Detmold. Ein neuer Name für das Freilichtmuseum, der nicht mehr „Detmold“ enthält? Diese Vorstellung hatte im Herbst für harsche Kritik gesorgt. Bei Rat, Verwaltung und Bürgern der lippischen Residenzstadt und auch beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), genauer gesagt dessen politischen Gremien. Der LWL-Kulturausschuss hatte den Vorschlag der LWL-Verwaltung „kassiert“ und um einen neuen gebeten. Dieser liegt seit heute auf dem Tisch und lautet: „LWL-Museum Hellerlecht - Westfälisches Landesmuseum für Kultur und Geschichte, Detmold.“ Museumsdirektorin Dr. Marie Luisa Allemeyer erklärt im Interview, was dahinter steckt. Frau Allemeyer, was ist die Idee hinter dem Namensvorschlag? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Der Name kombiniert den neuen Markennamen „LWL-Museum Hellerlecht“ mit der Reichweite (Westfälisches Landesmuseum), dem Inhalt (Kultur und Geschichte) und dem Ort. Er ist das Ergebnis aus einem aufwendigen Workshop-Prozess, in dem überlegt wurde, was es braucht, damit der Name das abbildet, was das Museum künftig sein wird. (Anm. d. Red.: ein weiterhin saisonal betriebenes Freilichtgelände mit einem ganzjährig geöffneten Ausstellungsgebäude am Eingang) Warum „Hellerlecht“? Dr. Marie Luisa Allemeyer: „Hellerlecht“ ist Plattdeutsch und bedeutet „am helllichten Tag“. Die Idee, überhaupt einen plattdeutschen Begriff zu verwenden, entstand im Workshop und wurde erstmal von uns allen etwas skeptisch beäugt. „Ist das nicht rückwärtsgewandt?“ Aber als wir ihn dann aussprachen und uns über die Assoziationen austauschten, da wirkte es irgendwann auch ganz cool, einem modernen Museum einen plattdeutschen Namen zu geben. Dieser Gedanke hat sich dann verfestigt. Haben Sie keine Bedenken, dass der Name nicht verstanden wird? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Das wird so sein. Es spricht ja kaum mehr jemand plattdeutsch. Ziel ist, erstmal neugierig zu machen und dann darüber zu sprechen. Mit dem Plattdeutschen ist auch ein gewisser Witz und ein Augenzwinkern enthalten: Wir stehen zu unseren Wurzeln und transportieren sie in die Jetzt-Zeit. Mit „hellerlecht“ verbindet man – auch ohne Plattdeutschkenntnis – „Licht“, „Beleuchten“, „ins Licht setzen“ – alles Assoziationen, die zu uns passen. Außerdem bewahrt dieses Wort einen Erinnerungsstrang zum bisherigen Begriff „Freilichtmuseum“. Dieser alte Begriff wäre aber in Zukunft irreführend, weil wir ja als Museum im Winter geöffnet haben werden, aber eben nicht das Freilichtgelände. Warum hat es „Detmold“ nur in den Untertitel geschafft? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Der neue Name besteht aus einem Markennamen und darauf folgend drei Infos, welche auf gleicher Ebene stehen. Das ist aus meiner Sicht ein schlüssiger Aufbau. Nur der Markenname steht oben. Wobei „LWL-Freilichtmuseum Detmold“ ja auch eine Marke ist. Dr. Marie Luisa Allemeyer: Natürlich gibt man ein Stück Bekanntheit weg, aber das wesentliche Element - nämlich „Freilichtmuseum“ - passt eben nach unserer Erweiterung nicht mehr. Es wäre im Winter ein falsches Versprechen an unsere Besucher. Wir werden bei der Umbenennung von einer Marketingagentur begleitet. Der mögliche Wegfall „Detmolds“ aus dem Namen hat für harsche Kritik gesorgt. Was sagen Sie dazu? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Die Kritik war, dass die Stadt gar nicht drin vorkommen sollte, was gleich im Ausschuss abgelehnt worden ist. „Detmold“ im Untertitel zu haben, ist für mich gar kein Abrutschen. Der Aufbau des Namens ist einfach anders. Die Detmolder sorgen sich, dass das Freilichtmuseum mit neuem Namen künftig kein so starkes Zugpferd mehr für die Stadt sein könnte. Dr. Marie Luisa Allemeyer: Diese Sorge möchte ich gerne auflösen. Der Standort ist in Detmold und wir verknüpfen uns noch mehr mit der Stadt. Zum Beispiel durch den geplanten Zukunfts-Lustpark, durch den eine weitere Verbindung entsteht. Lesen Sie auch: Deshalb soll das Freilichtmuseum Detmold umbenannt werden Kritisiert worden sind zuletzt auch immer wieder die hohen Kosten von 58 Millionen Euro für das neue Eingangs- und Ausstellungsgebäude. Viele fragen sich: Musste es unbedingt ein Leuchtturmprojekt für ökologisches Bauen und nachhaltige Gebäudewirtschaft sein oder hätte man hier nicht Steuergelder sparen können? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Dass es ein Eingangsgebäude geben müsste, war seit der Gründung 1971 klar. Eigentlich sollte der Eingang am Paderborner Dorf sein, was aufgrund der veränderten Straßenplanung aber nie so gekommen ist. Fortan gab es praktisch nur ein Loch im Tor mit Kassenhäuschen, obwohl man auch Räume für Service, Shop, Garderobe und anderes braucht. Diese Notwendigkeit hat man vor sich hergetragen. In den 1980er-Jahren erhielten die Freilichtmuseen einen breiteren Auftrag und sollten auch aktuelle gesellschaftliche Themen aufgreifen. In der Scheune, die dafür genutzt worden ist, sind die Möglichkeiten aber eingeschränkt. Und eigentlich möchte man auch kein altes Bauernhaus zu einem Ausstellungsgebäude machen. Als der Baubeschluss 2016 gefallen ist, kam eine dritte Entwicklung hinzu: Man wollte so bauen, dass es klimagerecht ist, und dabei Vorbild sein. Aber warum musste ausgerechnet der LWL erster sein? Dr. Marie Luisa Allemeyer: Aus dem Selbstverständnis und der Verantwortung des LWL heraus. Wir sind hier auch Wegbereiter für Nachnutzer. Und wer kann das leisten, wenn nicht wir? Viel Geld ist in Zertifizierungen des Materials geflossen, die künftig nachgenutzt werden können. Das ist typisch für Pilotprojekte. Wie wird das neue Gebäude mit seinen drei aus dem Erdboden herausragenden Baukörpern künftig bespielt? Dr. Marie Luisa Allemeyer: In der Ausstellungshalle, die 900 Quadratmeter groß ist, können dank der Lehmwände Objekte gezeigt werden, die eine klimastabile Umgebung benötigen. Das kann mal ein Picasso sein oder auch Textilien aus unserer eigenen Sammlung, die wir bislang nie zeigen konnten. Rechts neben der großen Außentreppe liegt der eigentliche Eingang mit Kasse, Info, Shop, Garderoben, Toiletten und Schließfächern. Außerdem gibt es einen Aufzug, der hoch zum dritten „Gebäudeturm“ führt. Dort befinden sich das Bistro und Räume für die Museumspädagogik. Insgesamt geht es also um einen erweiterten Kulturbegriff. Dr. Marie Luisa Allemeyer: Die erste Veränderung ist der Ganzjahresbetriebs des neuen Gebäudes (nicht des Freigeländes). Und mit Ausnahme der Sonderausstellungen ist dort alles eintrittsfrei. Die zweite Veränderung ist, dass wir auch hochwertige Stücke zeigen können, die in der Region noch nie gezeigt wurden. Daraus ergeben sich spannende Kombinationen wie beispielsweise ein Dreschflegel aus unserer Sammlung und ein impressionistisches Gemälde von Bauern, die Stroh dreschen. Der Auftrag des LWL lautet, Kultur in die Fläche zu bringen. Eine echte Herausforderung. Aus der Fläche kommen auch die Politiker, die in Münster über den Namensvorschlag entscheiden. Dr. Marie Luisa Allemeyer: Genau. Die Beschlussvorlage für den LWL-Kulturausschuss wird heute veröffentlicht, die Sitzung findet am 25. Juni statt. In Kraft treten soll der neue Name im Juni 2026 zur Eröffnung des neuen Gebäudes. Persönlich Dr. Marie Luisa Allemeyer wurde 1971 in Dissen (Landkreis Osnabrück) geboren. Sie studierte an den Universitäten Granada (Spanien) und Göttingen. 2005 promovierte sie an der Universität Kiel. Danach arbeitete sie am Max-Plank-Institut für Geschichte in Göttingen. Seit 2011 war sie Direktorin der Zentralen Kustodie an der Universität Göttingen und entwickelte als Projektleiterin das Gesamtkonzept für das Wissens-Museum, „Forum Wissen“ das Anfang 2022 eröffnet wurde. Seit September 2022 leitet sie das LWL-Freilichtmuseum Detmold.