Dörentrup. Der Bagger ist am Werk: Auf dem Gelände der früheren Sand- und Thonwerke an der Bundesstraße 66 laufen Abrissarbeiten. Werksteile der heutigen Firma DFP (Dörentrup Feuerfestprodukte) müssen weichen: Das Klinkerwerk wird dem Erdboden gleichgemacht. Dort rauchen längst keine Schlote mehr. Dass die großen Gebäude und Hallen westlich der Straße Bärenort schon lange nicht mehr genutzt werden, ist an vielen kaputten Scheiben zu erkennen. Einer, der dort jahrzehntelang gearbeitet hat und sich erinnert, ist Horst Heuer. „Ich war fast 50 Jahre Betriebsschlosser“, sagt der heute 84-Jährige. Er begann seine Ausbildung Mitte der 50er Jahre. Dass er sich die Sand- und Thonwerke als Arbeitgeber ausgesucht hatte, war kein Zufall, schließlich arbeiteten auch Horst Heuers Vater und seine Brüder dort, im Prinzip die ganze Wendlinghauser Familie. Die Sand- und Thonwerke waren das wichtigste Industrieunternehmen für Dörentrup, haben als Firma DFP bis heute ihre Bedeutung und prägen das Ortsbild entlang der Lemgoer Straße. „Als ich lernte, arbeiteten dort 800 Menschen“, sagt Heuer, der seine Erinnerungen im vergangenen Jahr in der „Erzählwerkstatt“ des Kulturstellwerks Nordlippe vorbrachte. „Generationen von Dörentrupern haben dort gearbeitet“, weiß seine Frau Hanna Heuer. „Wer hier wohnte, arbeitete dort.“ Arbeitsplätze für Wanderziegler Die Bedeutung lässt sich heute daran ablesen, dass die Internetadresse www.doerentrup.de nicht zur Gemeinde Dörentrup führt, sondern zum Unternehmen. Im Klinkerwerk als einer von vielen Produktionslinien der Sand- und Thonwerke wurden vor allem Klinkersteine und Klinkerplatten hergestellt, die sich für innen und außen eigneten. In vielen Häusern wurden sie verwendet, viele Terrassen, Balkone oder Flure sind bis heute mit den rötlichen Platten gefliest. Nach der Gründung im Jahr 1901 fanden viele Lipper, die sich zuvor als Wanderziegler verdingt hatten, bei den Sand- und Thonwerken Arbeit. Neben dem Unternehmer Siekmann waren die fürstliche Regierung und ab 1919 das Land Lippe zu 50 Prozent an der Firma beteiligt. Jürgen Scheffler, bis zum Ruhestand Leiter der städtischen Museen Lemgos, hat sich mit der Unternehmensgeschichte befasst: „Ein Anliegen von Heinrich Drake als Landespräsident war, dass die Wanderziegler Arbeitsplätze in Lippe finden sollten.“ Die lippische Regierung nahm Einfluss: Bei dem Dörentruper Unternehmen wurden gute Löhne gezahlt, und auch die Arbeitsbedingungen waren offenbar gut. Die Rohstoffe für die Produkte der Sand- und Thonwerke kamen aus der benachbarten „Silbersandgrube“ auf der anderen Seite der Hauptstraße. „Quarzsande waren die Grundlage für die Produkte der Sand- und Thonwerke, nämlich Feuerfestprodukte und Produkte für die Keramikindustrie“, erläutert Scheffler. Als die Vorkommen erschöpft waren, wurden Anfang der 70er Jahre weite Teile der Grube mit Müll verfüllt. Nach der Jahrtausendwende wurde die ehemalige Deponie saniert und mit den heute vielfach sichtbaren Solarzellen bestückt. Rohstoffe aus der Tongrube „1925 fiel die Entscheidung, zusätzlich ein Klinkerwerk zu bauen“, sagt Scheffler. Als es 1928 neben den bisherigen Firmengebäuden eröffnet wurde, galt es als eines der modernsten Klinkerwerke weit und breit. Auch architektonisch setzte die ausgedehnte Anlage Zeichen. Horst Heuer weist auf die gusseisernen Fenster hin. „Man konnte bei jedem Fenster eine Klappe öffnen und rausgucken.“ Die Rohstoffe für das Ziegelwerk kamen aus einer benachbarten Schiefertongrube, die Richtung Lütte lag. Von dort wurde das Material per Seilbahn über die Bega und die Bahnstrecke zum Ziegelwerk transportiert, weiß Jochen Brunsiek vom Kulturstellwerk. 1938 verkaufte der lippische Staat nach einigen Turbulenzen und anfänglichen Absatzproblemen seine Anteile an Unternehmer Dr. Bock. Dessen Nachfahren sind noch heute Eigentümer der Firma DFP, die zur „DB Holding“ gehört. „Das Unternehmen und sein Geschäftsführer Christian Bock haben uns bei den Recherchen für die Erzählwerkstatt gut unterstützt und auch eine Führung über das Werksgelände möglich gemacht“, sagt Jochen Brunsiek. Im Jahr 1935 war die Schiefertongrube für das Ziegelwerk bereits erschöpft. Nach Schefflers Worten wurde deshalb im Maiboltetal auf der anderen Straßenseite eine zweite Grube erschlossen. Von dort wurde das Material – wie bei der „Silbersandgrube“ – mit der elektrisch per Oberleitung betriebenen Feldbahn zum Werk transportiert. „Als Stift bin ich selbst in der Lore zur Maibolte gefahren“, erinnert sich Horst Heuer schmunzelnd an den eher unkomfortablen Transport. An mehreren Stellen querten die Schienen die Straße. Davon ist heute nicht mehr viel übrig – bis auf einen Bahndamm im Wald oder Reste einer Feldbahnbrücke über den Bach. „Nur auf dem Werksgelände waren die Schienen noch relativ lange zu sehen“, sagt Scheffler. Auf der anderen Seite des Werksgeländes nutzte die Firma den Anschluss an die Begatalbahn. Auf der Schiene wurde etwa die Kohle für den Betrieb der Öfen angeliefert. Klinker wurden per Bahn zu den Abnehmern transportiert. Klinkerplatten und Riemchen In den Nachkriegsjahren prosperierte das Klinkerwerk – dank Wirtschaftswunder und Bauboom. Horst Heuer kann von Ring- und neuen Tunnelöfen berichten, weiß von zahlreichen An- und Neubauten auf dem Gelände und von der Umstellung der Öfen von Kohle auf Gas. Zum ersten Klinkerwerk kamen die Werke 2 und 3. Als Maschinenschlosser hatte er allerhand zu tun, Maschinen zu reparieren, zu warten und teils sogar neu zu erfinden oder zu bauen. Produziert wurden Klinker in verschiedenen Formaten und neben den erwähnten Klinkerplatten auch Riemchen, die zur Verblendung von Fassaden dienten. Wirtschaftliche Schwierigkeiten Anfang der 90er Jahre und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hatten Entlassungswellen zur Folge. Horst Heuer blieb verschont, für ihn gab es auch in anderen Unternehmensteilen genug zu tun. Aber es sei für ihren Mann schon seltsam gewesen, als er das Gefühl hatte, dass auf dem Werksgelände kaum noch jemand zu sehen war, erinnert sich Hanna Heuer. Das Aus für die Produktion der Klinkerplatten kam 2007. Danach wurden die Anlagen als Lager genutzt oder verfielen. Nun werden sie abgebaut. Zu den Abrissarbeiten wollte sich die CB Holding gegenüber der LZ aktuell nicht näher äußern. Das Unternehmen selbst habe sich rechtzeitig für die richtige seiner vielen Produktionslinien entschieden, sagt Jochen Brunsiek. Die Firma DFP stellt heute weiterhin feuerfeste Auskleidungen für die Gießerei- und Metallerzeugungsindustrie her – an einem traditionsreichen Standort. Weitere Informationen zur Geschichte des Werks finden sich auf der Internetseite www.kulturstellwerk-nordlippe.de/projekte/industrialisierung-im-begatal und Jürgen Schefflers Beitrag „Das Klinkerwerk in Dörentrup und die Politik in Lippe 1928-1933“ (in: Heimatland Lippe, Heft 6/2025).