Bielefeld/Bad Salzuflen. Bis zu 1.000 Euro Bußgeld drohen in NRW bei wiederholtem Schulschwänzen oder Schulverweigern. Doch trotz dieser drastischen Strafe hat das bevölkerungsreichste Bundesland ein riesiges Problem mit Schulverweigerern, oder, wie es im Fachjargon heißt: Schulabsentismus. Innerhalb von fünf Jahren ist die Zahl der Bußgeldverfahren um 49,7 Prozent auf 8.800 angestiegen. Doch wie viele Schüler in NRW tatsächlich häufig oder dauerhaft nicht zur Schule gehen, weiß niemand. Experten schätzen aber, man müsste die Zahl verzehnfachen. Mike Nolte, Schulleiter des Carl-Severing-Berufskollegs für Handwerk und Technik in Bielefeld, hat genau nachgeprüft. 75 Bußgeldverfahren wurden für die sechs städtischen Berufskollegs im vergangenen Jahr abgeschlossen. Das klingt bei 14.500 Schülern erst mal nicht nach übermäßig viel Schulverweigerung. „Diese Zahl sagt aber gar nichts darüber aus, wie viele Schülerinnen und Schüler tatsächlich regelmäßig dem Unterricht fernbleiben. Das sind nur die Fälle, die den langen, bürokratischen Weg bis zur Bezirksregierung nach Detmold durchlaufen haben.“ Hinzu komme die Regelung, dass Schulen Bußgeldverfahren nur dann auf den Weg bringen können, wenn ein Schüler einen ganzen Tag fehle. „Jemanden, der regelmäßig morgens für eine Stunde kommt und dann geht, können wir nicht belangen.“ Um das Ausmaß unter Schülern realistisch zu beziffern, schätzt Nolte, müsste man die Zahl der Bußgeldverfahren verzehnfachen. Zwei bis drei Schüler pro Klasse an Bielefelder Gesamtschule Torsten Schätz, Leiter der Martin-Niemöller-Gesamtschule in Bielefeld, ist mit dem Thema nur allzu vertraut – zu seinem Leidwesen. „Das ist eins der größten Probleme, die wir derzeit an der Schule haben.“ Zwei bis drei Schülerinnen und Schüler pro Klasse, schätzt er, sind in den Jahrgängen sieben bis neun regelmäßig oder häufig nicht im Unterricht. „Das sind die problematischen Jahrgänge, davor ist es noch nicht, danach nicht mehr so schlimm.“ Hochgerechnet auf acht Klassen pro Jahrgang sind das rund 50 bis 75 Schüler. Verbreitet ist die Thematik in ganz NRW, doch je nach Regierungsbezirk unterschiedlich ausgeprägt. Grundsätzlich erfassen die Bezirksregierungen die Problematik nur anhand der Bußgeldverfahren, die auch Schulpflichtverletzungen vor und nach den Ferien umfassen. Berücksichtigt sind hier nur die weiterführenden Schulen Gymnasium, Realschule, Gesamtschule, Sekundarschule und Berufskolleg. Spitzenreiter ist der Regierungsbezirk Düsseldorf, hier gab es im vergangenen Jahr 3.481 Bußgeldverfahren. Im Bezirk Münster waren es 2.062, in Arnsberg 1.521, in Köln 913 und in Detmold 819. .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-g0HJUUiKfU7mUEod-ttc-linechart-bussgeldverfahren-wegen { padding-top: 142.86%; } } Dass Schulverweigerung auch an Grund-, Förder- und Hauptschulen ein großes Problem ist, zeigen die Zahlen der Kreise und Kommunen. Auch hier nehmen die Bußgeldverfahren stetig zu oder bleiben auf einem anhaltend hohen Level. Der Kreis Herford beispielsweise verzeichnet für das Schuljahr 2017/18 119 Fälle, für das Jahr danach 143 Fälle und im Schuljahr 2022/23 162 Fälle. Erstmalig sank der Wert im vergangenen Jahr auf 105. Schulverweigerung schon in den Grundschulen Zum anderen wird aber auch deutlich: Auch schon an Grundschulen ist Schulverweigerung ein Thema. Im Kreis Minden-Lübbecke beispielsweise gab es im vergangenen Jahr 53 Verfahren, davon entfielen 39 auf die Grundschulen. Von 55 Verfahren im Jahr 2022 entfielen 33 auf die Grundschulen. Eine Aufschlüsselung der Bußgeldverfahren nach Schulform liefern die Bezirksregierungen nicht. Doch wird im Gespräch mit Schulleitern auch von Gymnasien klar: Eine Brennpunkt-Thematik ist Schulverweigerung nicht. Viele haben auch unter ihren Schülern Schulverweigerer. So zum Beispiel Patrizia Drewes von der Hans-Ehrenberg-Schule in Sennestadt. Sie betont, dass es sich an ihrer Schule um Einzelfälle handele: „Wir setzen dann präventiv auf persönliche Gespräche, Schulsozialarbeit und die enge Zusammenarbeit mit Eltern – das verhindert oft, dass sich die Schulvermeidung verfestigt.“ Bei vielen Schülern ist genau diese Zusammenarbeit aber nicht möglich, weiß Schulleiter Torsten Schätz. „Ein Thema ist hier auch die Zuwanderung. Viele Eltern haben selbst kein verpflichtendes Schulsystem erlebt und vermitteln ihren Kindern die Schulpflicht hier auch nicht.“ Doch auch weitere Faktoren spielten eine Rolle – allen voran die Pandemie. „Einen großen Einfluss hatten hier sicherlich die Lockdowns und das Homeschooling. Viele Kinder und Jugendliche haben darüber ihre Struktur und die Anbindung an die Schule verloren.“ Deutsches Schulsystem ist selbst das Problem Hinzu komme drittens das Schulsystem selbst. „Unsere Schullandschaft setzt auf Aussortieren. Das beschert Kindern viele Misserfolge, und das verstärkt die Schulverweigerung.“ Zudem hätten viele Schulverweigerer persönliche Probleme wie eine Trennung der Eltern, einen Todesfall in der Familie, soziale Ängste oder eine Erkrankung. Viele dieser Kinder sieht die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Hete Heidenreich aus Bielefeld in ihrer Praxis. Sie weiß: „Hinter Schulverweigerung stecken häufig Über- oder Unterforderung in der Schule, soziale Ängste oder anderweitige Belastungsfaktoren.“ Häufig beginne der Prozess mit ein paar einzelnen Fehltagen. „Das kann aus Angst geschehen, weil jemand vielleicht seine Hausaufgaben nicht gemacht hat oder in der Pause geärgert wird. Meist empfinden die betroffenen Schüler dieses schulvermeidende Verhalten dann aber als so befreiend und erleichternd, dass es sich sukzessive ausweitet.“ Auch Soziale Medien hätten einen großen Anteil daran. „Es ist heutzutage sehr leicht, sich hier in Parallelwelten zu flüchten.“ .responsive23-l7a0SUJciTNh3Zfs-bar-stacked-horizontal-suchtfaktor-social-media { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-l7a0SUJciTNh3Zfs-bar-stacked-horizontal-suchtfaktor-social-media { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-l7a0SUJciTNh3Zfs-bar-stacked-horizontal-suchtfaktor-social-media { padding-top: 142.86%; } } Auch in den Augen von Oliver Dudek, Leiter der Gesamtschule Aspe in Bad Salzuflen, spielen gesellschaftliche Problemlagen eine große Rolle beim Thema Schulverweigerung. „Denen zu begegnen ist insbesondere dann eine riesige Herausforderung, wenn die Eltern nicht mitziehen. Wenn Sie da sechsmal anrufen, um Bescheid zu geben, dass das Kind nicht in der Schule ist, und erreichen sechsmal niemanden und es ruft auch niemand zurück, sind unsere Ressourcen und Kapazitäten irgendwann erschöpft.“ Allerdings habe er unter den Absentisten an der Schule lediglich einen Fall, bei dem die Eltern systematisch versuchten, das Kind der Schule fernzuhalten. Meldepflicht an Bielefelder Gesamtschule Mike Nolte, Schulleiter am Berufskolleg, prangert zudem den immensen Aufwand an, den es braucht, um rechtlich gegen Schulpflichtverletzungen vorzugehen. „Denn das ist ein probates Mittel. Wir erleben häufig, dass sich die Situation verbessert, wenn erst mal ein empfindliches Bußgeld entrichtet werden musste.“ Der gesamte Schriftverkehr, die Bürokratie und die Dauer der Verfahren aber seien einfach nur hinderlich. „Es hat Zeiten gegeben, da war so ein Verfahren erst nach drei Monaten abgeschlossen. Das ist dann auch in pädagogischer Hinsicht verfehlt.“ Im starken Kontrast zu dieser Verzögerung im Alltag stehen die Empfehlungen des Schulministeriums NRW beim Thema Schulabsentismus. Denn auch hier ist man sich des Problemumfangs längst bewusst und rät daher im mehrere Hundert Seiten umfassenden Notfallkoffer „Hinsehen und Handeln“ als ersten Schritt: „Frühzeitig und konsequent aktiv werden.“ An der Martin-Niemöller-Gesamtschule geht Schulleiter Schätz deshalb jetzt einen anderen Weg. Er investiert Mittel aus dem Startchancen-Programm künftig gezielt in Absentismus-Bekämpfung. Zum einen ist dafür eigens eine weitere Schulsozialarbeiterin eingestellt worden. Und zum anderen stellt Schätz Ressourcen für eine minutiöse Anwesenheitsprüfung ab. Heißt: Künftig werden sich absentismusgefährdete Schüler jeden Morgen im Schulbüro melden müssen. „Erscheint jemand nicht, rufen wir in jedem einzelnen Fall sofort die Eltern an oder schreiben SMS.“