Herford. War ein fatales Nickerchen am Steuer der Auslöser für einen spektakulären Unfall in Herford? Und wie gefährlich ist überhaupt der sogenannte Sekundenschlaf. Eine Übersicht. Zur Erinnerung: In den frühen Morgenstunden des 28. Mai war eine 21-Jährige auf der Bielefelder Straße in Richtung Innenstadt unterwegs. Nach einer kleinen Kurve geriet ihr Nissan hinter die Seitenschutzplanke, fuhr gut 75 Meter parallel zur Fahrbahn über einen zugewachsenen Grünstreifen, landete dann im Flüsschen Aa. Der Kleinwagen versank. Ein anderer Autofahrer stoppte, rettete die junge Fahrerin durch die Kofferraumklappe. Ihr Wagen musste später mit einem XXL-Autokran geborgen werden. Die 21-Jährige kam mit leichten Verletzungen davon. Glück im Unglück nennt man das wohl. Doch was war der Grund für den Crash? Hohe Strafen können drohen „Aussagen von Zeugen deuten zumindest darauf hin, dass es sich um einen Sekundenschlaf gehandelt haben könnte“, erklärt Hendrik Drawe, Pressesprecher der Herforder Kreispolizeibehörde auf NW-Nachfrage. Allerdings lasse sich das nicht mit letzter Sicherheit belegen. „So etwas lässt sich auch nur sehr schwer nachweisen. Die meisten Leute lassen sich zu dem Thema nicht ein, wenn wir sie nach einem Unfall befragen“, so der Beamte weiter. Und das ist wenig verwunderlich. Denn sollte die Polizei nachweisen können, dass ein Fahrer wegen eines Sekundenschlafs einen Unfall verursacht, wird das als Straftat gewertet. Drawe: „Das ist dann eine Gefährdung des Straßenverkehrs und so zu werten, als führe man unter Alkohol- oder Drogeneinfluss.“ Geahndet werden kann solch ein Delikt mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe. Und natürlich droht bei einer Verurteilung auch ein Entzug der Fahrerlaubnis. Laut einer Studie des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ist Sekundenschlaf hierzulande die Ursache für gut ein Viertel aller tödlichen Autobahnunfälle. Also ein nicht zu unterschätzende Gefahr. Zumal: Bei Tempo 100 legt ein Fahrzeug während einer Sekunde Schlaf des Fahrers 28 Meter zurück – unkontrolliert. Das sind die Warnsignale Doch wie merke ich eigentlich, dass ich zu müde bin, um mit meinem Auto gefahrlos am Straßenverkehr teilzunehmen? Alexander Kemper, gemeinsam mit Dr. Matthias Ruhe Leiter des Schlaflabors am Klinikum Herford, benennt Warnsignale. Einige Symptome für Übermüdung seien demnach brennende Augen, ständiges Gähnen, man friert, so der Experte. Klingt logisch, dennoch würden so einige Autofahrer diese Anzeichen ignorieren, trotzdem losfahren. „Jeder hat mal mehrere schlechte Nächte gehabt, kann in so eine Situation kommen“, sagt Kemper. Aber: Das Sekundenschlaf-Problem kann auch chronische Auslöser haben. „Schlafapnoe ist tatsächlich einer der häufigsten Gründe“, berichtet der 43-Jährige. Ergäben sich bei den Untersuchungen im Schlaflabor deutliche Hinweise auf eine solche Erkrankung und eine daraus folgende Schläfrigkeit am Tag, könnten die Mediziner sogar Fahrverbote aussprechen – beispielsweise für Berufskraftfahrer, die jobtechnisch viel auf der Straße unterwegs sind. „Wir machen das nicht gerne und wir nehmen natürlich niemandem die Fahrzeugschlüssel weg, informieren auch nicht die Polizei. Aber wir sagen es den Patienten nachdrücklich, leiten die Befunde an den Hausarzt weiter. Am Ende geht es aber auch darum, Unfälle zu vermeiden“, sagt Alexander Kemper. Er ergänzt: „Durch eine entsprechende Behandlung kann aber eine deutliche Besserung eintreten, dann nehmen wir die Fahrverbote natürlich wieder zurück.“ Mediziner hat wichtigen Appell Wer von selbst merkt, dass er bei oftmals längeren Fahrten schläfrig wird, sollte einige Tipps des Mediziners beherzigen. Der Schlaflabor-Chef empfiehlt: „Wenn die Müdigkeitssymptome kommen, sollte man eine Pause einlegen, ein kurzes Schläfchen im Wagen machen. 10 bis maximal 30 Minuten reichen oft aus, um eine akute Müdigkeit zurückzudrängen. Wichtig: Solche Nickerchen ersetzen nicht den ausreichenden Schlaf in der Nacht.“ Von angeblichen „Hausmitteln“ gegen Erschöpfung beim Autofahren – das Radio lauter drehen, das Fenster während der Fahrt öffnen, viel mit einem möglichen Beifahrer reden – rät Kemper ab: „Das hat alles nachweislich keinen Effekt. Auch Energydrinks oder Kaffee könnten wenig gegen die aufkommende Müdigkeit ausrichten. Allerdings: „Vor dem Powernap könnte man einen starken Kaffee trinken.“ Das Koffein wirke nämlich erst nach 30 Minuten, halte nicht vom Einschlafen ab, verstärke dann aber den wach machenden Effekt des kurzen Schläfchens. „Mein Appell lautet: Wenn die Leute zwar meinen, sie würden eigentlich genug Schlaf bekommen, aber trotzdem das Gefühl haben, dass sie bei längeren oder monotonen Fahrten am Lenkrad schläfrig werden, sollten sie einmal mit ihrem Hausarzt drüber sprechen“, so Alexander Kemper abschließend.