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Geschichte

Runder Tisch soll Kinderverschickungen in NRW aufarbeiten

Ein Runder Tisch soll in Nordrhein-Westfalen das Leid von Millionen Verschickungskindern aufarbeiten. Das hat die SPD-Landtagsfraktion mitgeteilt und sich dabei auf eine Antwort der Landesregierung berufen. In dem der dpa vorliegenden Schreiben kündigte Gesundheits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann (CDU) an, aktuell liefen Abstimmungen zur Errichtung des Runden Tisches, Anfang 2023 solle das Gremium starten.

Das nordrhein-westfälische Gesundheits- und Sozialministerium hatte Anfang des Jahres eine Studie zur Aufarbeitung des Leids von Millionen sogenannter Verschickungskinder vorgelegt. Demnach wurden allein in NRW zwischen 1949 und 1990 Fahrten für über 2,1 Millionen Kurkinder in die oft berüchtigten Kur- oder Erholungsheime organisiert. Laut der Studie wurde der Aufenthalt im Kurheim für viele Kinder zu einer Tortur, die sie bis ins Erwachsenenalter traumatisch belastete. Die Zeitzeugenberichte über Gewalt, Schläge, Essens- und Schlafentzug, Isolierung und Demütigung in den Kurheimen bezeichnen die Autoren der Studie grundsätzlich «als in hohem Maße glaubwürdig».

Am Runden Tisch zur Aufarbeitung der Geschehnisse sollen laut Antwort auf die SPD-Anfrage alle Akteure teilnehmen, die an Kinderverschickungen beteiligt waren oder die zur Aufarbeitung beitragen könnten. Dazu zählten unter anderem die Träger der damaligen Verschickungsheime und die Stellen, die die Verschickungen initiiert, organisiert und finanziert haben. Die Landesregierung stehe dabei in enger Abstimmung mit dem Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW.

In den vergangenen Monaten habe die Priorität darauf gelegen, ein Projekt des Vereins auf den Weg zu bringen und finanziell abzusichern. Es soll die Historie aufarbeiten, Betroffene unterstützen und die Öffentlichkeit informieren. Das Ministerium fördert das im Mai 2022 gestartete Projekt bis 2026 insgesamt mit bis zu 575.000 Euro.

«Hunderttausende haben in Verschickungsheimen teils schlimme Erfahrungen gemacht. Sie waren Drangsalierungen, Demütigungen, psychischer und physischer Gewalt und teilweise auch sexuellen Übergriffen ausgesetzt», sagte der SPD-Abgeordnete Josef Neumann. Das dunkle Kapitel sei nicht ausreichend aufgearbeitet worden. Das System der Kinderverschickung sei zudem nicht auf ein einzelnes Bundesland beschränkt gewesen. In einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe könnte eine bundesweite Aufarbeitung koordiniert werden. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) sei am Zug, forderte der SPD-Politiker.

«In den sechziger und siebziger Jahren war die Kinderkur eine Erfahrung vieler», heißt es zu Beginn der Studie. «In der kollektiven Erinnerung der betroffenen Jahrgänge ist auch präsent, dass nicht wenige mit ihrer damaligen Kur negative Erlebnisse verbanden. Heimweh, autoritärer Erziehungsstil, stupide Freizeitgestaltung und miserables Essen sind typische Motive, wenn unter den zwischen 1950 und 1970 Geborenen die Rede auf die eigene Kurerfahrung kommt.»

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