Detmold. Musik kann mehr als unterhalten. Sie kann verbinden, appellieren, erinnern – und in manchen Fällen sogar verändern. Mit der öffentlichen Ringvorlesung „Musik und Frieden“ widmet sich das Musikwissenschaftliche Seminar der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold gemeinsam mit der Musikpädagogik in der nunmehr siebten Ausgabe der Ringvorlesung einem Thema von zeitloser und aktueller Brisanz. Musikalische Friedenskonzepte Im Wintersemester 2025/26 geben renommierte Referentinnen und Referenten in insgesamt sieben Vorträgen Einblicke in musikalische Friedenskonzepte von der frühen Barockzeit bis zur Gegenwart. Das Thema der diesjährigen Ringvorlesung ist nicht zufällig gewählt. „Angesichts globaler Konflikte wollten wir einen positiven Fokus setzen“, erklärt Prof. Dr. Dominik Höink, Initiator der Reihe und Professor für historische Musikwissenschaft am Detmolder Institut. Statt Krieg in seinen musikalischen Ausdrucksformen zu thematisieren, rückt die Reihe den Frieden als Idee, Wunsch oder Vision in der Musik in den Mittelpunkt. Dabei geht es nicht nur um utopische Entwürfe, sondern um konkrete musikkulturelle Auseinandersetzungen mit dem Thema. „Uns war wichtig, dass wir verschiedene Musikformen thematisieren: Alte Musik, Neue Musik und auch populäre Musik. Nur so können wir einen Eindruck von der Breite des Themas erhalten“, betont Höink. Neben musikhistorischen und kompositorischen Perspektiven wird etwa auch auf politische Instrumentalisierung von Musik eingegangen – wie im vorletzten Vortrag der Reihe (Yvonne Wasserloos), der sich mit politischer Vereinnahmung von Musik, etwa durch demokratiefeindliche Tendenzen in der Populärkultur auseinandersetzt. Dagegen steht das im Beitrag von Claudia Bergmann vorgestellte jüdische Friedenskonzept Tikkun Olam, wie es von der amerikanischen Band „The Maccabeats“ verarbeitet wird. Friedensmusik ist vermehrt im Anschluss an historische Krisen- und Kriegszeiten anzutreffen, etwa im 16. und 17. Jahrhundert in unterschiedlichster Ausprägung; wie in Lullys Ballet du Temple de la Paix oder in Händels Oratorien, in denen immer wieder vom Frieden gesungen wird (Stefan Hanheide). Krieg gehört zur Alltagswirklichkeit: Leopold I. regierte 47 Jahre lang, 33 davon herrschte Krieg. Diese Bedrohung wurde auch im barocken Musiktheater thematisiert, allerdings steht der Krieg hierbei selten explizit auf der Bühne, vielmehr sind Friede und gute Herrschaft zentrale Themen der Barockopern (Susanne Rode-Breymann). „Gerade in einer Zeit, in der sich weltweit immer wieder neue Krisenherde auftun, ist ein Appell für den Frieden aktueller denn je“, betont Luise Adler und verweist hiermit auf Musikwerke des zeitgenössischen Komponisten Jörg Widmann, die explizit als Plädoyer für Verständigung und Zusammenhalt gelesen werden können. Appell und Reflexion Dieser erste Vortrag über Widmanns Friedensappell (Florian Besthorn) bildet mit dem letzten Vortrag über Friedensmusik nach dem Ersten Weltkrieg (Benedikt Leßmann) die dramaturgische Klammer der Ringvorlesungsreihe. Damals entstanden im Rahmen musikalischer Wettbewerbe Werke, die sich mit dem neu gewonnenen Frieden auseinandersetzten. „So zeigen sich zwei Modelle: der Appell in der Krise und die Reflexion nach der Krise“, erläutert Adler. Erstmals enthält die Ringvorlesungsreihe auch einen Beitrag aus der Musikpädagogik. Lars Oberhaus behandelt die Frage: Kann Musikunterricht einen Beitrag zur Friedenserziehung leisten? „Der Musikunterricht ist ohnehin schon stark gefordert: Er soll integrieren, kulturelle Bildung ermöglichen, historisches Wissen vermitteln“, erläutert Prof. Dr. Malte Sachsse. „Gerade durch ästhetische Auseinandersetzung mit Musik können eine fruchtbare Diskussionskultur gefördert und demokratische Werte vermittelt werden.“ Insbesondere der Vergleich unterschiedlicher Genres – etwa zwischen einem Popsong und einer romantischen Sinfonie – biete neue didaktische Perspektiven, um Schülerinnen und Schüler für gesellschaftliche Themen zu sensibilisieren. Musik als Spiegel gesellschaftlicher Debatten Im Verlauf des Semesters ergibt sich so ein Panorama der verschiedensten Friedenmusiken. Musik als Mahnmal, als Appell, als Hoffnungsträger – und als Spiegel gesellschaftlicher Debatten. „Wer alle Beiträge gehört hat, wird nicht nur historische Einsichten gewonnen haben, sondern auch Impulse, wie man heute in Musik Frieden reflektieren kann“, sind sich die drei Musikwissenschaftler Höink, Sachsse und Adler einig. Musik sei stets ein Medium gewesen, um politische und gesellschaftliche Prozesse zu begleiten; und möglicherweise auch zu beeinflussen. Die achte Ringvorlesung ist bereits in Planung. Sie widmet sich im Sommersemester 2026 dem Werk Carl Maria von Webers, dessen 200. Todestag im nächsten Jahr gefeiert wird. Doch bis dahin steht ein Thema im Mittelpunkt, das aktueller kaum sein könnte. „Musik erreicht emotionale Tiefe, die Worte oft nicht leisten können“, so Höink. „Gerade bei einem Thema wie Frieden ist das von unschätzbarem Wert.“ Die sechzigminütigen Vorträge mit anschließender Diskussionsrunde beginnen jeweils um 18.15 Uhr im Kuppelsaal der HfM. Der Eintritt ist frei. Das Programm: Mittwoch, 15. Oktober: „Et in terra pax? Zum Friedensappell in Kompositionen von Jörn Widmann“ mit Florian Besthor; Mittwoch, 29. Oktober: „Krieg, Sieg und Frieden in der Oper am Habsburger Kaiserhof“ mit Susanne Rode-Breymann; Mittwoch, 12. November: „Ein bisschen Frieden?! (Un-)Möglichkeiten der Friedenserziehung im Musikunterricht“ mit Lars Oberhaus; Mittwoch, 26. November: „Bedeutung des Friedens in der Musik des Barockzeitalters“ mit Stefan Hanheide; Mittwoch, 10. Dezember: „Alte Rituale und moderner a capella-Gesang: ,The Maccabeats’ vertonen das jüdische Konzept von Tikkun Olam mit Claudia Bergmann; Mittwoch, 7. Januar: „Un-Frieden“ stiften. Musikalische Heldeninszenierungen gegen die Demokratie“ mit Yvonne Wasserloos; Mittwoch, Januar: „La douce paix: Spielarten des Friedens in der französischen Mélodie nach dem Ersten Weltkrieg“ mit Benedikt Leßmann.