Bielefeld. Im Mai dieses Jahres brachte die Dr.-Wolff-Gruppe eine Mund- und Rachenspülung auf den Markt, die den Kampf gegen die Pandemie unterstützen sollte und in der Bielefelder Universitätsklinik getestet wurde. Die Idee: Die Viruslast und das Übertragungsrisiko wird durch regelmäßige Anwendung verringert. Begleitet wurde die Testphase des Produkts durch Forschende, um die Wirksamkeit nachzuweisen. Nun sorgt jedoch eine Werbeanzeige für Unmut bei dem beteiligten Forschungsteam. Die Behauptungen gehen den Medizinern etwas zu weit. Sie seien irreführend.
Auf dem Portal bild.de warb der Dr.-Wolff-Konzern damit, dass die Coronaviren "einfach weggespült und ausgespuckt" werden könnten. Gurgeln stelle sich als "Maßnahme Nr. 1" gegen das Coronavirus dar. Doch ganz so einfach ist es nicht. Holger Sudhoff, Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie der Universität Bielefeld, ist einer der Autoren der begleitenden Studie. Er stellt klar: "Es ist richtig, dass die Untersuchungsergebnisse eine signifikante Abnahme der Viruslast um bis zu 90 Prozent nach einmaliger Anwendung der Mundspülung ergaben."
Die anderen Maßnahmen werden nicht überflüssig
Dennoch könne man daraus nicht schlussfolgern, dass das Infektionsrisiko gesenkt werde, noch dass der Krankheitsverlauf weniger schwer ausfalle. Denn die Wirkung der Mundspülung erstrecke sich auf den Mund- und Rachenraum, erreiche aber nicht die Lunge oder die Nase. Viren, die sich dort befinden würden, könnten durch eine Mundspülung nicht bekämpft werden. Trotzdem sei die Anwendung sinnvoll, beispielsweise vor Besuchen bei der Zahnärztin oder dem Zahnarzt. "Das ist eine wertvolle Ergänzung, weil die Viruslast reduziert wird. Wichtig ist aber: Sie macht die anderen Hygienemaßnahmen nicht überflüssig", betont der Wissenschaftler.
Deshalb sei eine derartige Werbung problematisch: "Sie birgt die Gefahr, dass sich Menschen in Sicherheit wiegen, wenn sie die Mundspülung nutzen, und vielleicht dann auf Hygieneregeln oder eine Impfung verzichten", erklärt Sudhoff. Das sei ein großes Risiko. Ihn mache es betroffen, dass Sachverhalte aus dem wissenschaftlichen Kontext gerissen und für Werbezwecke eingesetzt würden.
Fortführung der Pilotstudie
Um gesicherte Erkenntnisse darüber zu gewinnen, wie groß die Wirkung der Mundspülung tatsächlich ist, führt er die Studie, bei der es sich bislang um ein Pilotprojekt handelte, fort. Um die Wirkung deutlicher zu untersuchen, würden nun Probandinnen und Probanden teils die Mundspülung nutzen, teils lediglich ein Plazebo erhalten. "In etwa zwei bis drei Monaten können wir dann voraussichtlich ein abschließendes Urteil fällen", prognostiziert Sudhoff.
Es ist nicht das erste Mal, dass Mundspülungen als wichtiges Mittel im Kampf gegen die Pandemie benannt werden. Tagesschau.de verweist darauf, dass bereits Krankenhaus-Hygieniker Klaus-Dieter Zastrow immer wieder diese These vertreten habe. Der ehemalige Geschäftsführer der Ständigen Impfkommission (STIKO) habe erklärt, wenn alle Deutschen jeden dritten Tag ihre Mundhöhlen desinfizieren würden, wäre ein Lockdown überflüssig. Belege für seine Aussagen führte er dabei allerdings nicht an.
Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene stellt bereits einen ersten Überblick bereit, wie wirksam Nasensprays oder Gurgelmethoden als Ergänzung zu den geltenden Hygienemaßnahmen sind. Sie verweist darauf, dass Schutzmaßnahmen sinnvoll sind, um die Viruslast bereits an der "Eingangspforte" zu reduzieren. Empfohlen werden beispielsweise Gurgeln mit Kochsalz oder grünem Tee.