Bad Oeynhausen. Matthias Schlattmeier ist vorbereitet. "Merhaba, benimadim Matthias", kann er mittlerweile fließend. Doch nur "Guten Tag, ich heiße Matthias", wird nicht ausreichen für seine Radtour durch die Türkei. Mindestens drei Wochen, so plant der Bad Oeynhausener, will er per Rad die ursprünglichen Landstriche erleben. Dafür hat er monatelang Türkisch gelernt. Nur noch wenige Tage, dann hebt der Flieger ab.
Dann warten gastfreundliche Menschen, 2.500 Meter hohe Berge und riesige Hütehunde. Die Angst vor der Tour ist mittlerweile gewichen, der Respekt geblieben. "Tu's einfach" sei seine Devise. "Wir bereuen am Ende nur das, was wir nicht gemacht haben. Und einen Rückzieher würde ich mein Leben lang bereuen", ist Schlattmeier überzeugt. Und so bricht er am 7. September mit rund 22 Kilo Gepäck auf zu einer wahren Abenteuertour.
Matthias Schlattmeier ist vorbereitet. Gepresste Handtücher, Mini-Gaskocher, Werkzeug. Schließlich muss das Fahrrad für den Flug in Einzelteile zerlegt und vor Ort wieder zusammengesetzt werden. Nur die Gas-Kartuschen fehlen im Gepäck. Die dürfen nicht mit in den Flieger. "Es wird nicht einfach, die in der Türkei zu organisieren - aber ich will mir ja ein bisschen Abenteuer bewahren und nicht alles durchorganisieren", winkt er ab. Im Gepäck hat er neben der Badehose zudem Winterkleidung, schließlich erwarten den Oberbecksener doch Temperaturunterschiede von bis zu 25 Grad Celsius.
"Bei Ankunft sind es zirka 20 Grad, zwei Tage später dann um die 0 bis -5." Dann, wenn Schlattmeier gleich zu Beginn einen der 2.500er meistert. "Im Hochgebirge möchte ich am liebsten direkt durchs Gelände, fernab der Straßen", sagt er. Da wartet übrigens das lebendige Abenteuer: die türkischen Hütehunde. "Die sind so groß wie ein Pony", sagt Schlattmeier und zeigt ein Foto mit einem Hund, der auf den Hinterbeinen stehend locker den Menschen neben ihm um einen Kopf überragt.
"Die Bauern in Anatolien schicken ihre Schafe gerne alleine mit den Hunden ins Hochgebirge. Ob die so begeistert sind, wenn sie mich sehen?" Vor den Hunden hat Matthias Schlattmeier am meisten Respekt, der Rest bereitet ihm keine Bauchschmerzen. "Doch, vielleicht noch der Verkehr in Ankara - wenn ich inmitten tausender Autos mit dem Rad herumkurve", ergänzt er.
Unberührte Natur und wilde Ziegen
Die Idee, das türkische Hochgebirge einmal näher kennenzulernen, entstand im Dezember 2018. "Damals war ich erstmals für vier Tage in der Türkei und habe dort Freunde besucht, die sich in einer der zahlreichen Ferienanlagen am Mittelmeer eingemietet hatten." Ihm selbst habe die All-in-Mentalität nicht behagt: "Ich lieh mir kurzerhand ein Rad und gab dem Taxifahrer vor dem Hotel zu verstehen, dass er mich am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang ins Taurusgebirge bringen möge."
Gesagt, getan und der Taxifahrer setzte Schlattmeier rund 80 Kilometer vom Hotel entfernt im Nirgendwo. Auf eigene Faust, ohne Navi und mit einer Flasche Wasser machte sich der 48-Jährige auf den Weg. "Diese Einsamkeit gepaart mit unberührter Natur, wilden Ziegen, glasklaren Bächen und unendlich viel Wald haben mich fasziniert", sagt er rückblickend. Es sei dieser eine Tag, der ihm von seiner Fahrt ans Mittelmeer in Erinnerung geblieben sei. "Deshalb will ich das türkische Hochgebirge länger unter die Stollenreifen nehmen."
Als coronabedingt im Lockdown kaum Freizeitaktivitäten zur Verfügung standen, reifte der Plan der Radtour. "Radfahren wurde in Zeiten von Corona sozusagen mein Urlaub", erklärt der Bad Oeynhausener. Am Wochenende legte er durchaus bis zu 400 Kilometer auf zwei Rädern zurück. "Dabei habe ich auch die Ausrüstung getestet." Zum Beispiel auf einem Trekkingplatz im Sauerland: "In Deutschland ist wildes Campen verboten." Doch nur durch diese Tests hätten sich kleine Fehler ausmerzen lassen.
Monatelange Vorbereitung
"Irgendwann bin ich auf den Slogan 'tu's einfach' gestoßen und kurzerhand beschlossen, umzusetzen, wovon ich träume. Nämlich vom Schwarzen Meer zum Mittelmeer zu radeln." Es folgten viele Recherchen, Videos und Fotos aus der Türkei, der Kauf eines speziellen Fahrrades, das so robust ist, dass es auch im ruppigen Gelände funktioniere, die Suche nach der besten Packtasche, der Einbau eines Nabendynamos für die Stromerzeugung und der Privatunterricht Türkisch.
Nach den letzten Monaten weiß Schlattmeier: "Wenn ich mal nicht im Freien übernachten möchte, kann ich das an einer Tankstelle tun." Denn jede Tankstelle habe einen Gebetsraum, in dem auch übernachtet werden könne. Für all das hat der 48-Jährige fleißig Türkisch gelernt. "Weil ich den Menschen mit Respekt und Wertschätzung begegnen möchte", erklärt er. "Dort sind viele Bauern noch mit Eselskarren unterwegs und ich kann hoffentlich mit meinem Wortschatz punkten."
Drei Wochen will sich Matthias Schlattmeier Zeit lassen, eventuell werden es aber auch fünf oder sechs. "Meine Agentur ist in guten Händen und meine Mitarbeiter froh, wenn ich mal nicht da bin", gibt der Versicherungsfachmann lachend zu. Auf den Weg macht er sich allein: "Es gibt keinen anderen Bekloppten, der das mitmacht." Außerdem müsse man für solch eine Tour sowohl körperlich als auch mental sehr stark sein. "Ich möchte mich auch niemandem anpassen müssen, möchte autark sein."
Der Auftakt einer Tradition
Matthias Schlattmeier setzt bei seiner Reise auf viele Eindrücke, auf interessante Begegnungen und spannende Erlebnisse. "Die Türkei hat so viel zu bieten", ist er überzeugt. "Viele Sehenswürdigkeiten sind noch gar nicht richtig erfasst." Wenn alles gut geht, soll eine jährliche Wiederholung einer längeren Radreise folgen. Dann aber nicht nur durch die Türkei: "Ich habe noch viele andere Ziele im Kopf."