Bielefeld. Die imposante Gründerzeitvilla mit Türmchen in der Kurve an der Wertherstraße in der Nähe des Franziskus-Hospitals kennen viele vom Vorbeifahren auf dem Weg in die Innenstadt. Imposantes Treppenhaus, hohe Decken mit Stuck, Fischgrätparkett und vieles, was die Blicke auf sich zieht: Wie im Wohnmagazin sieht es aus im Bielefelder Geburtshaus, das dort zwei der drei Etagen nutzt und jetzt 20-jähriges Bestehen feiert. Es sei ein absoluter Glücksgriff gewesen, sagt Hebamme Meike Horwath, die das Geburtshaus 2005 gegründet und seinerzeit per Zeitungsanzeige nach Räumlichkeiten dafür gesucht hat. Als sie den Mietvertrag unterschrieb, hieß sie noch Görlich mit Nachnamen. Die Räume in der 1901 errichteten, ehemaligen Fabrikantenvilla seien zwar renovierungsbedürftig gewesen, „aber wunderschön“, mit vielen charmanten Details, wie den alten, eierschalenfarbenen, lackierten Zimmertüren oder dem große, festinstallierten Kronleuchter, der heute noch über dem großen Bett im Geburtszimmer im Erdgeschoss hängt. Holz, viel Weiß, Creme- und Pastelltöne: Eine befreundete Innenarchitektin entwickelte das durchgängige Farbkonzept, „das sich vom Durchschnitt abhebt“, wie in einem Bildband über die schönsten Geburtshäuser in ganz Deutschland zu lesen ist. Arbeitsmaterialien des täglichen Gebrauchs werden weitestgehend in geschmackvollen Schränken aufbewahrt. So strahlen die Räume mit 3,80 Meter Deckenhöhe Ruhe, Geborgenheit, Klarheit und Fröhlichkeit aus. Kuschelecke mit Ausblick im Erker der Bielefelder Gründerzeitvilla Etwa 300 Quadratmeter hat das Geburtshaus insgesamt zur Verfügung. Herzlich willkommen: Im Erdgeschoss, gleich neben der Kaffeeküche, lädt im großen, zentralen Raum mit Kuschelecke und Ausblick vom Erker ein großer Esstisch zum Verweilen ein. Fotografien von Kindern und Schwangeren, alle mit Bezug zum Geburtshaus und größtenteils in Schwarz-Weiß, zieren die hohen Wände. Im Herbst und Winter sorgt hier ein schwarzer Kamin im Stil von Louis XV zusätzlich für Wärme und Behaglichkeit. Die familiäre Wohlfühlatmosphäre schätzten die Familien sehr, sagt Johanna Wipping. Sie gehört zu dem heute neunköpfigen Team, das 2019 das Geburtshaus von Horwath übernommen hat. Die 51-Jährige hat „der Liebe wegen“ ihren Hauptwohnsitz nach Hildesheim verlagert und arbeitet von dort aus weiter fürs Geburtshaus als Qualitätsbeauftragte. Im Dachgeschoss mit Blick auf die Sparrenburg, das das Geburtshaus heute für Teamraum, Büro und Massagen und Vorsorge nutzt, war lange Horwaths Privatwohnung in Bielefeld. Über die Geschichte des Hauses sei wenig bekannt. Nur, dass die Etagen recht schnell auch als Büroräume genutzt wurden. „Auch eine Modellagentur war hier mal drin“, berichtet Horwath. Eingeschneit im Bielefelder Geburtshaus .responsive23-bxZK6nLjt6NDPqI1-map-geburtshaus-bielefeld { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-bxZK6nLjt6NDPqI1-map-geburtshaus-bielefeld { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-bxZK6nLjt6NDPqI1-map-geburtshaus-bielefeld { padding-top: 142.86%; } } „Als wir im vergangenen Jahr bei den Nachtansichten mitgemacht haben, waren zwei bestimmt über 80-jährige Besucher da, die als Kinder immer bei ihrer Tante waren, die hier damals wohnte“, berichtet Wippich. Sie sei dann damals eine der ersten und wenigen gewesen, die schon einen Fernseher hatte, hätten sich die Herrschaften erinnert. Heute wird noch die mittlere Etage der imposanten Villa als Wohnung genutzt, im Souterrain ist eine Studenten-WG. 2.406 Babys (Stand 30. April) seien seit der Gründung vor 20 Jahren im Geburtshaus zur Welt gekommen, berichten die Hebammen. Die beiden schwersten hätten über fünf Kilogramm gewogen. Die längste Geburt habe sich über drei Tage gezogen. „Das war im Winter, und wir waren hier eingeschneit“, erinnert sich Horwath. Das sei aber schon einige Jahre her. Neben den neun festen Partnerinnen unterstützen weitere Kolleginnen das Team, darunter seit Neuestem mit Jonas Küppers auch eine männliche Hebamme. Es sei ein unglaublich schöner, aber auch fordernder und intensiver Beruf, sagt Maren Kanning, die seit drei Jahren im Geburtshaus arbeitet und vorher im Franziskus-Hospital angestellt war. Yoga und Elterncafé für queere Familien Was sich das Team vom Geburtshaus zum runden Geburtstag wünscht? Der tolle Arbeitsplatz in super Lage, die große Dankbarkeit und Wertschätzung der Eltern: Vieles sei schon ganz wunderbar, ihr Beruf ohnehin Berufung. Nur die Rahmenbedingungen seien schwierig. „Allein für die Haftpflichtversicherung muss jede von uns monatlich 1.300 Euro bezahlen“, berichten die Hebammen. Ob die im November erlassene, „lange überfällige“ neue Gebührenordnung wirklich Verbesserung bringe, sei aktuell noch nicht ersichtlich. Viele Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse, Baby- und Schwangerenmassage, Yoga vor und nach der Geburt, Erste-Hilfe-Kurse, Vorträge über geeignete Kräuter während der Schwanger- und Stillzeit oder neue Angebote wie ein Elterncafé für queere Familien: In der Gründerzeitvilla kommen längst nicht nur Babys auf die Welt. „Mit Geburten allein kann man auch kein Geburtshaus finanzieren“, sagt Horwath.