Gütersloh. Ein Feuerwehrauto von 1954 verrichtet mehr als drei Jahrzehnte lang verlässlich seinen Dienst in der Stadt Gütersloh. Dann landet der feuerrote Magirus Deutz im mehr als 360 Kilometer entfernten Rheinland-Pfalz in einem Technikmuseum, wo er seinen Lebensabend verbringen darf. Doch das Ausstellungsstück wird im Mai 2025 trotz seines guten Zustands aussortiert und scheint nun endgültig in der Versenkung zu verschwinden. Da starten zwei Oldtimer-Liebhaber aus dem Kreis Gütersloh eine beeindruckende Aktion. Die Brüder Mario und Jannick Pagenkemper aus Kaunitz kaufen den Löschwagen für 10.000 Euro, retten ihn vor dem Vergessen und hauchen ihm jetzt mit einer aufwendigen Restauration neues Leben ein. Das Ziel der Geschwister: Sie wollen das eigentlich schon ausrangierte Gefährt wieder richtig gut in Schuss und auf die Straßen seiner alten Heimat im Kreis Gütersloh bringen. Der Grund für das Engagement der Brüder liegt zum einen in ihrem Hobby, vor allem aber in der engen Beziehung, die sie zu dem mittlerweile 71 Jahre alten Wagen pflegen. „Das Fahrzeug gehörte früher den Wirus-Werken in Gütersloh. Dort hat unser Opa als Leiter der Werksfeuerwehr den Wagen gefahren“, erzählt Mario Pagenkemper. Sein Großvater ist vor drei Jahren gestorben. „Der Gedanke, seinen Feuerwehrwagen zurückzuholen war immer da. Die Restauration ist für uns eine Herzensangelegenheit. Wir machen den Wagen fahrbereit, um damit die Oldtimer-Treffen der Region unsicher zu machen.“ Geschichte des Oldtimers beginnt im Jahr 1954 Die Frischzellenkur läuft auf Hochtouren: Der bullige Blaulicht-Sechszylinder steht aufgebockt im Unterstand auf dem elterlichen Hof und Firmengelände der 1926 gegründeten Traditions-Zimmerei Pagenkemper im Kaunitzer Ortskern. Nur die originalen Vorderreifen fehlen. „Die sind gar.“ Bei der Generalüberholung gibt es gar nicht so viel zu tun, wie man bei einem Kfz vermuten würde, der ewig stillstand. Gerade wurde der Ölwechsel gemacht. „Spannend wird der Start des luftgekühlten Motors nach fast 40 Jahren Standzeit“, sagt Mario Pagenkemper. Der Sechszylinder-Motor bezieht aus imposanten acht Litern Hubraum ganze 125 PS Motorleistung und ermöglicht so – im besten Fall – bis zu 80 km/h Spitzengeschwindigkeit. Sorgen bereitet dem Zimmermeister der Antrieb nicht. „Der ist absolut robust und in einem Top-Zustand“ Der 27-Jährige gerät beim Anblick von Opas altem Feuerwehrauto ins Schwärmen: „Es ist ein Fahrzeug mit vielen Besonderheiten und bewegender Historie.“ Die Geschichte des sehr seltenen Truppwagens (Drei-Mann-Besatzung) beginnt im Sommer 1954. Die deutsche National-Elf hat gerade überraschend die Fußball-WM in der Schweiz gewonnen. Im ganzen Land herrscht Aufbruchstimmung. Bei der Gütersloher Feuerwehr steht mit dem 75. Jubiläum ein bahnbrechendes Ereignis an. Von der Stadt gibt es als Geschenk das Tanklöschfahrzeug, kurz TLF 15 T. Alten Aufzeichnungen zufolge bewährt sich die Neuanschaffung: So wird das Auto der Gütersloher Wehr zwischen April und August 1954 zu 33 Einsätzen gerufen und bringt alle Brände mit seinen fast 3.000 Litern im Tank unter Kontrolle. Spektakuläre Rückholaktion führt über Umweg An das Löschwasser gelangt man über einen offenen Pumpenstand im Heck. „So wie man es eigentlich eher aus Amerika kennt“, sagt Jannick Pagenkemper, der sich in der örtlichen Feuerwehr engagiert. Zudem verfüge das Fahrzeug im Heck über einen offenen Pumpenstand. Die Pumpe wollen die Brüder auch wieder in Betrieb nehmen. Hilfe bekommen sie bei ihrem Projekt vom erfahrenen Schrauber Claus Nietzold (73), der gerade die alten, von innen aufgequollenen Bremsschläuche bearbeitet hat. Die Schläuche sind noch völlig intakt, als der Wagen im Jahr 1972 seinen Besitzer wechselt und an die Wirus-Werke Gütersloh verkauft wird. Heinrich Pagenkemper ist da bereits zwei Jahre Leiter der Werksfeuerwehr. Er fährt und pflegt den Wagen fortan. „Opa hat erzählt, dass mit dem Fahrzeug damals schon mal gerne Bohrlöcher in Gütersloher Gärten gemacht wurden“, berichtet Mario Pagenkemper. Die spektakuläre Rückholaktion hat ihn und seine Mitstreiter über den Umweg nach Speyer geführt. Denn 1986 kauft ein Nutzfahrzeug-Sammler aus der Gegend das Gütersloher Feuerwehrauto. Er überführt es ins dortige Technik-Museum, das mit der größten Sammlung historischer Feuerwehrfahrzeuge Europas aufwartet. Auch deshalb haben die Pagenkempers dort seit Jahren eine Mitgliedschaft. „Beim diesjährigen Tag der offenen Tür haben wir Opas Fahrzeug nicht mehr gefunden.“ Oldtimer soll für 2.500 Euro straßentauglich werden Als Mario Pagenkemper von der Ausmusterung erfährt, nimmt er Kontakt zum Eigentümer auf, schildert ihm seine Pläne und hat Erfolg. Eine Spedition bringt den Wagen zurück. Zusätzlich zum fünfstelligen Kaufpreis kalkuliert der Kaunitzer jetzt noch einmal 2.500 Euro ein, um den Löschwagen straßentauglich herzurichten. „Der Wagen war 39 Jahre unberührt, vieles ist noch gut erhalten.“ Das Blaulicht läuft, ebenso der Suchscheinwerfer. Selbst der Gloria-Autofeuerlöscher macht einen tadellosen Eindruck. Den Lack, im Farbton RAL 3000 Feuerrot, wollen die drei Restauratoren nicht erneuern, sondern stattdessen konservieren, um die Patina der vergangenen 71 Jahre zu erhalten. Manche Details überraschen: Klappt man in der Fahrerkabine die Sitzbank aus weinrotem Echtleder um, taucht darunter der Deckel zu einem 70-Liter-Tank auf. „Darin befand sich noch der Original Diesel von 1986 – leicht gelb, aber glasklar. Der hat keine Bio-Zusätze, damit läuft der Wagen“, ist Mario Pagenkemper überzeugt. Ebenfalls noch vorhanden sind der originale Fahrzeugbrief mit zwei Einträgen sowie das alte Kennzeichen: WD-R20, für Wiedenbrück. Im Handschuhfach haben die drei Kfz-Enthusiasten den Zettel vom letzten Ölwechsel gefunden – Anfang 1986 bei der Stammwerkstatt in Greffen. Ein Blick auf den Tacho im holzverkleideten Armaturenbrett verrät: Danach ist der Wagen nur noch 600 Kilometer gefahren. „Selbst Opas grüne Teppichfliesen von damals liegen noch im Fußraum – als Schonmatten“, sagt Mario Pagenkemper und strahlt. Dort bleiben sie auch liegen, so viel ist sicher. Noch nicht fest, steht hingegen der Termin für die erste Ausfahrt. Grob geschätzt soll es in zwei bis drei Wochen so weit sein. Ein Fahrgast ist fest eingeplant: Oma Maria (87) freue sich bereits „wie Bolle“ auf die erste Einsatzfahrt im früheren Feuerwehrauto ihres Mannes.