Wie die Musikhochschule die NS-Vergangenheit des Ex-Rektors aufbereitet

Barbara Luetgebrune

Das Palaisgebäude der Detmolder Hochschule für Musik. - © Bernhard Preuss
Das Palaisgebäude der Detmolder Hochschule für Musik. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Das Vorhaben hatte große Wellen geschlagen: Die Musikhochschule hat die Vergangenheit ihres Ex-Rektors Martin Stephani unter dem NS-Regime aufarbeiten lassen.

Stephani war als Musikreferent der Leibstandarte SS Adolf Hitler und für das Symphonieorchester der Waffen-SS tätig. Jetzt hat Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl Ergebnisse vorgelegt. Die LZ sprach mit ihm.

Herr Prof. Dr. Schmuhl, was waren Ihre ergiebigsten Quellen?

Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl: Besonders interessant waren die persönlichen Zeugnisse. So gibt es einen Teilnachlass von Martin Stephanis Vater Hermann im Uni-Archiv in Marburg, der auch Briefe des Sohnes an seine Eltern von 1940/41 enthält. Außerdem haben wir über einen Sammler Zugriff auf Briefe erhalten, die Martin Stephani zwischen 1942 und 1944 an seinen Bruder Reinhart geschrieben hat, der bei der Luftwaffe war. Und es gibt die Abschrift eines 14-seitigen Briefes an Freunde der Familie Stephani, in dem er seine Weltanschauung darlegt. Solch private Briefwechsel sind natürlich aufschlussreicher als die offiziellen Spuren, die jemand hinterlässt.

Was steht denn darin?

Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl. - © Privat
Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl. (© Privat)

Schmuhl: Da gibt es einem Brief an seine Eltern kurz nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Stephani war begeistert davon. Und er gibt Adolf Hitler Recht in der Judenfrage. Er schreibt, es sei Zeit, den Kampf gegen das internationale Judentum aufzunehmen. Das ist besonders bezeichnend, weil es sich eben um private Korrespondenz handelt und Stephani sich nicht in irgendeiner Form nach außen darstellte.

Entsprang diese Weltsicht der Prägung durch sein Elternhaus?

Schmuhl: Die Stephanis gehörten als bildungsbürgerliche Familie zum deutsch-nationalen Lager. Dessen Vertretern erschien Hitler anfangs plebejerhaft, zu brutal. Auch Martin Stephani selbst stand den Nationalsozialisten anfänglich zögerlich gegenüber. Im Laufe der 30er Jahre passt sich seine elitäre Weltanschauung aber allmählich an die Nazi-Ideologie an.

Elitäre Weltanschauung?

Schmuhl: Eine Metapher findet sich immer wieder in seinen Äußerungen. Er schreibt von Göttern und Dämonen oder auch von Göttern und Götzen. Er sieht es als Aufgabe der Kunst, der Musik an, die Menschen dazu zu erziehen, sich für das Richtige zu entscheiden, die Götter zu erkennen und die Dämonen zu durchschauen. Martin Stephani erhebt für sich den Anspruch, den wahren Nationalsozialismus erkannt zu haben.

Kritiker der aktuellen Aufarbeitung haben gesagt, Stephani habe sich nach Kriegsende selbst angezeigt. Stimmt das?

Schmuhl: Das stimmt nicht. Stephani musste sich im Rahmen der Entnazifizierung vor Spruchkammern in Bielefeld und in Köln rechtfertigen. Dort hat er natürlich seine Interpretation seines Lebenslaufes dargelegt. Er hat sich als Widerstandskämpfer in SS-Uniform stilisiert. Er konnte nachweisen, dass er sich für bestimmte verfemte Komponisten eingesetzt hat. Allerdings waren diese – zum Beispiel Paul Hindemith – nicht so verfemt, wie er das darstellte. Er lag deswegen mit einigen Parteistellen über Kreuz, aber längst nicht mit allen. Als Fundamental-Widerstand zählt das nicht. Außerdem hatte er auch weniger mit der Leitung des SS-Sinfonieorchesters zu tun, als er das später darstellte, um zu belegen, dass er ja nur Musik gemacht habe.

Was hat er stattdessen gemacht?

Schmuhl: Er hat wohl viel am Schreibtisch gearbeitet. So hat er etwa das SS-Treuelied bearbeitet – das er später auch bei seiner eigenen Hochzeit spielen ließ. Außerdem hat seine Abteilung 1942 eine Auflistung verbotener, unerwünschter und empfohlener Musik herausgegeben, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf ihn zurückgeht. Die verbotene war jüdische Musik – die empfohlene entspricht Martin Stephanis Musikgeschmack. Die Liste trägt seine Handschrift.

Die Kritiker verwiesen zudem auf Helga Bernsdorffs Aufsatz „Verstrickt und doch entlastet", in dem die Autorin die Vergangenheit Stephanis bereits aufgearbeitet habe. Wie schätzen Sie diese Aufarbeitung ein?

Schmuhl: Helga Bernsdorff war keine Geschichtswissenschaftlerin, und sie hat bei ihrer Arbeit einen typischen Anfängerfehler gemacht. Die Dokumente aus der Entnazifizierung kennen keine Grau-Töne, jeder stellt sich natürlich mit weißer Weste dar. Man muss mit diesen Quellen sehr, sehr vorsichtig umgehen und darf sie immer nur im Kontext mit Primärquellen lesen und verwenden. Die Autorin hat sich ausschließlich darauf gestützt.

...und sie kommt zu dem Schluss: „Es kann als erwiesen angesehen werden, dass Stephani keine Nazi-Gesinnung hatte, noch weniger Handlungen in diesem Sinne begangen hat."

Schmuhl: Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Natürlich enthalten die Zeugnisse, die Martin Stephani für die Spruchkammern beibringt, keine Hinweise auf eine Nazi-Gesinnung. Es geht schließlich um seine Karriere im Nachkriegs-Deutschland. Aber Helga Bernsdorff hat sich noch auf weitere hoch problematische Quellen verlassen.

Zum Beispiel?

Schmuhl: 1959 hat sich der Flötist Gustav Scheck bei der Detmolder Hochschule gemeldet und Bedenken geäußert, ob Martin Stephani geeignet sei, das Rektorenamt zu übernehmen. Scheck unterrichtete an der Berliner Musikhochschule, als Stephani dort studierte, später war er Dozent in Freiburg. Er schrieb an Martin Stephani, er halte es für falsch, dass dieser einem Institut vorstehen solle, an dem auch Ausländer studieren, vielleicht sogar Menschen aus Israel. In seinem Antwortschreiben legt Stephani einmal mehr seine Sicht der Dinge dar. Und auf diese Äußerungen beruft sich Helga Bernsdorff.

Was ist daran so problematisch?

Schmuhl: Das ist ein Brief, der im Abstand von 14 Jahren zum Geschehen in einer ganz bestimmten Absicht geschrieben wurde. Die Autorin ist einer Selbststilisierung Martin Stephanis aufgesessen. Das Argument, seine Biographie sei durch Helga Bernsdorff aufgearbeitet, ist nicht haltbar.

Ex-Rektor der Detmolder Hochschule für Musik: Martin Stephani. - © Privat
Ex-Rektor der Detmolder Hochschule für Musik: Martin Stephani. (© Privat)


Ist früheren Hochschulleitungen das Versäumnis vorzuwerfen, sich nicht intensiv um eine echte Aufarbeitung bemüht zu haben?

Schmuhl: Natürlich wäre es ein guter Neuanfang gewesen, wenn man sich schon in den 50er Jahren damit befasst hätte. Aber damals gab es einen gesellschaftlichen Konsens, nicht mehr von den Geschehnissen der Nazi-Zeit zu sprechen. Nachkriegs-Karrieren wie die von Martin Stephani gründen im Prinzip auf einem Schweigekartell.

Die Zeit war also noch nicht reif?

Schmuhl: Nein. Ein zweifacher Generationenwechsel ist da nötig. Sind die Zeitgenossen und die Schüler des Betroffenen aus den verantwortlichen Positionen ausgeschieden, fällt eine Aufarbeitung erfahrungsgemäß ungleich leichter. Ich verstehe auch gut, dass Menschen, die eng mit – in diesem Fall – Martin Stephani zusammengearbeitet haben, sich schwer tun. Das ist ja auch ein Teil der eigenen Lebensgeschichte, man muss sich in dem Moment die Frage stellen: Warum habe ich nie danach gefragt? Ich würde nicht sagen, dass ein Versäumnis der Hochschule vorliegt.

Eine ausführliche Publikation Ihrer Ergebnisse ist geplant. Wie soll die Hochschule künftig darüber hinaus mit dem Wissen um Stephanis Biographie umgehen?

Schmuhl: Es wäre nicht angemessen, die Ergebnisse nun zwischen zwei Buchdeckel zu packen und in der Bibliothek zu vergraben. Das Thema sollte in der Lehrtätigkeit eine Rolle spielen. Studenten sollten am Beispiel Martin Stephanis das Verhältnis von Musik und Politik reflektieren.

Und wie sollte sich die Hochschule generell positionieren?

Schmuhl: Ich beschäftige mich seit mehr als 30 Jahren mit Biographien, die im Schatten des Nationalsozialismus stehen. Wie Martin Stephani haben viele dieser Menschen nach 1945 große Verdienste erworben. Diese und die Nazi-Karrieren, die sie hinter sich haben, kann man nicht gegeneinander aufrechnen, nicht abwägen. Man muss die beiden Aspekte der Biographie in dieser Schärfe einander gegenüber stellen und stehen lassen. Diese Spannung muss man aushalten.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2017
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.