Detmold. Eigentlich, ja eigentlich gibt es bei Weidmüller derzeit nur Gründe, um sich zu freuen: mit 175 Jahren Firmengeschichte ein runder Geburtstag, dazu eine 60 Millionen Euro schwere Investition in ein Elektrowerk, das Anfang September eröffnet wird. Dennoch verschließt der Vorstandssprecher Dr. Sebastian Durst (44) im Interview mit der Lippischen Landes-Zeitung nicht die Augen vor den Herausforderungen, die die Zukunft bringen. Unsicherheiten in der Weltwirtschaft, aber auch Veränderungen mit Blick auf die Verteidigungsfähigkeit dieses Landes beschäftigen das Unternehmen derzeit ebenfalls. Zu Beginn eine persönliche Frage: Sie stehen jetzt seit knapp einem Jahr als CEO an der Spitze des Unternehmens Weidmüller. Wie fällt Ihre Bilanz dieser Zeit aus? Dr. Sebastian Durst: Ich bin schlicht begeistert. Vor allem deshalb, weil wir als Team Weidmüller innerhalb dieses Jahres viel bewegt haben. Und das geht eben nur gemeinsam. So haben wir zum einen unsere Kundennähe weiter verbessert. Für unsere sogenannten „Orange Weeks“ laden wir mehr als 500 Kunden an unseren Hauptstandort nach Detmold ein. Zum anderen haben wir wichtige Projekte erfolgreich vorangebracht, beispielsweise die Fertigstellung unseres neuen Elektronikwerks hier in Detmold. Wenn sie auf die Werte in diesem Unternehmen schauen, welcher wird der wichtigste sein, der die Zukunft Weidmüllers prägt? Sebastian Durst: Innovationsgeist. Auch deshalb sprechen wir von „Pioneering since Day One“ als Slogan für unser 175-jähriges Firmenjubiläum, das wir in diesem Jahr feiern. Weil Innovation, weil Pionierarbeit Teil unserer DNA ist. Und weil wir nur als Technologieführer die Zukunft unserer Industrie und damit indirekt der Gesellschaft mitgestalten können. Wir sind nicht die Günstigsten und wir werden es auch nicht sein. Aber über Innovationen können wir echte Mehrwerte für unsere Kunden schaffen. Und daran arbeiten wir jeden Tag. Wie viel Mut benötigt man, um in dieser Zeit 60 Millionen Euro in ein Elektronikwerk in Deutschland zu investieren? Sebastian Durst: Viel. Weil die Zukunft per Definition unsicher ist und weil ein 60 Millionen Euro schweres Bekenntnis zum Standort Deutschland für einen Mittelständler, der wie Weidmüller etwa eine Milliarde Umsatz macht, eine sehr große Einzelinvestition darstellt. Dem gegenüber steht die Gewissheit, dass wir ein großartiges Team sind und einen klaren Plan haben. Mit dem neuen Elektronikwerk holen wir Wertschöpfung insbesondere aus Asien ins eigene Haus und legen die Basis für weiteres Wachstum. Sicherheit gibt uns außerdem, dass wir mit unseren Gesellschaftern Eigentümer haben, die langfristig hinter dem Unternehmen stehen. „Wollen uns unabhängig machen“ Ein Grund für den Neubau, das haben Sie gerade betont, ist ihr Wunsch, unabhängiger von Zulieferern zu werden. Welchen Grad haben Sie denn noch an Abhängigkeit von Zulieferern, kann man das in irgendeiner Form umschreiben? Sebastian Durst: Das ist nicht ganz einfach, weil wir je nach Produktbereich bereits eine sehr große eigene Wertschöpfungstiefe haben. Vor allem im Bereich der Elektromechanik, also beispielsweise bei der Verarbeitung von Metall und Kunststoff. Es gibt aber eben auch Produktbereiche wie beispielsweise Netzteile, bei denen wir eine sehr hohe Abhängigkeit von Zulieferern haben, speziell von chinesischen Zulieferern. Ein wesentlicher Grund für den Neubau des Elektronikwerks hier in Detmold ist daher, dass wir uns mit Blick auf unsere Elektronikprodukte stärken und gleichzeitig unabhängig machen wollen. Weidmüller eröffnete im Juni seine neue Engineering- und Produktionsstätte in Richmond mit einer zusätzlichen Fläche von 2300 Quadratmetern. Das neue Werk dient der Montage und Fertigung komplexer Systeme. Beim Blick auf die innen- und außenpolitischen Kapriolen der USA: Ist es nicht riskant, derzeit in den Staaten zu investieren? Sebastian Durst: Ganz im Gegenteil. Wir sind in unserer Branche ein führendes internationales Unternehmen. In allen relevanten Leitmärkten – Deutschland, China, USA – präsent zu sein, ist für uns daher zwingend. Wir verfolgen seit mehreren Jahren und jetzt sogar umso mehr eine Strategie der Regionalisierung. Das heißt, wir regionalisieren Zug um Zug unsere Wertschöpfung in den drei großen Weltregionen Asien, Europa und Amerika. Die Erweiterung unseres Standortes in Richmond folgt genau dieser Logik und unterstützt unseren Wachstumskurs in Nordamerika. In den vergangenen zwei Jahren mussten Sie leichte Umsatzrückgänge vermelden. Wie sieht Ihre Hoffnung für dieses Jahr aus? Sebastian Durst: Wir sind guten Mutes. Wir sind als Teil der Elektro- und Digitalindustrie Möglichmacher einer nachhaltigen und lebenswerten Zukunft. Megatrends wie Automatisierung, Digitalisierung und Elektrifizierung treiben die Nachfrage nach unseren Produkten. Was wir in den vergangenen beiden Jahren gesehen haben, war eine schmerzhafte und auch in der Dimension offen gesagt unerwartete Korrektur. Sie folgte auf das enorme Wachstum, das wir in der Nach-Corona-Zeit 2021 und 2022 erlebt haben. Was wir in diesem Jahr sehen: Die Lieferketten haben sich normalisiert, die Lagerbestände bei den Kunden sind abgeschmolzen, und wir wachsen wieder moderat. Kurzarbeit aktuell kein Thema Kurzarbeit ist also an den Standorten hier vor Ort in Detmold oder deutschlandweit momentan kein Thema? Sebastian Durst: Aktuell nicht. Wir hatten bis zu Beginn dieses Jahres Kurzarbeit, zuletzt dann nur noch selektiv. Wir sind jetzt seit April an allen deutschen Standorten aus der Kurzarbeit raus und sehen auch die Notwendigkeit aktuell nicht. Trotzdem ist es toll, dass es dieses Instrument gibt, weil es uns als Unternehmen die Möglichkeit gibt, zu atmen. Die neue Bundesregierung verspricht der Wirtschaft eine bessere Unterstützung. Ist bei Ihnen schon Konkretes angekommen? Sebastian Durst: Zunächst einmal: Die Stimmung ist eine andere. Das als solches ist schon sehr positiv zu bewerten. In einer Zeit, in der wir als Weidmüller die Entscheidung getroffen haben, am Standort Deutschland zu investieren, haben wir uns teilweise seltsam anschauen lassen müssen, weil das nicht zum Zeitgeist gepasst hat. Insofern nehme ich derzeit wahr, dass unter anderem durch das Sondervermögen beziehungsweise die Sonderschulden ein Stimmungsumschwung stattgefunden hat. Aber klar ist, jetzt müssen den Worten Taten folgen. Da haben wir gute Ansätze gehört, aber die Umsetzung muss jetzt kommen. Was würde dem Unternehmen Weidmüller am meisten helfen? Sebastian Durst: Wir schließen uns da den Forderungen unseres Branchenverbands ZVEI an. Das größte Einzelthema aus meiner Sicht ist der Bürokratieabbau. Das ist kein neues Thema – es wird häufig als Priorität genannt, aber wir müssen es endlich anpacken. Die Liste der konkreten Ideen, wie Entlastung für die Unternehmen aussehen könnte, ist lang. Es beginnt mit der Abschaffung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes. Allein das Wort zeigt schon, aus welchem Geist heraus es geboren wurde. Und die Liste endet mit Gesetzen, die erst noch in Kraft treten sollen und die Bürokratie weiter aufblähen würden; zum Beispiel die EU-Entgelttransparenzrichtlinie. Hier ist dringend wieder Maß und Mitte notwendig. Konstruktives Miteinander mit Investoren-Mitgesellschafter Vor etwa einem Jahr ist die Joachim-Herz-Stiftung als Investor bei Weidmüller eingestiegen und hat bei einer Kapitalerhöhung etwa 20 Prozent der Gesellschafteranteile erworben. Wie kann man sich die Zusammenarbeit mit dieser Stiftung konkret vorstellen? Sebastian Durst: Erst einmal freuen wir uns riesig, dass wir mit der Joachim-Herz-Stiftung einen Investoren-Mitgesellschafter bekommen haben, der einerseits unsere Grundwerte teilt und uns andererseits, und das ist ja die Logik hinter der Kapitalerhöhung, mit dem eingebrachten Kapital ein beschleunigtes Wachstum ermöglicht. Die Stiftung ist bei uns im Aufsichtsrat vertreten und wirkt über diesen bei den strategischen Grundsatzentscheidungen mit. Nach dem ersten Jahr kann ich sagen: Das funktioniert bilderbuchmäßig, sehr konstruktiv und auf Augenhöhe. War ein Börsengang eigentlich jemals ein Thema für Weidmüller? Sebastian Durst: Das ist keine Frage an mich als angestellten Vorstand, sondern unsere Gesellschafter. Aber: Für ein börsennotiertes Unternehmen sind wir mit einer knappen Milliarde Euro Umsatz immer noch verhältnismäßig klein, auch mit Blick auf das, was dann an Berichtspflichten notwendig ist. Künstliche Intelligenz wird unseren Alltag immer mehr bestimmen. Setzen Sie große Hoffnungen in KI? Und wo sehen Sie Grenzen? Sebastian Durst: Als Technologieunternehmen, als Innovationstreiber sind wir als Weidmüller grundsätzlich sehr offen und auch sehr engagiert, was dieses Thema angeht. Gleichzeitig sind wir aber auch nüchtern und pragmatisch. Wir setzen bei uns KI schon heute im Unternehmen in vielen Bereichen ein. Ich glaube, es geht vor allen Dingen für uns in Europa darum, intelligent und angstfrei an eine Grundlagen- und Plattformtechnologie wie KI heranzugehen. Dass es Grenzen gibt, bei denen aber auch der Gesetzgeber sehr klar Leitplanken definiert hat, ist klar und an die halten wir uns. Umdenken in Verteidigungstechnik Angesichts der geopolitischen Lage spricht man derzeit viel über Verteidigungsfähigkeit. Durch die Vielfalt Ihrer Produkte werden diese in irgendeiner Form gewiss doch auch in rüstungstechnischen Gütern verwandt? Stellen Sie sich die Frage im Rahmen Ihrer Verantwortung, die sie als Vorstand, die sie als Team tragen? Sebastian Durst: Ja, die beschäftigt auch uns. Und wir geben inzwischen auch andere Antworten als vor dem Februar 2022, als der russische Angriffskrieg auf die Ukraine begann. Bis dahin hat die Firma Weidmüller eine aktive Rolle im Bereich Militär und Verteidigung abgelehnt. Das hat sich gewandelt. Wir sind wie viele andere Unternehmen der Elektronik- und Digitalindustrie jetzt offen, einen Beitrag zu leisten. Wir stehen hier allerdings noch am Anfang. Die Rüstungsindustrie wird uns aufzeigen müssen, wo und an welcher Stelle der Wertbeitrag gewünscht wird. Sie loben Weidmüllers Innovationskraft. Wie viel investieren Sie in Forschung und Entwicklung? Sebastian Durst: Unsere Forschungs- und Entwicklungsquote liegt bei 6 Prozent. Das heißt, wir investieren rund 6 Prozent unseres Jahresumsatzes in Forschung und Entwicklung. Damit befinden wir uns auf einem relativ hohen Niveau, das für unsere Branche aber auch typisch ist. Wir sind davon überzeugt, dass wir aus dieser Quote viel herausholen. Größere Innovationen in jüngster Zeit sind zum Beispiel unsere neue Anschlusstechnik Snap-in oder der modulare Automatisierungsbaukasten u-mation. Für Innovation benötigt man kluge Köpfe. Wie wollen Sie sich diese weiterhin sichern, Herr Dr. Durst? Sebastian Durst: Wir sind davon überzeugt, dass Innovation nicht nur ein kreativer, sondern ein gemeinschaftlicher Prozess ist. Selbstredend benötige ich kluge Köpfe. Aber ich benötige auch Strukturen, Prozesse, eine Unternehmenskultur, die diese Kreativität im Team freisetzt, zulässt, erlaubt. Ja, im Zweifel auch Fehler verzeiht, mehrere Anläufe ermöglicht. Nur so entsteht aus unserer Sicht echte Innovation. Trotzdem, Sie haben Recht, wir brauchen die klugen Köpfe, die zu uns passen. Eine wichtige Säule für uns ist die Weidmüller-Akademie, in der wir in sehr großem Umfang aus- und weiterbilden. Die Kooperation mit Partnern in Hochschulen und Fachhochschulen wie die mit der TH OWL, dem CIIT, den Universitäten Paderborn und Bielefeld oder dem Fraunhofer-Institut helfen uns ebenfalls ungemein. „Habe Lust, Zukunft mitzugestalten“ Für 175 Jahre Geschichte eines Familienunternehmens als Chef die Verantwortung zu tragen, ist das mehr Lust oder Last? Sebastian Durst: Es ist große Ehre, ich spüre Dankbarkeit. Mir geht es aber um das Wir. Bei Weidmüller gibt es eine Team-Kultur. Für uns alle ist es eine große Ehre, diese 175 Jahre feiern zu dürfen. Von den Anfängen in der textilen Verbindungstechnik mit Druckknöpfen über die Neugründung nach dem Zweiten Weltkrieg, den Einstieg in die industrielle Verbindungstechnik und jetzt eben in einer Welt, in der Software und Elektronik immer mehr bestimmend sind. So ein Jubiläumsjahr ist auch Anlass zu feiern, und das tun wir vor allen Dingen gemeinsam mit unseren Kunden. Mich inspirieren die Gespräche, der Austausch, der dabei entsteht. Das macht Lust, die Zukunft von Weidmüller weiter mitzugestalten. Und mit Ihren Mitarbeitern feiern Sie nicht? Sebastian Durst: Selbstverständlich gibt es auch diverse interne Feierlichkeiten und Formate. Und das nicht nur in Detmold, sondern international. Trotzdem: Wir wollen das Jubiläum vor allem mit unseren Kunden feiern. Denn sie sind der Grund, warum es Weidmüller seit 175 Jahren gibt. Zur Person: Dr. Sebastian Durst, 44 Jahre alt, wurde im Herbst des vergangenen Jahres CEO (Vorsitzender des Vorstands) der Firma Weidmüller und somit Kopf eines insgesamt vierköpfigen Vorstandsteams. Er ist seit 2015 im Unternehmen tätig und verantwortete unter anderem als Divisionsleiter das globale Geschäft mit Komponenten und Lösungen für den Schaltschrankbau, bevor er im April 2023 Vorstand Operations (COO) wurde. Vor seiner Zeit bei Weidmüller war er zehn Jahre lang als Unternehmensberater bei Roland Berger tätig. Weitere Vorstandsmitglieder bei Weidmüller sind derzeit Dr. Christian von Toll (Vertrieb), Dr. Timo Berger (Technologie) sowie André Sombecki (Finanzen). Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens ist Christian Gläsel.