Dörentrup
Exoten in Humfeld: Paradiesvögel unter sich
| von Yvonne Glandien

Manuela Busse und Papageiendame "Lora" sind ein eingeschweißtes Team. - © Yvonne Glandien
Manuela Busse und Papageiendame "Lora" sind ein eingeschweißtes Team. (© Yvonne Glandien)

Dörentrup-Humfeld. „Betreten auf eigene Gefahr". Das Schild im Käfig ist eine Warnung: Hier warten keine Schmusetiere. Die Bewohner auf der anderen Seite des Gitters wissen auf sich aufmerksam zu machen, kommen mit weit aufgespannten Schwingen auf den Käfig zugesegelt und landen mit einem dumpfen Knarren auf dem Metall. Der Dunkelrote Ara „Loki" und sein Kumpel „Rudi" beäugen die Neuankömmlinge von oben und begrüßen sie, „RAAAA RAAA", tönt es ohrenbetäubend. Und nicht nur die Zwei stimmen ins Begrüßungskommando mit ein.

Die Kakophonie ist erschlagend, desorientierend. Von links pfeift es in hohen Tönen, hinten schreit ein ganzer Chor. Plötzlich fällt ein Zweig herunter, landet auf dem Boden. Hier, in der Freiflughalle im „Papageienparadies Busse" herrscht Leben. Rund 130 Vögel ziehen hier ihre Runden. Aras, Graupapageien, Kakadus und Amazonen, sie alle gehören zu den privaten Haustieren der Humfelder. Einige von ihnen haben eine bewegte Geschichte hinter sich.

In der Papageienhalle leben um die 130 Tiere. Für das tropische Klima ist sie im Winter beheizt, im Sommer bleibt es unter 28 Grad. Vier unter der Decke verlegte Rohre und ein kniffliges Pumpensystem sorgen dafür, dass die Vögel im Regen duschen können. Dazu sammeln Busses in einem Reservoir unter der Halle bis zu 10.000 Liter Regenwasser, mit dem der Raum auch gereinigt wird. - © Yvonne Glandien
In der Papageienhalle leben um die 130 Tiere. Für das tropische Klima ist sie im Winter beheizt, im Sommer bleibt es unter 28 Grad. Vier unter der Decke verlegte Rohre und ein kniffliges Pumpensystem sorgen dafür, dass die Vögel im Regen duschen können. Dazu sammeln Busses in einem Reservoir unter der Halle bis zu 10.000 Liter Regenwasser, mit dem der Raum auch gereinigt wird. (© Yvonne Glandien)

Ja, ein bisschen papageienverrückt sind sie wohl, das gibt Wolfgang Busse zu. Die Liebe des KfZ-Mechanikers zu den exotischen Tieren reicht mehr als 50 Jahre zurück. Als junger Lehrling schaffte sich Busse 1970 von seinem ersten Gehalt eine Gelbscheitelamazone an, „Coco". Es folgte ein Graupapagei. Als er hörte, dass die Vögel grundsätzlich nur paarweise gehalten werden sollen, kam jeweils ein zweiter dazu. Heutzutage ist daraus sogar eine Pflicht geworden – die Einzelhaltung ist seit 2005 per Gesetz verboten. Dumm nur, wie sich später herausstellte, dass zwei grüne Hähne und zwei graue Hennen eingezogen waren. Also musste erneut aufgestockt werden – es war die Geburtsstunde des Papageien-Kupplers. Heute hilft er anderen Papageien-Besitzern und solchen, die es werden wollen, bei der Vermittlung.

Laut wie ein Gewehrschuss

Wolfgang Busse und sein Molukkenkakadu "Columbus". - © Yvonne Glandien
Wolfgang Busse und sein Molukkenkakadu "Columbus". (© Yvonne Glandien)

Ein Schrei sticht aus der Menge der Vogelgeräusche hervor. „Columbus" hockt auf dem Giebel eines kleinen Holzverschlags. Er legt den Kopf schief, schaut zu Wolfgang Busse, reißt den Schnabel auf und kräht. 131 Dezibel – fast so laut wie ein Gewehrschuss kann der Schrei des Molukkenkakadus erklingen. Kaum ein Vogel ist lauter, schriller. „Columbus" trippelt von einem Fuß auf den anderen, spannt seine Federhaube auf.

"Columbus" hat die Lage im Blick. Der Molukkenkakadu hat seine ersten 25 Jahre in einem kleinen Käfig als Haustier in einem Reisebüro verbracht. Um wieder fliegen zu können, hat er zwei Jahre lang mit Wolfgang Busse trainiert. - © Yvonne Glandien
"Columbus" hat die Lage im Blick. Der Molukkenkakadu hat seine ersten 25 Jahre in einem kleinen Käfig als Haustier in einem Reisebüro verbracht. Um wieder fliegen zu können, hat er zwei Jahre lang mit Wolfgang Busse trainiert. (© Yvonne Glandien)

Endlich hat er die Aufmerksamkeit von Wolfgang Busse. Der greift zu einem langen Ast und hält ihn dem Tier hin. Der Vogel zögert keine Sekunde, hüpft auf das Holz und klettert hinunter auf den Arm seines Besitzers. Kurz schmusen Vogel und Mensch, schmiegen die Köpfe aneinander, dann fragt Busse: „Na ,Columbus’, wohin willst du jetzt fliegen?", streckt den Arm samt Tier aus und dreht sich langsam auf der Stelle. Die beiden peilen einen Punkt über dem Teich an, Busse zieht den Arm zu sich, holt aus und wirft „Columbus" schließlich in die Luft. Der Kakadu breitet seine korallfarbenen Schwingen aus, nimmt Schwung auf und gleitet für einen Moment durch die Luft, bis er sich eine Stelle unter der Decke sucht, an der er landen kann. Dass „Columbus" wieder fliegen kann, grenzt an ein Wunder.

Der Dunkelrote Ara "Loki" ist das Rampenlicht gewohnt. Schnurrstraks steuert er auf die Schulter von Besuchern zu - oder arglosen Journalisten. - © Yvonne Glandien
Der Dunkelrote Ara "Loki" ist das Rampenlicht gewohnt. Schnurrstraks steuert er auf die Schulter von Besuchern zu - oder arglosen Journalisten. (© Yvonne Glandien)

Der Molukkenkakadu ist eines der Tiere, die von einem Vorbesitzer zu Busses gekommen sind. Teils haben sie schwierige Vergangenheiten und Besitzer, die sich nicht mehr um sie kümmern wollen oder können hinter sich. Der Kakadu habe 25 Jahre alleine in einem kleinen Käfig in einem Reisebüro gelebt, bevor er nach Humfeld kam. Zwei Jahre lang hat Wolfgang Busse mit ihm trainiert. Ihm wieder beigebracht, zu fliegen. Sich wohlzufühlen.

Tropisches Ambiente

Die Luftfeuchtigkeit in der Halle ist hoch, fast tropisch. Palmen, lange Äste, etliche Verschläge und Futterstationen. Dazu ein großer Teich, eine Brücke die darüber führt. Es riecht nach Regen. Am Morgen ist geputzt worden, das Gefieder der meisten Tiere glänzt noch nass in der Sonne, die durch das Glasdach hereinscheint. Erst vor wenigen Minuten hat es in der Halle geregnet. Vier unter der Decke verlegte Rohre und ein Pumpensystem sorgen dafür, dass die Vögel wie in der Natur duschen können. Dazu sammelt die Familie Busse in einem Reservoir unter der Halle bis zu 10.000 Liter Regenwasser, mit dem der Raum auch gereinigt wird.

Um das tropische Klima zu halten, ist die 500-Quadratmeter-Halle im Winter beheizt. Die Papageienhaltung ist ein teures Hobby, schließlich wollen die Tiere auch gefüttert werden. Knapp 150 Bananen und ein Kühlschrank voller Trauben, Äpfel und anderem Obst stehen als frische Snacks bereit. Daneben kommen im Monat gut 180 Kilogramm Körnerfutter und etliche Säcke an Nüssen dazu. Um die Kosten wenigstens etwas zu senken, nimmt das Paar Pensionsvögel bei sich auf. Und hilft kranken Tieren aus ganz Deutschland mit Schnabelprothesen und Korrekturen zu mehr Lebensqualität.

An der Tür sitzen die Aras „Loki" und „Rudi" wieder auf Wachposten. Beide krähen sich an, diskutieren scheinbar für eine Weile, einigen sich dann und schon setzt der Dunkelrote Ara „Loki" zum Flug an. Wenig später sitzen 1200 Gramm Vogelgewicht auf der Schulter der Besucherin. Ganz ruhig, fast zärtlich bewegt sich der Vogel. Gibt Gelegenheit, sich an sein Gewicht zu gewöhnen. Als sich die Schultern entspannen, tapst „Loki" einmal kurz hin und her, sucht neuen Halt. Nichts zwickt, nichts kratzt, „Loki" ist ein echter Profi im Umgang mit Besuchern. Neugierig schaut er auf die Kamera, schmiegt sich Kopf an Kopf mit der Besucherin und nach kurzen Fotoshooting ist er schon wieder zurück am Zaun bei Kumpel „Rudi". Für Besucher ist die Familie immer offen, ermutigt dazu, vorbeizukommen und sich ihre Tiere anzuschauen – nach telefonischer Anmeldung, versteht sich. Schließlich ist hier alles privat.

Deko rund ums Federvieh

Die Vogelliebe setzt sich im wenige Meter neben der Halle liegenden Wohnhaus fort. Ein Puzzle mit Papageienmotiv, Svarowski-Kristallvögel, Handpuppen, Toilettenpapier mit Tukan-Aufdruck, etliche Fachbücher füllen jede Ecke der Wohnung. Auf dem Teeservice im Schrank prangen Papageien, in der Ecke steht eine Vase mit Strelitzien – afrikanische Blumen, die mit ihrem grünen Schnabel und orange-roter Blüte auch gerne Papageienblumen genannt werden. Im „Papageienzimmer", einem Raum, der sowohl der Sammelleidenschaft als auch der Buchhaltung über die Pensionstiere und eigenen Vögel gewidmet ist, ist die Menge an Vogelskulpturen schier unzählbar. Ja, ein bisschen papageienverrückt sind sie wohl, die Busses. Steif, Plüsch, Porzellan – bei dem ein oder anderen Tier muss man sich doppelt versichern, ob es eine Nachbildung oder ein echter Vogel ist. Auf dem Tisch macht plötzlich „Lora" einen Schritt zur Seite und lugt hinter der Kaffeekanne hervor.

Hohes Alter

„Lora" ist trotz ihres fortgeschrittenen Alters ziemlich fit. 71, das ist selbst für Papageien ein untypisches Alter. Im Durchschnitt würden die Tiere 50 Jahre alt, erklärt Busse. „Aber es gibt auch den Johannes Heesters unter den Vögeln." Eben so wie „Lora". Die Henne kam als Jungvogel mit einem Seemann nach Deutschland – vermutlich lag ihr Zuhause in Costa Rica. Als ihre Besitzerin zu alt wurde, um sich um „Lora" zu kümmern, übernahmen die Busses das Tier. Für die grüngefiederte Grand Dame geht es in der großen Halle aber zu wild zu. Sie bevorzugt die Ruhe und die menschliche Gesellschaft. „Papageien sind besser als Menschen", sagt Wolfgang Busse, lehnt sich vor und wartet, dass die Salvinen-Amazone zu ihm kommt. „Menschen sind grausam, sie bringen sich gegenseitig um. Meine Papageien mag ich lieber."

Wer das Papageienparadies besuchen möchte, kann die Familie Busse unter Tel. (05265) 1532 erreichen.

Eine Liebe fürs Leben

Dass Vögel und Dinosaurier eng miteinander verwandt sind, ist kein Geheimnis. Und sie teilen auch eine Eigenschaft: Sie können steinalt werden. Um die 50 Jahre dauert ein Papageienleben durchschnittlich – manchmal, wie bei „Lora", können es sogar deutlich mehr werden. Wer sich die Vögel anschafft, sollte es sich gut überlegen. „Ich wäre dafür, dass man erst einen Schein machen muss, bevor man die Tiere halten darf", sagt Wolfgang Busse und mahnt, keine leichtfertige Entscheidung zu treffen.

Anspruchsvolle Tiere

Vögel wollen fliegen. Klingt logisch, wird aber dennoch längst nicht immer so gehandhabt. Viele Tiere, die bei Wolfgang Busse landen, haben ihr Leben in viel zu kleinen Käfigen verbracht. Mit Flügelspannweiten, die an die vier Meter heranreichen können – wie etwa beim Hyazinth-Ara –, brauchen die Tiere Platz. Von bewusster Züchtung in der Haltung hält Wolfgang Busse nichts. Er und seine Frau würden lediglich Jungtiere groß ziehen, die zufällig aus den Vogelfamilien entstünden.

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