Neue Stipendiantin im Künstlerhaus: Fokus auf Social Media

Sven Koch

  • 0
Bürgermeister Jörg Bierwirth, Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast und Kunstreferentin Dr. Mayarí Granados (von links) schauen sich Arbeiten von Alessia Schuth (rechts) im Künstlerhaus an. - © Sven Koch
Bürgermeister Jörg Bierwirth, Landesverbandsvorsteher Jörg Düning-Gast und Kunstreferentin Dr. Mayarí Granados (von links) schauen sich Arbeiten von Alessia Schuth (rechts) im Künstlerhaus an. (© Sven Koch)

Schieder-Schwalenberg. Sie sieht sich selbst als eine politische Künstlerin. Ungleichgewichte in der Gesellschaft sind ihr Thema. Alessia Schuth ist die neue Stipendiatin im Künstlerhaus Schwalenberg. Die Stuttgarterin hat die Jury mit ihrer Malerei sowie ihren filigran wirkenden und dennoch monumentalen Skulpturen aus Thermoplast überzeugt, die sie mit einem 3D-Stift herstellt. In Schwalenberg will sie sich vor allem mit dem Thema Social Media befassen.

Es könnten im Geschlechter-Diskurs viele Menschen ja noch so „weit vorne" sein und tradierte Bilder immer stärker aufbrechen: Auf Instagram gebe es wieder eine volle Rolle rückwärts, findet Alessia Schuth. „Junge Menschen verfallen dort wieder in alte Klischees", sagt sie. Da werde vielfach das Aussehen zur Schau getragen, da zeigten sich viele Frauen hübsch und sexy und Männer durchtrainiert und wohlhabend, auf Optik werde der größte Wert gelegt. Was macht es mit einer Generation, die selbst nicht für Frauenrechte gekämpft hat, sich befreit und gleichberechtigt fühlt, in sozialen Medien aber stilisierte, traditionelle Geschlechterrollen als Vorbild präsentiert bekommt. Wie fragil sind die errungenen Fortschritte? Wichtig sei dabei auch die Berücksichtigung der Body-Positivity-Bewegung, die auf die unrealistischen Schönheitsideale reagiere, für die sogar Topmodels in Photoshop nachbearbeitet würden. Wie kommt es zu diesem Vexierbild in der Gesellschaft? Dem werde sie bis zum 31. Oktober nachgehen, im Künstlerhaus Schwalenberg leben und arbeiten, und zum Ende des Stipendiums werden ihre Arbeiten im Robert-Koepke-Haus in Schwalenberg präsentiert.

Information

LZ für alle!

Am Donnerstag, 3. Juni, gibt's die LZ für alle in Lippe frei zu lesen. Das ePaper ist ohne Abo zugänglich und viele Geschichten, die normalerweise als LZ-Plus-Artikel veröffentlicht würden, laden alle zum Schmökern ein.

„Das Bild der Frau in der Öffentlichkeit wird vielfach durch die männliche Perspektive dargestellt", flankiert Verbandsvorsteher Jörg Düning-Gast. Der Landesverband lobt das Stipendium gemeinsam mit der Stadt Schieder-Schwalenberg aus. Wegen Corona habe man sich die Frage gestellt, ob es Sinn mache, das auch in diesem Jahr zu tun. „Aber unsere Kunstreferentin Dr. Mayarí Granados hat sich sehr dafür eingesetzt", so Düning-Gast. Er freue sich sehr auf die Ausstellung. Das tut auch Jörg Bierwirth, Bürgermeister von Schieder-Schwalenberg. Das Stipendium bedeute ja auch eine Teilnahme am Leben in Schwalenberg, in der Tradition der Maler, die hier in der Vergangenheit gewohnt und gearbeitet haben. Es sei stets spannend, wie sich das auf die hier entstehenden Werke der Stipendiaten auswirke. 60 Bewerbungen habe es gegeben, sagt Dr. Mayarí Granados. Am Ende habe eine Stichwahl gestanden – mit einem klaren Ergebnis für Alessia Schuth, deren eingesetzte Technik unter anderem fasziniert habe und dass sie so breit aufgestellt sei.

„Ich bin sehr dankbar", sagt Alessia Schuth, „dass ich für sechs Monate mit dieser Sicherheit des Stipendiums künstlerisch arbeiten kann. Viele andere können das leider nicht." Sie konzentriert sich seit Abschluss ihres Studiums auf die Arbeit mit Thermoplasten. Der Einsatz dieses Materials ist ungewöhnlich in der Kunst. Alessia Schuth verwendet Polylactid (PLA), welches durch Erhitzen formbar wird und in wenigen Sekunden des Abkühlens aushärtet. Dazu benutzt sie einen portablen 3D-Drucker, der, wie ein Stift, das flächige Zeichnen, aber auch das Zeichnen in der Luft ermöglicht. Das Material bleibt auch nach der Verarbeitung hitzeempfindlich und kann dadurch in seiner Form weiter verändert werden. Ebenso kann man einzelne Fragmente verschmelzen und dadurch Gebilde erweitern. Mit dieser Technik entstehen faszinierende, fragile, fremdartig wirkende Skulpturen und Bilder, die sowohl die Assoziation an alte „weibliche" Handwerkstechniken wie Sticken und Spitzenklöppeln aufkommen lassen, als auch Kritik an der Umweltzerstörung durch hohe Kunststoffaufkommen üben.

„Es geht aber auch darum", schildert sie, „dass ich mich von männlich besetzten künstlerischen Techniken lösen wollte. Eigentlich alles Material in der Kunst ist ja männlich dominiert, und ich wollte in dieser Hinsicht nicht reaktionär sein." Denn thematisch interessiert Schuth vor allem der historische Blick auf die Weiblichkeit, der ebenfalls überwiegend männlich geprägt ist, der Einfluss traditioneller Ansichten auf den Zeitgeist und das Aufbrechen der Geschlechterrollen in der aktuellen Gesellschaft. In ihrer Bildserie „Pussy Diaries" versucht sie den Akt malerisch neu zu interpretieren und von der männlichen Sicht auf den weiblichen Körper zu lösen. Diese Arbeit warf neue Fragen auf, zum Beispiel, ob es überhaupt möglich ist, den Akt von der Historie zu lösen, wenn man in patriarchalen Strukturen aufgewachsen ist oder vor dem Entwickeln einer neuen Betrachtungsweise nicht zunächst eine reaktionäre Phase durchlaufen werden muss. Sie erklärt: „Das Projekt mit Fotos von der Vulva hat tatsächlich sehr polarisiert. Es gab reichlich aggressive Reaktionen." Und das, wo doch der männliche Penis seit der Antike permanent in Malerei und Bildhauerei zu sehen sei.

Persönlich


Alessia Schuth wurde 1987 in Villingen-Schwenningen geboren. Sie studierte von 2010 bis 2011 an der Kunstakademie in Regensburg bei Stefan Göler und Georg Fiederer und von 2012 bis 2020 Bildende Kunst an der AbK Stuttgart bei Prof. Cordula Güdemann und Prof. Rolf Bier. Im Februar 2020 erlangte sie ihr Diplom Bildende Kunst, und seit 2020 hat sie einen Lehrauftrag Bildende Kunst an der AbK Stuttgart. 2019 bis 2020 war sie im GOPEA Förderjahrgang und von 2016 bis 2020 hatte sie ein Stipendium der Künstlerförderung des Cusanuswerks, Bonn sowie von 2020 bis 2021 im Mathilde-Planck.-Lehrauftragsprogramm, Baden-Württemberg.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2021
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare