Schloß Holte-Stukenbrock. Der Frühling kommt mit Macht. Das Gras schießt kraftvoll in die Höhe. Wer davorsteht, wird nur die grünen Halme wahrnehmen.Von außen nicht sichtbar, können sich inmitten des Wuchses aber Tiere verstecken, vor allem junge Rehkitze. Werden sie nicht entdeckt, bedeutet das in aller Regel ihr Todesurteil, wenn die Fläche gemäht wird. Um das zu vermeiden, suchen aufmerksame Menschen bislang die zu mähenden Felder stichprobenartig ab. Mitglieder des Hegering SHS sind seit dem vergangenen Jahr mit einer noch sichereren Methode unterwegs.
Rehkitze werden vorwiegend von Mai bis Juni geboren. „Die Muttertiere entfernen sich tagsüber, dann sind die Kitze sich selbst überlassen“, erläutert der neue Hegering-Leiter, Stefan Brok. „Der fehlende Fluchtreflex der Tiere wird ihnen oft zum Verhängnis.“ Droht Gefahr, verhalten sie sich mucksmäuschenstill.
Die Tiere werden aufgeschlitzt, verlieren Gliedmaßen
„Das ist ihr natürlicher Instinkt“, erläutert Stefan Brok. „Sie schreien erst, wenn sie vom Beutegreifer gepackt werden“, oder wenn das Messer des Kreiselmähers sie erwischt. Passiert Letzteres, ist es schon zu spät. Die Tiere werden aufgeschlitzt, verlieren Gliedmaßen. In jedem Fall erleiden sie einen qualvollen Tod. „Ein Großteil der Tiere stirbt nicht sofort“, sagt Stefan Brok über die Folgen. Das sei nur bei wenigen Tieren der Fall. Ein weiterer kleiner Prozentsatz habe das Glück, dass nur die Lauscher abgemäht würden. Schlimm mit anzusehen sei das in jedem Fall.
Andere Vereine haben sie schon länger, seit dem Jahr 2021 hat auch der Hegering SHS eine Drohne mit Wärmebildkamera. „Eine dauerhafte Leihgabe der Kreisjägerschaft Gütersloh als Dachverband der Hegeringe“, wie Stefan Brok hervorhebt. Die Kosten von etwa 8.000 Euro seien zu 80 Prozent vom Land gefördert worden, 20 Prozent habe die Kreisjägerschaft übernommen. Das Drohnenmodell „DJI Mavic 2 Advanced“ ist mit der neuesten Wärmebildtechnik ausgestattet. Weil die Drohne im vergangenen Jahr aufgrund von Lieferschwierigkeiten erst ab Juni zum Einsatz kam, gab es nur acht Einsätze. Da waren die meisten Felder schon gemäht. Dennoch konnten noch zwei Kitze gerettet werden.
In der Regel starten die ersten Mähvorgänge auf den Feldern Ende April. „Kernzeit ist Mitte Mai bis Ende Juni“, sagt Brok. Also in einer kurzen Zeitspanne, in der die Kitze geboren werden. In Schloß Holte-Stukenbrock mit allen Ortsteilen gebe es hauptsächlich Grünschnitt. Landwirte sollten sich im besten Falle ein bis zwei Tage vor dem Mähen beim Hegering melden, damit entsprechende Gruppen eingeteilt werden können. Die machen sich frühmorgens, wenn die Umgebungstemperatur noch kühl ist, auf die Suche. Die Bilder der Kamera werden dann entsprechend klar. „Die Wärmeausstrahlung der Kitze ist als weißer Punkt zu erkennen“, erläutert Stefan Brok.
Momentan gibt es die eine Drohne und drei Akkus. Mit einem Akku kann die Drohne 25 bis 30 Minuten fliegen. „Der Faktor Zeit ist wichtig“, bestätigt der Hegeringleiter. Der 32-jährige und seine Mitstreiter würden sich deshalb über Spenden freuen, um weitere Akkus (100 bis 200 Euro pro Akku) anschaffen zu können oder sogar noch mehr Drohnen. Auch die entsprechenden Führerscheine kosten Geld, etwa 350 bis 400 Euro pro Person. „Von der Firma Richard Brink haben wir bereits eine großzügige Spende erhalten“, sagt Stefan Brok. „Das Geld konnten wir für drei A2-Führerscheine nutzen.“
„Wir brauchen außerdem dringend weitere Personen, die durch das Feld laufen und entdeckte Kitze umsetzen“, wirbt Brok für ehrenamtliche Unterstützung. „Interessierte sollten mobil, motiviert und flink sein, um die Tiere vor dem sicheren Tod zu bewahren.“ Für die Suche werden zwei Personen benötigt, die die Drohne steuern und das Wärmebild beobachten und vier bis sechs Personen, die mitlaufen. Wer dabei sein möchte, kann sich bei Stefan Brok unter der Mailadresse s.brok@kjs-guetersloh.de melden.
„Wenn Kühe davon fressen, kann das für sie tödlich sein“
Beim Hegering SHS gibt es eine WhatsApp-Drohnengruppe mit derzeit zwölf Teilnehmer. „Ein Drittel von ihnen ist Drohnenpilot“, berichtet Stefan Brok. „Für die Drohnenklasse A 2 benötigt man gebietsweise einen speziellen Führerschein.“ Den besitzen derzeit neben Stefan Brok auch Dirk Zimmer und Aurel Eichberg. Ist ein Kitz, sind Hasen oder bodenbrütende Vögel entdeckt, werden sie mit Handschuhen und Grasbüscheln herausgeholt und an einen sicheren Ort gebracht. Für den Landwirt sei die Rettung der Tiere auch deshalb wichtig, erläutert Brok, weil die Kadaver, die dann womöglich in gepressten Heuballen landen, toxisch werden. „Wenn Kühe davon fressen, kann das für sie tödlich sein“, so verweist Brok auf den Begriff „Botulismus“.
Großer Wunsch von Jägern und Landwirten ist auch, dass Hundehalter ihre Tiere an der Leine halten. Der Beutetrieb der Hunde führe nicht selten dazu, dass Wildtiere gerissen werden.
Die schrillen Schreie der Kitze seien nur schwer zu ertragen, sagt Stefan Brok. „Die Rettung der Tiere gehört zum Naturschutz“, betont Dirk Zimmer. Interesse aktiv mitzuwirken hat bereits Daniel Ernst von der Johanniter-Hundestaffel signalisiert.