Detmold. Ein kleiner Raum, eingehüllt in weiße Vorhänge und in ihm eine Familie, die sich einem unausgesprochenen Konflikt versucht zu stellen, der das gesamte Fundament der Familienbande erschüttert. Mit der Premiere von Simone Kuchers Drama „Nach dem Essen“ hat das Landestheater Detmold am Freitag eine hochaktuelle und beklemmende Inszenierung im intimen Rahmen des Grabbe-Hauses präsentiert. Unter der Regie von Magdalena Schönfeld entfaltet sich ein vielschichtiges Generationsporträt, das die großen Debatten unserer Zeit – von Klimakrise bis familiäre Traumata – auf die Bühne bringt. Im Zentrum des Geschehens steht der 14-jährige Jonas, der eines Tages aus unerfindlichen Gründen einfach aufhört, zu essen und zu sprechen. Diese drastische Verweigerungshaltung des Teenagers wird zum Katalysator für eine längst überfällige Konfrontation zwischen seinen Eltern (Alexandra Riemann, Sebastian Zumpe), seiner Schwester Billie (Maja Grahnert) und der Großmutter (Ewa Noack), die der Ursache auf den Grund gehen wollen. Ein Social-Media Post über Jonas, den seine Schwester Billie einstellt, geht viral und zeigt ungeahnte Auswirkungen: Eine weltweite Protestbewegung entsteht, die Jonas zum Märtyrer einer ganzen Generation avancieren lässt. Der Generationskonflikt Das Stück verknüpft geschickt die persönliche Verweigerungshaltung des jungen Protagonisten mit den kollektiven Ängsten einer Generation, die sich mit den Versäumnissen der Elterngeneration konfrontiert sieht. „Fridays for Future“ trifft auf den Wachstumsglauben der Wirtschaftswunder-Ära. Die Regie von Magdalena Schönfeld schafft es, diesen Spannungsbogen bildstark auf die Bühne zu bringen, ohne in simple Schuldzuweisungen zu verfallen. Vielmehr wird die Ohnmacht aller Beteiligten spürbar. Simone Kuchers Text - brillant in seiner Alltäglichkeit und doch durchzogen von surrealen, fast kafkaesken Momenten - fängt die mangelnde Kommunikation unserer Zeit präzise ein. Die Gespräche mäandern zwischen belanglosen Anekdoten und tiefen existenziellen Ängsten, ein Spiegelbild moderner Familienstrukturen, in denen Nähe oft nur Fassade ist. Die Inszenierung: Intim und unerbittlich Die Stärke der Inszenierung liegt in der Konzentration auf das Kammerspiel. Die Bühne im Grabbe-Haus, spartanisch, aber wirkungsvoll gestaltet, rückt die Darstellerinnen und Darsteller in den Fokus. Das Ensemble brilliert durchweg. Das Besondere: Der Protagonist Jonas kommt als Person auf der Bühne nicht vor. Das unterstreicht noch einmal mehr, dass es bei diesem Stück nicht um eine bestimmte Person an sich geht, sondern vielmehr um das, wofür diese steht. Dies sorgt für einen breiten Interpretations- und Assoziationsspielraum. Simone Kucher lehnt sich dabei in ihrem Stück an die Geschichte der Jona-Sage aus der Bibel an, die von Vergebung und Barmherzigkeit handelt. „Nach dem Essen“ steht als Parabel für eine Botschaft, die uns lehren soll, nicht nur den Blick nach vorne, sondern auch in die Vergangenheit zu richten, um aus Fehlern zu lernen. Fazit: Ein Theaterabend mit Nachgang „Nach dem Essen“ ist kein leichter Theaterabend, aber ein umso wichtigerer. Es ist ein Stück, das die Finger in die Wunde legt und unbequeme Fragen nach Verantwortung, Vergebung und dem, was eine Familie eigentlich zusammenhält, stellt. Der Verzicht auf ein „Happy End“ und die offenen Fragen, die am Ende im Raum stehen bleiben, machen den Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis. Einmal mehr hat das Landestheater Detmold mit diesem Stück den Mut bewiesen, aktuelle und relevante Themen unserer Zeit auf die Bühne zu bringen.