Blomberg. Für welche Politik steht eigentlich die AfD? - Bei der Frage kommt Ursula Hildegard Elisabeth Ruppelt ins Grübeln. „Keine Ahnung“, sagt sie schließlich. Die schmächtige 73-jährige Rentnerin aus Blomberg sitzt auf ihrem Sofa im Herzen der Blomberger Innenstadt und scheint immer noch ein wenig erschüttert, sogar erschreckt. Denn was sie da unterschrieben hat, scheint ihr bis vor wenigen Tagen gar nicht klar gewesen zu sein. Und doch steht sie am kommenden Sonntag auf dem Stimmzettel im Wahlbezirk 10, also Herrentrup, als Ratskandidatin für die AfD. Seit vielen Jahren gehört die zierliche Rentnerin zum Stadtbild. Bei schönem Wetter sitzt sie gern auf der Bank auf dem Marktplatz und sieht dem Treiben zu. Und wenn eine Partei ihren Wahlkampfstand dort aufbaut, dann geht sie auch schon mal hin: „Ich hole mir gern ein Feuerzeug oder einen Kugelschreiber, ich habe auch schon mal so eine kleine Windblume bekommen“, erzählt sie. Die Farbe der jeweiligen Partei ist ihr dabei offensichtlich egal, ob Grün, Rot, Schwarz, Gelb oder Blau. „Ich habe mich noch nie für Politik interessiert“ „Ich habe mich noch nie für Politik interessiert. Wählen bin ich schon gegangen, ich habe meistens SPD gewählt, weil mein Großvater die auch gewählt hat“, erzählt sie im Gespräch mit der LZ. Weiß sie denn, was die politischen Ziele der SPD sind, wofür die eintreten? - „Keine Ahnung“. Und die AfD? „Ich weiß es nicht“, sagt sie. Wie also kommt es, dass der Name dieser Frau auf einer Kandidatenliste auftaucht? - „Ich war ein paar Mal da am Stand und habe mir einen Kuli geholt“, erzählt die alte Dame. Sie habe auch schon mal mit den Politikern dort gesprochen. Mit wem genau? - Das ist ihr entfallen. Als die LZ ihr ein Foto des AfD-Bürgermeisterkandidaten Jakob Baidin zeigt, erinnert sie sich: „Ja, mit dem habe ich mal gesprochen.“ Und der sei es auch gewesen, der eines Tages bei ihr im Langen Steinweg geklingelt habe. „Ich habe mich sehr gewundert, was der will.“ Hat sie ihn gefragt? „Das habe ich mich nicht getraut.“ Aber er habe gefragt, ob er mal ein Gespräch mit ihr führen dürfe, „und dann hat er ganz viel über Politik und so gesprochen.“ Worüber genau, ist ihr entfallen, sagt sie. Aber immerhin fällt ihr ein: „Der hatte drei Zettel dabei, und die habe ich unterschrieben.“ „Warum hast du unterschrieben?“ Ursula Ruppelts Tochter, die beim Gespräch mit der LZ anwesend ist, aber anonym bleiben möchte, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Aber warum hast Du denn unterschrieben? Das ist doch total gefährlich!“ So richtig fällt der Mutter keine Antwort darauf ein. Auf Nachfrage der LZ bestätigt AfD-Bürgermeisterkandidat Jakob Baidin, dass er Ursula Ruppelt zu Hause aufgesucht hat. „Wir haben am Wahlkampfstand immer mal miteinander gesprochen, und sie hat mal ein Feuerzeug oder einen Kugelschreiber genommen. Sie war immer sehr offen für die AfD.“ Darum habe er sie zu Hause besucht, und sie habe im Flur die drei Blätter unterschrieben: Die Erklärung der Bereitschaft zur Kandidatur, die Wählbarkeitserklärung, mit der sie bezeugt, dass sie sich wählen lassen darf und kein Grund dagegen spricht und dazu noch eine parteiinterne Erklärung, weil klar gewesen sei, dass sie nicht zur Wahlversammlung der AfD kommen könnte. „Ich kann kaum noch laufen“ Die Tochter hakt bei der Mutter nach: „Hast Du Dir das denn vorher durchgelesen, was Du da unterschreibst?“ - Das habe sie, aber so richtig verstanden habe sie es wohl nicht, räumt diese ein. Schon gar nicht, dass sie sich einverstanden erklärt, für den Rat zu kandidieren. Ratsarbeit, wie das gehen sollte, kann sie sich gar nicht vorstellen, sagt sie auf Nachfrage der LZ. „Ich kann ja kaum noch laufen“, nachdem sie angefahren worden ist, ist sie auf den Rollstuhl angewiesen und kann ihre Wohnung nur mit fremder Hilfe verlassen. Die Stufen zum Eingang kann die 73-Jährige kaum allein bewältigen. Sind Jakob Baidin keine Zweifel gekommen? - „Nein, wir haben uns ja häufiger unterhalten.“ Ihm sei nichts aufgefallen, auch nicht, dass sich die angeworbene Kandidatin offenbar ganz und gar nicht für Politik interessiere und in ihrer Mobilität eingeschränkt sei. Es müsse auch nicht jeder „der Hellste“ sein. Wenn sie die Wahl nicht annähme, dann greife die Reserveliste, auf der übrigens zehn Namen stehen. Warum häufen sich die Fälle, bei denen Kandidaten nichts von ihrer Kandidatur gewusst haben wollen, wie bereits in Augustdorf und Schieder-Schwalenberg? Er glaube, dass die Kandidaten möglicherweise von Familienangehörigen unter Druck gesetzt würden, denen einen Kandidatur für die AfD nicht passe, sagt Baidin dazu. „Können die mich nicht einfach streichen?“ Auf Ursula Ruppelt scheint dies nicht zuzutreffen. Denn sie selbst sagt, sie könne sich eine Kandidatur für den Wahlbezirk Herrentrup nicht vorstellen: „Was habe ich damit zu tun?“ Und dass sie aus der Nummer nicht mehr rauskommt, mag sie kaum glauben: „Können die mich nicht einfach streichen?“ Das können „die“ eben nicht, bestätigt Jörn Meinberg vom Wahlamt im Blomberger Rathaus. Der Wahlausschuss der Stadt Blomberg hat die Wahlvorschläge der Parteien angenommen und die Wahlliste ordnungsgemäß bekannt gemacht, die Stimmzettel sind längst gedruckt, teilweise für die Briefwähler verschickt. Dass sie es bei Ursula Ruppelt mit einer Kandidatin wider Willen zu tun hat, sei der Stadtverwaltung nicht aufgefallen. „Die Unterschriften lagen vor, und es gab keine für uns ersichtlichen Gründe, die dagegen gesprochen hätten.“ Sollte die unfreiwillige Kandidatin direkt gewählt werden, würde Ursula Ruppelt ihr Amt nicht antreten, sagt sie. „Auf keinen Fall.“