Rezept-Shoppen im Netz

Anneke Quasdorf

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Mit ein paar Klicks zur Pille. Redakteurin Anneke Quasdorf hat es ausprobiert. - © Lukas Brekenkamp
Mit ein paar Klicks zur Pille. Redakteurin Anneke Quasdorf hat es ausprobiert. (© Lukas Brekenkamp)

Bielefeld. Einfach online Rezept und Pille ordern, das klingt zu einfach und zu illegal, um wahr zu sein. Also versuche ich es einfach mal. Unter diversen, allesamt seriös gemachten Portalen entscheide ich mich für zavamed.com. Klick auf Frauengesundheit, Klick auf Antibabypille, Klick auf Rezept anfordern und los gehts.

Lediglich ein paar Seiten eines Diagnosebogens muss ich ausfüllen, um meine Bestellung abzugeben. Doch der Vorgang könnte meine Geduld schon überstrapazieren, so scheinbar die Befürchtung der Betreiber. Also versichert man mir auf jeder Seite: „Nur der erste Besuch dieser Sprechstunde erfordert eine umfangreiche Aufnahme. Beim zweiten Besuch ist dieser Aufwand deutlich geringer."

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Neue Kunden

Der Arzneimittel-Versand Shop Apotheke hat im vergangenen Jahr die Zahl seiner Kunden deutlich steigern können. Der Umsatz schnellte 2019 um rund 30 Prozent auf 701 Millionen Euro, so das Unternehmen.

Lange dauert das Ganze bei mir nicht. Ich muss ja auch nicht über tatsächliche Werte oder Erfahrungen nachdenken. Denn mein Ziel ist klar: Ich will das Bild einer kerngesunden Patientin ohne jegliche Risikofaktoren erwecken. Hoher Blutdruck? Ich doch nicht. Bedenkliche Erkrankungen in der Familie? Ach Quatsch. Habe ich die Pille schon mal genommen? Ja klar. Und wunderbar vertragen. Letzter Besuch beim Gynäkologen mit PAB-Abstrich? Ist schon etwas her, deshalb erfinde ich lieber ein etwas aktuelleres Datum, 5. November, das klingt schön zeitnah. Und klar habe ich mit ihm über die von mir gewünschte Verhütung gesprochen.

So geht das Seite für Seite, akribisch sind alle relevanten Fragen aufgelistet, die auch der Gynäkologe stellen würde. Anders als in einer Praxis sitzt mir aber niemand gegenüber, der meine Angaben überprüft. Oder: „sich mithilfe aller Sinne und unter Einsatz der vor Ort vorhandenen apparativen Ausstattung ein unmittelbares und umfassendes Bild ihrer Patientinnen und Patienten" verschafft, wie es in Paragraph 7 der Hinweise und Erläuterungen der Bundesärztekammer zu Fernbehandlungen heißt.

Wäre ich eine übergewichtige, rauchende Bluthochdruckpatientin mit relevanten familiären Vorerkrankungen, niemand bei Zavamed, genauer: die mir zugeteilte Ärztin Beverley Kugler, würde es je erfahren. Oder vielleicht doch – wenn ich Wochen später mit einer schweren Thrombose im Krankenhaus läge und Entschädigung für die Fehlentscheidung verlangen würde. „Sofern Sie noch am Leben wären", sagt Rolf Englisch, Gynäkologe und Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte. Er ist fassungslos ob der laxen Ferndiagnose. „Für die Erstellung eines solchen Präparats muss ich die Patientin sehen und persönlich untersuchen. Das ist eine Vollkatastrophe."

Die Krönung stellt in meinen Augen aber die Auswahl des Präparates dar. Die habe nämlich ich – aus über 50 Produkten darf ich selbst „meine" Pille aussuchen. Ich weiß nicht, ob die eine besser ist als die anderen, oder ob eine davon besser zu mir passt. Das weiß Kugler natürlich auch nicht. Nonchalant entscheide ich mich nach zwei Minuten für „Chalant" von Hexal. Auch, weil ich keine Lust habe, mich weiter als bis zum Buchstaben C durchzuscrollen.

Mit einem weiteren Klick geht der Diagnosebogen zu Kugler. Zwei Tage später habe ich ein diskretes, braunes Päckchen im Postkasten liegen. Lediglich der Absender, eine niederländische Apotheke, verrät, dass es sich hier um eine Medikamenten-Lieferung handelt.

Beim Auspacken muss ich fast lachen. Denn auf der Rechnung ist der Gesamtbetrag, 28,50 Euro, aufgeteilt: In die Kosten für das Medikament, 19,50 Euro – und einen Betrag von neun Euro. Für etwas, das die Verantwortlichen doch allen Ernstes „Sprechstunde" nennen.

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