Kreis Höxter/Borgentreich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beinahe zur Gänze ausgerottet, breitet sich der Europäische Biber wieder aus. Auch im Kreis Höxter: 2013 wurden erste Nachweise erbracht, für 2017 ist ein erstes Vorkommen an der Weser bei Albaxen in Höhe der Tonenburg belegt. Der Biber, der in Deutschland auf der Roten Liste stehe, fühle sich an Weser, Nethe, Emmer, Bever, Diemel und Twiste wieder wohl, sagt Biologe Peter Maciej von der Landschaftsstation des Kreises in Borgentreich. Aktuell gehen die Verantwortliche der Station von bis zu 30 Vorkommen aus. Sie rechnen damit, dass es in den kommenden Jahren noch mehr werden. Zuletzt war an den Hardehauser Teichen ein Exemplar des größten Nagetieres Europas gesichtet worden. Nach mehr als 200 Jahren war der Biber damit auch ins Eggegebirge zurückgekehrt. Meistens lassen sich die nachtaktiven und scheuen Tiere nur durch die Spuren, die sie hinterlassen, nachweisen. Fraßspuren, Fotos aus Wildkameras. Welche Gewässer gefallen dem Biber? „Biberburgen sind eher selten“, weiß Maciej. Ökologisch gesehen arbeitet der Biber an der Renaturierung der Flüsse mit. Wo man ihm den Raum lässt, treffen sich Biodiversität und Klimaschutz. Wo der Biber sich etabliert habe, gestalte er die Landschaft, sagt Maciej. „Um die aktuellen Bestände des Bibers im Blick zu behalten, führen wir im Kreis Höxter jährlich eine kreisweite Bestandserfassung durch“, berichtet Sven Mindermann, Geschäftsführer der Landschaftsstation in Borgentreich. Diesmal vertieft von Fiona Brüggenthies, Studentin der TH OWL in Höxter. Mit ihrer Masterarbeit, die sich mit dem Thema beschäftigt, liegt sie in den letzten Zügen. Das Potenzial für die neue Population im Kreis Höxter Die 24-jährige angehende Landschaftsarchitektin analysierte, welche Gewässer dem Biber gefallen und damit hohes Potenzial für eine neue Population haben. „Der Biber hat hier eine echte Chance“, nimmt Maciej das Ergebnis vorweg. Vor allem sei die Studie „nichts für die Schublade“, sagt Maciej. Dieses Schicksal so vieler Abschlussarbeiten an Unis und Fachhochschulen werde sie nicht teilen. Brüggenthies erforschte, wo sich der Biber im Kreisgebiet wieder angesiedelt hat, wo er sich in Zukunft wohlfühlen wird, und welche Konflikte es mit Landwirtschaft und Bevölkerung geben könnte. „Ihre Erkenntnisse werden in ein effizientes Biber-Management einfließen“, sagt Mindermann. „Eine Win-win-Situation für beide Seiten“, merkt er an und betont die jahrelang gute Zusammenarbeit mit der Hochschule in Höxter. Aktuell würden in der Station vier Arbeiten mit naturwissenschaftlichen Fragestellungen betreut. Von der engen Verbindung in den Studienjahren profitierten alle, bilanziert Masterstudentin Brüggenthies. Ihre Arbeit, praxisnah und zukunftsorientiert, werde wertgeschätzt. Die für die Hochschule hervorragenden Standortbedingungen Mindermann verweist auf das 22-Wochen-Praktikum, das für die Studierenden im Fach Landschaftsarchitektur Pflicht sei. Ab August bis in den Januar hinein gehen die Studierenden aus Höxter „bei uns in die Praxis“, sagt Mindermann. Ein typisches Beispiel für die inzwischen jahrzehntelange enge Zusammenarbeit zwischen der Höxteraner Hochschule und der Landschaftsstation. „Und ein typisches Beispiel für die hervorragenden Standortbedingungen im Kreis Höxter“, ergänzt Peter Maciej. Der promovierte Biologe ist selbst Lehrbeauftragter an der Technischen Hochschule. Der Kreis Höxter sei mit seiner enorm vielfältigen naturräumlichen Ausstattung „ein Top-Freilandlabor direkt vor der Haustür“, sagt Mindermann. Sorgen um die TH OWL - weniger um den Biber Das Beispiel des Bibers zeige die enge Verzahnung der TH OWL am Standort Höxter mit der Naturschutzeinrichtung, merkt der Landschaftsstation-Geschäftsführer zur aktuellen Diskussion um die Zukunft der TH OWL am Standort Höxter an. Um die Zukunft des Bibers machen sich die Fachleute dagegen weniger Sorgen. An den großen Fließgewässern im Kreisgebiet, an Weser, Nethe, Diemel, Twiste, Emmer und Bever gebe es 25 bis 30 Vorkommen, sagt Maciej. Die Frage nach der konkreten Anzahl sei schwer zu beantworten. Ob Einzelgänger oder Familienverband, wie viele einzelne Biber hinter diesen Vorkommen stecken, könne er nicht sagen, sagt er mit Blick auf das Monitoring. Die Reviere entlang des Gewässers sind zwar zwischen ein und drei Kilometer lang, führen aber am Ufer nur bis zu 20 Meter ins Land, erklärt Brüggenthies auch mit Blick auf mögliche Probleme für die Äcker der Landwirtschaftschaft. Bisam, Nutria, Biber - oder was? Ein Bisam wiegt gut zweieinhalb Kilo, ein Nutria, der ursprünglich aus Südamerika stammt, gut zehn Kilo. Ein ausgewachsener Biber bringt 30 Kilo und mehr auf die Waage. Der Biber braucht mindestens eine Wassertiefe von 1,50 Meter. Zu jeder Jahreszeit, wenn er im Flussabschnitt siedeln kann. Noch stehe der Vergleich zwischen Bestandsgebieten und Gewässerabschnitten ohne Biberansiedlung aus, sagt die Hochschulstudentin. Alle hier am Tisch sind um jeden Hinweis aus der Bevölkerung froh. Ende Juli wird Brüggenthies ihre Masterarbeit abgeben. Bislang habe es noch keine Konflikte mit den Menschen gegeben, sagt Maciej und nennt die Landschaftsstation als Ansprechpartner. Mindermann weist vorsorglich auf Möglichkeiten, Bäume oder Uferbereiche zu schützen, hin. Befürchtung: Ausbildung der Studierenden leidet Seit man in den 1980er-Jahren damit begonnen habe, den Naturschutz im Kreis Höxter zu professionalisieren, sei die Mitarbeit Studierender in der Borgentreicher Landschaftsstation „gängige Praxis“, sagt Mindermann und befürchtet weniger Anfragen. „Uns werden die Praktikanten fehlen“, sagt er, „Und die Ausbildung der Studierenden wird leiden“, betont Maciej die andere Seite. Beide betonen Qualität und Mehrwert, der sich zwischen Landschaftsstation und Hochschule ergebe. Mit einem Aus der TH OWL am Standort Höxter werde der Region der Expertennachwuchs fehlen. Denn Klimawandel, Arten- und Naturschutz, Nachhaltigkeit: Die Berufsaussichten für Landschaftsarchitekten sind weit darüber hinaus vielsprechend. Fiona Brüggenthies kann sich eine Zukunft in einem Planungsbüro, bei einer Behörde oder auch bei einer Landschaftsstation gut vorstellen. Sie wird sich bewerben.