Zirkusfreud und Zirkusleid

Sylvia Frevert

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Der Büffelschädel ist echt und Teil der Wildwest-Show, auf die Zirkus-Chef Toni Wagner besonders stolz ist. Das kleine Familienunternehmen gastiert an diesem Wochenende in Hohenhausen. - © Sylvia Frevert(LZ)
Der Büffelschädel ist echt und Teil der Wildwest-Show, auf die Zirkus-Chef Toni Wagner besonders stolz ist. Das kleine Familienunternehmen gastiert an diesem Wochenende in Hohenhausen. (© Sylvia Frevert(LZ))

Kalletal-Hohenhausen. Ein anderes Leben als das eines Reisenden, immer unterwegs auf der Achse ihres LKW können sich Janine und Toni Wagner nicht vorstellen. Mit ihrem „Circus Classic Ideal“ sind zu Gast am Sportplatz. Für ihr buntes Programm, bei dem die gesamte Familie mitwirkt, hoffen sie auf viele Zuschauer – damit sie das bestellte Zelt für ihre Tiere bezahlen können.

Unbekannte zerstören Zelt

Mit „Onkel Toni“, wie ihn seine Zirkuskollegen nennen, ist man schnell per „Du“ und schnell wird klar, dass das bunte, schillernde Leben rund um das Zirkuszelt neben Romantik jede Menge harte Zeiten birgt. Corona machte die Situation nicht leichter. Drei Jahre pausierte das Familienunternehmen und musste aufgrund von Tonis Herzerkrankung in 2019 sogar noch vor der Corona-Zwangspause die Saison beenden. „Staatliche Hilfen haben wir keine bekommen“, erklärt Janine Wagner, während sie im Wohn-Camper das Mittagessen zubereitet. Aus Angst, große Summen am Stück zurückzahlen zu müssen, wie so mancher Kollege, stellten sie erst gar keinen Antrag. Und als ob Tonis Krankheit und die Corona-Zwangspause noch nicht genug finanzielle Herausforderungen für die Familie geboten hätten, haben Unbekannte im Februar das große Tierzelt zerstört. „Wir waren in Hameln in unserem Winterlager“, erinnert sich Toni Wagner an den Ort, der seiner Familie bereits drei Jahre lang als Winterquartier diente. Niemals sei etwas passiert, aber in jener Februarnacht zerschnitten Unbekannte die Spannseile und die Zeltplane der 20 mal 8 Meter großen Unterkunft – ohne Rücksicht darauf, dass die Tiere in ihren Boxen standen. Für die Zirkusfamilie war diese sinnlose Tat der Beginn einer finanziellen Hängepartie, einhergehend mit Obdachlosigkeit für ihre Vierbeiner, denn sie standen ohne Versicherungsschutz da, „weil wir im Winter ohne Einnahmen alles abgemeldet hatten.“

Tiere versorgen vor der Vorstellung: für Zirkus-Boss Toni Wagner ist die Arbeit im Stall das täglich Brot. Nachmittags steht er als Wildwest-Indianer und Jongleur zusammen mit seiner Familie im Scheinwerferlicht im Zirkusrund. - © Sylvia Frevert
Tiere versorgen vor der Vorstellung: für Zirkus-Boss Toni Wagner ist die Arbeit im Stall das täglich Brot. Nachmittags steht er als Wildwest-Indianer und Jongleur zusammen mit seiner Familie im Scheinwerferlicht im Zirkusrund. (© Sylvia Frevert)

Die Tiere verkauft

Die Wagners mussten fast alle Zirkustiere verkaufen: Dromedare, Lamas und Tonis Lieblingspferd, den Araber-Hengst „Omali“. Wagner trauert noch heute. „Dieses Pferd konnte alles. Es machte Kompliment, den Achter-Lauf, Pirouette rechts und links und konnte rückwärts laufen.“Heute stehen neue Pferde im Stall – wieder Araber. Junge Tiere, die mit viel Mühe und Mithilfe der gesamten Familie ausgebildet wurden. Am Osterwochenende im Extertal hatten sie ihren ersten Auftritt – sehr zum Leidwesen der Familie vor nur 40 Zuschauern. „Die Menschen kommen seit Corona nicht mehr“, bedauert Toni Wagner. Da hat er einer ganz alten Zirkusfamilie angehöre, habe er mit ausverkauften Vorstellungen schon ganz andere Zeiten erlebt. „Ich bin im Zirkuswagen in Bochum geboren“, erinnert sich das Familienoberhaupt. Alles, was er kann, habe er vom Vater gelernt.

Großes Repertoire

Das Repertoire des Artisten reicht von Artistik mit Flic-Flacs, Saltos, Kinn-Balance bis hin zur Wildwest-Show, auf die er besonders stolz ist. „Und wenn Not am Mann ist, dann springe ich als Clown ein.“ Auch den Umgang mit Tieren, der ihm an seiner Arbeit am meisten Spaß macht, hat ihm sein Vater beigebracht. „Als Elfjährigem gab er mir eine Ziege zum Trainieren.“ Recht schnell konnte sie dank Möhrenstückchen die unterschiedlichen Kunststücke. Heute sind die Zeiten anders aber der Zirkus soll weiterleben: Dafür steht die nächste Generation der Fanilie mit Tochter Giodana (21) und Sohn Mariano (29) sowie der Schwiegertochter.

Der Zirkus lädt am 30. April für 16 Uhr und am 1. Mai, 14 Uhr, zur Vorstellung anch Hohenhausen ein. Ticket-Hotline: Tel. 0157-57906466.

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