte und europäische Metropolen wie London, Paris, Madrid, Prag und Warschau sowie in die Toskana und die Bretagne auf dem Programm.

In der Sitzung der Schulpflegschaft mit Elternvertretern hat Schulleiter Georg Wieners das Thema Terrorgefahr angesprochen. „Ich habe ein mulmiges Gefühl, wenn Schüler im Ausland sind, und deshalb allen Lehrern und Eltern mit auf den Weg gegeben, über das Thema nachzudenken und mit den Schülern darüber zu sprechen." Der Diskussionsbedarf sei groß gewesen, allerdings habe es keine Änderungswünsche für das Fahrtenprogramm gegeben, sagt Wieners. „Ich bin aber davon überzeugt, dass es Eltern gibt, die ein mulmiges Gefühl haben.

Deshalb würde ich auch über die Beurlaubung eines Schülers nachdenken, dessen Eltern eine Studienfahrt in eine Metropole nicht verantworten können." Sollten sich Bedenken mehren, müsse über andere Ziele nachgedacht werden, erklärt Wieners. Anlass zur Diskussion gibt es auch am Ravensberger Gymnasium in Herford, da in wenigen Tagen eine Studienfahrt nach Barcelona auf dem Programm steht. „Nach dem Terroranschlag am 17. August haben wir mit Eltern und Schülern erneut über das Ziel gesprochen, uns aber gemeinsam dafür entschieden die Fahrt nicht abzusagen", erklärt Oberstufenkoordinator Volker Weinrich.

Auch am Max-Planck-Gymnasium in Bielefeld diskutiert der Französisch-Leistungskurs, ob die beliebten Ziele Paris und Brüssel aufgrund von Terrorgefahr noch angesteuert werden können. Laut Schulleiterin Gisela von Alven gebe es derzeit jedoch keinen Anlass sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Diese Einschätzung teilt auch der stellvertretende Schulleiter des Reismann-Gymnasiums in Paderborn, Werner Rüther. „Es gab bislang keinen Diskussionsbedarf. Wir sollten beruhigend auf Schüler einwirken, anstatt mit Einschränkungen Ängste zu schüren."

Ähnliche Diskussionen habe Rüther als Russisch-Lehrer in den 1990er-Jahren geführt. „Ausflüge in russische Metropolen gab es trotzdem." Entscheidend sei damals wie heute, dass es nirgendwo eine 100 prozentige Sicherheit gebe. Der Lemgoer Reiseveranstalter CTS organisiert zahlreiche Studienfahrten in OWL und registriert insbesondere nach Terroranschlägen Anfragen von Lehrern und Eltern. „Die Ziele London, Barcelona, Paris und andere europäische Metropolen sind aber nach wie vor sehr beliebt", erklärt Sprecher Oliver Drexhage.

Mit Blick auf den großen Diskussionsbedarf in Schulen wird jedoch deutlich, dass die Angst vor Terroranschlägen wächst. Obwohl auch Kleinstädte zu Anschlagszielen werden können und das Risiko, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen geringer ist, als bei einem Verkehrsunfall. Der Grund: „Wir bilden uns ein, dass wir alltägliche Situationen wie eine Busfahrt besser kontrollieren können", erklärt die Bielefelder Psychiaterin Solmaz Golsabahi-Broclawski.

Hinzu komme, dass Eltern und Lehrer Angst davor haben, ihrer Verantwortung nicht gerecht zu werden. Deshalb reagieren sie anders als Jugendliche, die mehr ausprobieren möchten, so Golsabahi-Broclawski. „Deshalb ist es wichtig, Lehrer nicht alleine zu lassen. Eltern und Schüler sollten immer mit einbezogen werden, da jeder Mensch einen individuellen Umgang mit Angst habe. „Die psychische Widerstandsfähigkeit, Krisen zu bewältigen ist von Erziehung, Sozialisation und Lebensumständen abhängig."

Information

Sicherheitshinweise

Schulen entwickeln für jedes Schuljahr eigenverantwortlich ein Fahrtenprogramm. Das Programm wird in der Schulkonferenz abgestimmt und von der Schulleitung genehmigt. Das Schulministerium gibt Empfehlungen des schulischen Krisenbeauftragten weiter. Am 15. September hat das Ministerium über Sicherheitshinweise für Klassenfahrten nach Großbritannien informiert und Tipps von der Landesstelle „Schulpsychologisches Krisenmanagement" für den Umgang mit Schülern verschickt. Dazu zählen folgende Hinweise: Sachliche Informationen geben, Gesprächsangebote machen, Aufmerksamkeit lenken, Schüler zu sozialen Aktivitäten anregen, Medienberichte auswählen und dosieren und Kontakt zu Schülern aufbauen.

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