Höxter/Guatemala. Efraín Ríos Montt (86), Ex-Diktator von Guatemala, hat in anderthalb Jahren Regentschaft einen der schlimmsten lateinamerikanischen Völkermorde der Neuzeit befohlen. An die 15.000 indigene Guatemalteken wurden 1982/83 ermordet, 448 Bergdörfer dem Erdboden gleichgemacht. Seit Anfang 2012 werden die Verbrechen vor Gericht in einem Genozid-Prozess aufgearbeitet. 30 Jahre später.
Johann Dremmel* aus Höxter hat bereits 1982 versucht, dem Treiben des Tyrannen Einhalt zu gebieten – mit Modellflugzeugen. Kleine Flieger aus Balsaholz hat er gebastelt und sie dann an die Guerilla nach Guatemala verschickt. Die Rebellen bestückten die Modellflieger mit Sprengstoff und ließen sie als Drohnen in militärische Ziele stürzen und explodieren. "Ich redete mir ein, dass sie nur Ziele am Boden angriffen und dass keine Menschen dabei umkamen", sagt der "ostwestfälische Che Guevara". Bis heute hat er nie öffentlich über seine Unterstützung der Rebellen geredet. "Aus Angst. Natürlich wusste ich, dass das verboten ist."
Doch Dremmel hatte Gründe für sein Engagement: 1980, gerade 18 geworden, war er zufällig in besagten Krieg geraten. "Ich war eigentlich nur auf der Durchreise von Mexiko nach Ecuador, ein Abenteuerurlaub", erzählt er. In Guatemala gefiel ihm die Landschaft, also blieb er für ein paar Tage. Dass dort schon seit Jahren ein Bürgerkrieg tobte, wusste er nicht. "Das wurde damals im Westen nicht so publik gemacht – wahrscheinlich, weil die USA unter Ronald Reagan den Diktator unterstützten", sagt Dremmel.
Der junge Deutsche machte mit einer Rebellengruppe Bekanntschaft und schloss sich ihr an. "Ich dachte, das wären alles Pfadfinder", erinnert sich Dremmel. Nach den ersten durchlebten Fliegerangriffen wusste er es besser.
Augenzeuge einzelner Hinrichtungen
Dremmel sprach damals nur gebrochen spanisch. Aber es reichte, um die Geschichten von Napalm-Bombardierungen und anderen Gräueltaten zu verstehen, die mittlerweile offiziell anerkannt sind. Dremmel wurde Augenzeuge einzelner Hinrichtungen. Mit zittrigen Händen hielt er einige Momente mit der Kamera fest. Doch die Guerilleros nahmen ihm sämtliche Filme mit verfänglichen Fotos ab. Zu groß war ihre Angst, verraten zu werden. Was blieb, waren harmlose Urlaubsfotos. Und Erinnerungen, die Dremmel zu Papier brachte.
Zurück in Deutschland, tingelte er durchs Land und hielt zahllose kleine Vorträge. "Aber hierzulande wollte mir kaum einer glauben, was ich gesehen hatte", erinnert er sich. Etwas mehr Gehör wurde da schon dem ehemaligen Sprecher des guatemaltekischen Innenministeriums geschenkt. Der war zu den Rebellen übergelaufen und befand sich jetzt ebenfalls auf Vortragsreise in Deutschland. Der Kontakt war schnell hergestellt. Dremmel, seit seiner Kindheit Modellflugzeugbauer, ging aufs Ganze und unterbreitete seinen Vorschlag. Die Reaktion war zunächst verhalten. "Der hatte Angst, dass ich ein Spitzel der CIA bin", sagt Dremmel. "Meine chilenischen Professoren von der Uni Bielefeld – Flüchtlinge nach dem Putsch gegen Allende – mussten dem Mann klarmachen, dass ich ein Anhänger der lateinamerikanischen Freiheitsbewegungen war." Sie überzeugten ihn.