Ist euch “Assassins Creed: Valhalla” zu groß? Habt ihr keine Lust darauf, jedes letzte Fragezeichen auf der gigantischen Map des jüngsten Open-World-Games für ein paar Goldmünzen und einen unterfordernden Kampf gegen Nullachtfünfzehn-Monster abzuklappern? Ihr könnt eine Hauptstory um die Weltenrettung problemlos für ein paar Stunden links liegen lassen, um stattdessen eine fesselnd erzählte Nebengeschichte zu erleben? Dann könnte "Atlas Fallen" das Spiel sein, von dem ihr noch nicht wusstet, dass es für euch ist.
Das Fantasy-Abenteuer vom deutschen Entwickler "Deck 13" versteht es nämlich, das richtige Maß für seine Welt und unseren Weg darin zu finden. Die Kämpfe sind angenehm taktisch, aber mit der richtigen Strategie gut zu meistern – und obendrein optisch eindrucksvoll. Es gibt genug zu entdecken, aber nicht so viel, dass man nach dem ersten Areal schon in Sammelaufträgen ertrinkt. Und die Spielwelt ist optisch über weite Strecken ein echter Hingucker. Immer wieder fallen uns irre Felsformationen und Sandwüsten auf, bei denen wir nicht anders können, als innezuhalten und einfach nur zu staunen.
Die Story: Staubtrocken
Die Story gewinnt zwar keinen Preis für Innovation, liefert aber immerhin ein klares Ziel. Als Kanonenfutter-Soldat in einer Welt, in der rachsüchtige Götter jederzeit schlechte Laune bekommen und ganze Landstriche zu Wüsten veröden lassen können, haben wir als einer der wenigen Bewohner Glück. Uns fällt nämlich ein mächtiger magischer Handschuh („Gauntlet) in die Finger.
Diesen haben Menschen vor uns schon erfolgreich gegen die Götter eingesetzt, dafür müssen wir aber zuerst all seine verloren gegangenen Bestandteile wiederfinden. Das Ziel: das Joch der Götter abzuschütteln, die flammende Fratze des Wächters vom Himmel zu wischen und der Welt wieder Frieden zu bringen.
Das Gameplay: Smooth und fordernd
Mit der Macht des Gauntlets können wir von Beginn an coole Sachen anstellen. Verschiedene Angriffsarten verknüpfen, sie mit Sprüngen kombinieren und so kräftig Backenfutter unter unseren Gegnern, den gefährlichen Phantomen, verteilen. Das sieht ziemlich stylisch aus, erfordert aber auch eine gewisse Geduld am Controller-Trigger, um die Combos nicht zu unterbrechen – insbesondere bei den stärkeren Gegnern.
Für die brauchen wir in der Regel die passenden Essenzsteine. Die finden wir immer mal wieder in der Spielwelt oder nach Kämpfen. Mit ihnen können wir unsere Fähigkeiten jederzeit an unsere Gegner anpassen. Und weil wir sie dafür tatsächlich auch alle brauchen, motiviert uns das Spiel sanft, auch wirklich alle zu finden, um die mächtigsten Combos freizuschalten. Reines Knöpfehämmern führt hier nicht zum Ziel.
Ein Beispiel aus dem frühen Spielverlauf: Hier lässt uns ein riesiger Sandkrebs mit langen Angriffsserien kaum einmal selbst attackieren. Die Lösung: Per Kettenangriff unterbrechen wir seinen Flow und schlagen dann selbst zu. Das Finden der richtigen Essenzen ist ein wenig Glückssache, aber der damit zu erlegende Gegner, an dem man vielleicht bisher mehrfach gescheitert ist, fällt einem meist schnell ein.
Das Spielgefühl: Unerhört rund
Dass wir auch zwischen den Kämpfen kaum mal Leerlauf verspüren, liegt zum einen an den Nebenquests. Bis auf wenige Ausnahmen führen die uns nämlich angenehm tief in die Welt ein und setzen auf das Erzählen von glaubhaften Einzelschicksalen. Im Verlauf der Story schalten wir zudem nach und nach neue Abschnitte der Spielwelt frei, die wiederum neue Geschichten bieten. Klasse!
Viel cooler ist aber, dass in „Atlas Fallen“ sogar Sammelquests Spaß machen. Denn der Gauntlet erlaubt uns, auf dem allgegenwärtigen Sand zu surfen. Das fühlt sich so ungemein smooth an, dass auch das Durchqueren leerer Areale Laune macht. Denn die Idee passt so gut zur Spielwelt, wie sie sich herausragend steuert. Open-World-Spiele mögen an vielen Stellen stagnieren, aber „Atlas Fallen“ schafft es tatsächlich, dem Genre noch eine neue Facette hinzuzufügen.
Und dabei bleibt es nicht. Denn der Koop-Modus, in den einer unserer Freunde jederzeit einsteigen kann, ist so stringent auf Spielspaß optimiert, dass es eine Freude ist. Jeder Spieler kann eigenständig Gespräche führen und Quests absolvieren. Was der eine an Beute sammelt, bekommt der andere als Duplikat ebenso. Und auch die Kämpfe spielen sich nicht mehr ganz so schwer, weil unsere Gegner ein zusätzliches Ziel haben und uns auch mal in Ruhe auf sie eindreschen lassen. Zusätzlich können sich Koop-Partner per Essenz-Stein gegenseitig stärken.
Dass sich also ein Einzelspieler-Spiel im Koop mal nicht nur für einen Spieler lohnend anfühlt, ist ein echter Fortschritt für das Genre. Wir sagen: Eine fantastische Idee, die Schule machen sollte.
Fazit
„Atlas Fallen“ hat zwei Dinge verstanden: Dass eine gute Open World nicht groß sein muss, sondern sinnvoll gefüllt. Und dass eine gute Mischung aus spielerischer Freiheit und klaren Aufgaben immer noch am meisten Spaß macht. Wie wir die Spielwelt erkunden dürfen, was wir in ihr finden und dass das alles eigentlich immer Spaß macht, das muss man erstmal hinkriegen. Ein echtes Plus ist auch die Vertonung, in der unter anderem die deutschen Stimmen von Nicolas Cage und John Cusack für das richtige Erzähltempo sorgen.
Ob euch „Atlas Fallen“ gefällt, hängt trotzdem davon ab, ob ihr bereit seid, euch auf das Schere-Stein-Papier-Prinzip von Fähigkeiten und Gegnern einzulassen. Denn ohne die richtige Vorbereitung und gutes Timing in den Kämpfen können diese auch frustig werden. Wer sich reinfuchst, wird aber mit dem wahrscheinlich unterhaltsamsten deutschen Spiel seit „Everspace 2“ belohnt. Jedenfalls steht die deutsche Spielebranche jetzt wieder ein gutes Stück besser dar als noch zum Release des in jeder Hinsicht desaströsen Herr-der-Ringe-Unfalls „Gollum“.
"Atlas Fallen" ist seit dem 10. August 2023 für PlayStation 5, Xbox Series X|S und PC verfügbar und kostet rund 60 Euro.