Kalletal. „Es gibt eine hohe Zahl an Schülern, die nicht mehr zur Schule kommen“, sagt Claudia Quandt, Fachkraft in multiprofessionellen Teams (MPT), die Schulsozialarbeiter Darius Komainda an der Jacobischule in Kalletal unterstützt. Die beiden haben ihre Arbeit und die von Kollegin Manuela Mantei, die an den Grundschulen tätig ist, der Politik vorgestellt. Die Ausführungen haben einige Mitglieder offenbar überrascht, wenn nicht gar schockiert. An der Jacobischule sind derzeit 378 Schüler, 44 davon haben einen Förderbedarf. Das bedeutet, statistisch befinden sich in jeder Klasse drei Förderschüler. Außerdem gibt es 16 Schüler, die begleitet werden. Die Schüler kommen aus 26 Ländern, knapp 40 Schüler befinden sich in der internationalen Klasse, in der es vor allem um Sprachförderung geht. „Eine Herausforderung ist dabei die Alphabetisierung von Schülern“, sagte Quandt. Eine andere die bereits erwähnte Zahl von „schulabsenten Schülern“: 87 sind es an der Jacobischule, die mehr als 100 Fehlstunden haben. „Dabei ist der Wert schon sehr hoch gegriffen, andere Schulen rechnen bereits ab 50 Fehlstunden“, erläuterte die MPT. Die Gründe dafür seien unterschiedlich. Manchmal seien die Fehlstunden krankheitsbedingt hoch, „aber wir erleben auch, dass Eltern zwar bemüht sind, aber nicht mehr dran sind an ihren Kindern“. Seit der Corona-Pandemie seien die Zahlen signifikant gestiegen, bestätigte Komainda auf Nachfrage - und das sei natürlich kein Problem, das nur Kalletal betreffe. Bürgermeister Mario Hecker fragte in diesem Zusammenhang: „Wie kann das sein? Wir haben doch eine Schulpflicht in Deutschland.“ Quandt sagt: „Wir können nur mit den Schülern und Eltern sprechen. Mal bringt das Erfolg, mal nicht.“ „Manche Schüler verweigern sich total. Dann werden auch mal Bußgelder durch die Bezirksregierung ausgesprochen“, ergänzte Komainda. Laut Auskunft bei der Bezirksregierung wurden im vergangenen Jahr 819 Bußgeldanordnungen wegen Schulpflichtverletzung im gesamten Regierungsbezirk Detmold verhängt. Zum Vergleich: 2020 waren es 700. Zahlen auf Ebene des Kreises Lippe oder der Gemeinde Kalletal gebe es nicht. In der Statistik sind weder Grundschulen noch Hauptschulen oder die meisten Förderschulen enthalten. Dafür zählen aber Schulpflichtverletzungen unmittelbar vor und nach den Ferien dazu. „Individuelle Weg statt pauschaler Lösungen“ Schulverweigerung sei ein „ernst zu nehmendes Thema, welches das Schulministerium mit großer Aufmerksamkeit“ behandele. Für die Schulen stehe dabei im Mittelpunkt, betroffenen Schülern gezielt und individuell zu helfen. Denn die Gründe für Schulverweigerung seien vielfältig und würden häufig im sozialen Umfeld der Betroffenen liegen. „Es braucht daher individuelle Wege zurück in einen geregelten Schulalltag. Pauschale Lösungen greifen hier nicht“, heißt es von der Bezirksregierung. Das Fernbleiben des Unterrichts fange schleichend an, beginnend ab der sechsten Klasse, sagen die Experten. Die Gründe dafür seien auch unterschiedlich. Quandt: „Manchmal geht es um Mobbing. Die Fähigkeit, Konflikte und andere Meinungen auszuhalten, geht verloren. Manchmal geht es aber auch um Vereinsamung.“ „Die Kinder, die zu uns kommen, wollen Aufmerksamkeit. Das ist der Schlüssel. Darum reden wir mit ihnen“, sagte Komainda. „Fremdenfeindlichkeit nimmt zu“ Auch psychische Probleme hätten bei den Schülern seit Corona deutlich zugenommen. Dazu zählen beispielsweise Angststörungen, Selbstverletzungen, Traumata, Wahrnehmungsstörungen, Mut- und Perspektivlosigkeit. Ein weiteres Thema: „Fremdenfeindlichkeit nimmt stark zu“, sagte Quandt. Die Schule steuere mit Projekttagen entgegen, es gebe individuelle Angebote für Klassen und Jahrgänge. „Aber ein erschreckend großer Anteil der Schüler würde die AfD wählen“, berichtet Quandt von einer Probewahl, die stattgefunden habe. Und natürlich sei auch Cybermobbing immer wieder ein Problem: „Die Kinder nehmen das Mobbing heutzutage mit nach Hause. Sie sind immer online und schaffen es so nicht, sich davon zu distanzieren. Soziale Netzwerke würden das unterstützen“, zeigte sich Quandt überzeugt. „Gesellschaftliches Problem“ Zum Abschluss berichtete Komainda noch von einem positiven Beispiel: „Wir bekamen eine Schülerin von einer anderen Schule, die dort Schulverweigerin war. Wir gaben ihr die Aufgabe, dass sie an jedem Schultag morgens ,Hallo’ bei uns sagen sollte. Und wir haben es hinbekommen. Sie sagte später: ,Ich werde doch gebraucht.’ Deshalb sagen wir: Einsamkeit kannst du begegnen, in dem du gebraucht wirst.“ Vorab hatte es einen Vortrag von der Volkshochschule Detmold-Lemgo zum Thema Einsamkeit bei Kindern und Jugendlichen gegeben. Bürgermeister Mario Hecker dankte den Vortragenden und sagte: „Emotionale Verwahrlosung ist ein Thema in ganz Deutschland, das nicht nur Kinder mit Familien in schwierigen Verhältnissen betrifft.“ Es gebe Kinder, die alles für ihr Zimmer bekommen, was sie wollen, aber eben keine Zuwendung. Dieses gesellschaftliche Problem dürfe nicht verschwiegen und müsse angepackt werden.