Dörentrup. Erst seit November 2024 ist Esra Kanbal in Barntrup und Dörentrup als Sozialarbeiterin unterwegs. In der kurzen Zeit hat die herzliche Frau mit den kurzen dunklen Haaren unzählige Menschen besucht, Anträge ausgefüllt, Sorgen angehört und Kontakte hergestellt. Wie erfolgreich sie als Netzwerkerin ist, zeigt sich auch bei der Eröffnung „ihres“ neuen Erzählcafés im Zentrum von Hillentrup an der Mühlenstraße: Jeder Stuhl ist besetzt, denn Dutzende sind da, um sich das neueste Gemeinschaftsprojekt der beiden nordlippischen Gemeinden aus der Nähe anzusehen. Das Ziel: ein Treffpunkt gegen Einsamkeit und für niedrigschwellige Beratung. Dienstags und mittwochs geöffnet „Wir werden hier viele schöne Stunden zusammen erleben“, schaut Kanbal positiv auf die kommenden Jahre. Und auch Dörentrups Bürgermeister Friso Veldink sagt zum Einstand: „Es liegt an uns allen, diesen Raum mit Leben zu füllen.“ Geöffnet hat das Café mit geräumiger Küche und einem Extra-Zimmer für Vier-Augen-Gespräche ab sofort Dienstag und Mittwoch von 8.30 bis 13 Uhr. Auch zahlreiche Veranstaltungen, die im Schaukasten an der Tür beworben werden, sind hier geplant, etwa eine Sprechstunde mit der Verbraucherzentrale, Kochkurse, Frühstückrunden, „vielleicht sogar ein Trauercafé“, überlegt Kanbal. Den Umbau des ehemaligen Juweliergeschäfts wuppten örtliche Firmen, Bauhof und Wasserwerke gemeinsam. Modern, hell und einladend wirken die Räumlichkeiten jetzt. Nur zwei Kommunen aus NRW Das Sozialprojekt, zu dem das „Erzählcafé“ und die 30-Stunden-Stelle der Sozialarbeiterin gehört, wird über die Initiative „Soziale Dorfentwicklung - starke Gemeinschaften für zukunftsfähige ländliche Räume“ des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft mit 90 Prozent Zuschuss gefördert. Auf drei Jahre ist das Projekt vorerst angelegt. „Hätten wir uns jeweils allein beworben, hätten wir keine Chance gehabt“, ist sich Barntrups Bürgermeister Borris Ortmeier sicher. So jedoch war die enge Zusammenarbeit erfolgreich: Dörentrup und Barntrup sind die einzigen Kommunen in Nordrhein-Westfalen, die für den begehrten Fördertopf ausgewählt wurden. „Die Gemeinde Dörentrup erhält eine Förderung von rund 103.000 Euro, die Stadt Barntrup von rund 115.000 Euro“, so Ortmeier. Damit setzen die Partner unterschiedliche Schwerpunkte. „In Barntrup stand eine Räumlichkeit als Treffpunkt nicht so sehr im Vordergrund, und auch in der Flüchtlingsarbeit stehen wir nicht so unter Druck wie Dörentrup“, erläutert Ortmeier. „Dafür war die Sozialarbeiterin für die Beratung für uns enorm wichtig.“ Hier jemanden für eine halbe Stelle zu finden? Laut Ortmeier bei der Personalnot ein Ding der Unmöglichkeit. Gemeinsam könne man nun jedoch Esra Kanbal finanzieren. Zuvor war die Stelle zwei Jahre lang vakant. Ebenfalls zum Projektumfang gehört ein Siebensitzer von VW, der für Fahrdienste zu Veranstaltungen genutzt und auch von anderen Akteuren etwa aus dem Bereich Senioren- und Flüchtlingshilfe angefragt werden kann. Schließlich gehe es darum, sowohl Veranstaltungen als auch Beratung besonders zugänglich zu machen. Gegen Altersdiskriminierung Dörentrups Seniorenbeirat war von Anfang an in die Umsetzung des Projekts mit einbezogen, „es geht ja hier um unsere Klientel“, betont Heinz Jäger, der Vorsitzende, in seiner Ansprache. „Es hat uns schwer beeindruckt, was Frau Kanbal in der kurzen Zeit hier auf die Beine stellt“, so Jäger. Die Unterstützung, die sie anbiete, sei „in Breite und Dimension etwas Neues. Dafür sind wir sehr dankbar“. Ein Herzensthema des Beirats sei der Aktivismus gegen Altersdiskriminierung. Viele Ältere fühlten sich nicht mehr ernstgenommen, an den Rand gedrängt, und zögen sich in der Folge zurück. Der Effekt: Vereinsamung. „Wir müssen das thematisieren und einsame Leute wieder in Verbindung bringen“, fordert Jäger. Genau das sieht er im „Erzählcafé“ umgesetzt. Kleine Maßnahme, große Wirkung Nicht nur Senioren, auch Geflüchtete stehen oft am Rand der Gesellschaft. Und auch für sie möchte Esra Kanbal einen „geschützten Raum“ schaffen, wie sie es nennt. Gemeinsam mit den Ehrenamtlichen vom Flüchtlingskreis würden auch hier Formate erarbeitet. Zur Eröffnung bringen mehrere Frauen, die in Nordlippe Zuflucht gefunden haben, Torten und andere Leckereien vorbei. Auch im Haus selbst sind Geflüchtete untergebracht. „Mir ist wichtig, Beratung auch außerhalb der Räume der Sozialämter anbieten zu können“, sagt Kanbal. Sie setze viel auf Hausbesuche, Gespräche auf der Straße oder ab jetzt im „Erzählcafé“. „Die Menschen sollen sich nicht wie Bittsteller fühlen“, so die Lemgoerin. Viele wüssten nicht, dass ihnen Hilfe zustehe, die sie für die Betroffenen leicht beantragen könne, „zum Beispiel einen Lastenzuschuss, wenn jemandem der Unterhalt des Eigenheims über den Kopf wächst“. Oft seien es relativ kleine Interventionen, die für Menschen in Not einen großen Unterschied machten. Die Dankbarkeit sei in ihrem Job spürbar. „Unsere Esra“, werde sie inzwischen oft genannt. Und es scheint sie nicht zu stören - im Gegenteil.