Warum am Kirchplatz in Schötmar Skelette ausgegraben werden

Sven Kienscherf

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Grabungsleiter Wolfgang Messerschmidt arbeitet an einem Skelett. - © Sven Kienscherf
Grabungsleiter Wolfgang Messerschmidt arbeitet an einem Skelett. (© Sven Kienscherf)

Bad Salzuflen-Schötmar. Im Umgang mit dem Tod hat Dr. Wolfgang Messerschmidt Routine. Der Anblick von menschlichen Überresten gehört für den Archäologen zum Berufsalltag. Derzeit legt der 62-Jährige am Kirchplatz in Schötmar Knochen und Schädel frei.

Mit vier Kollegen von der Firma „Goldschmidt Archäologie & Denkmalpflege" (Düren) begleitet der Grabungsleiter die Arbeiten der Stadtwerke, die ein Blockheizkraftwerk einrichten wollen (siehe Kasten). Bevor die Bagger Platz für die Rohre schaffen, werden die Fundorte von archäologischen Artefakten und Skeletten dokumentiert und die Fundstücke gegebenenfalls in Sicherheit gebracht.

Seit dem 5. Mai ist die kleine Mannschaft in Schötmar, vermisst, fotografiert die Entdeckungen. „Der Friedhof St. Kilian ist 1837 aufgelöst worden, bestattet wurde hier seit Beginn der 14. Jahrhunderts. Daher gibt es schon ein archäologisches Potenzial", so Messerschmidt.

Bevor die Bagger also tief in den Boden eindringen, wird zunächst vorsichtig die Oberfläche abgetragen. Das gilt zumindest für die Stellen, die als noch nicht „zerstört" gelten, wo also in den vergangenen Jahrzehnten noch keine Bodenarbeiten stattgefunden haben und Fundstücke von archäologischem Interesse noch nicht kaputt gemacht worden sind. „Zuletzt sind hier an einigen Stellen in den 1970er Jahren Rohre verlegt worden", sagt Messerschmidt. Dass archäologische Begleitarbeiten in Nordrhein-Westfalen zwingend vorgeschrieben sind, sei erst seit den 1980er Jahren der Fall. Zuvor sei das eher eine freiwillige Leistung der Bauherren gewesen.

Mit der Hand die Oberfläche abtragen

Für die zu verlegenden Rohre wird laut Messerschmidt nun Erde in bis zu 1,30 Meter Tiefe und bis zu 1,20 Meter Breite ausgehoben. Bevor die Maschinen so weit ins Erdreich vorstoßen, tragen die Archäologen zunächst mit der Hand die Oberfläche ab. Stoßen sie dabei auf menschliche Überreste, werden diese sorgsam freigelegt sowie fotografiert, und der Fundort wird dokumentiert. Die Unterlagen wandern dann ins Archiv des Lippischen Landesmuseums. Sie können Historikern beispielsweise darüber Auskunft geben, wie sich die Bestattungskultur in den vergangenen Jahrhunderten gewandelt hat.

Nicht immer war es beispielsweise selbstverständlich, dass der Verstorbene in einem Sarg unter die Erde gebracht wurde. „Ärmere Leute konnten sich das oft nicht leisten", sagt Messerschmidt. Zumindest auf dem Friedhof am Kirchplatz deute aber vieles daraufhin, dass die meisten Menschen im Sarg beerdigt wurden. Zwar ist das Holz in vielen Fällen verrottet, „zu finden sind aber noch die Eisennägel, mit denen der Sarg gezimmert wurde", so Messerschmidt.

Sind die Skelettfunde dokumentiert, werden sie eingesammelt und dem Pfarrer übergeben, der sie dann an anderer Stelle bestattet. Besonders gefreut haben sich Messerschmidt und seine Kollegen über die Entdeckung von Mauerresten, etwa 40 Zentimeter unterhalb der jetzigen Bodenunterkante. „Das könnte die frühere Kirchhofmauer gewesen sein", vermutet der Wissenschaftler. Das genaue Alter müsse noch ermittelt werden. Um das historische Bauwerk nicht zu zerstören, wollen die Stadtwerke die Rohre nun an dem Gemäuer vorbei legen, so der Archäologe.


Blockheizkraftwerk


Am Kirchplatz wird ein Blockheizkraftwerk errichtet, das umliegende Objekte klimaschonend mit Wärme versorgen kann. Laut Stadtwerken verfügt es über eine elektrische Leistung von 20 kW und eine thermischen Leistung von 36 kW und wird im Heizraum der Grundschule Schötmar stehen. Von hier aus legen die Stadtwerke eine etwa 120 Meter lange Trasse um den Kirchplatz herum, so dass angrenzende Wohn- und Geschäftsgebäude an das neue Wärmenetz angeschlossen werden können. So hat sich beispielsweise die Kilianskirche bereits für die ökologische Wärmeversorgung entschieden.
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