Florian Lueke stellt Forschungsergebnisse über den Umgang mit Juden vor

Vereine blenden NS-Zeit aus

Von Andreas Beckschäfer

Retuschiert: Auf diesem Foto ist Ernst Frenkel wegretuschiert - © Foto: Archiv Lueke
Retuschiert: Auf diesem Foto ist Ernst Frenkel wegretuschiert (© Foto: Archiv Lueke)

Kreis Lippe/Detmold. "Dem Verein angeschlossene Juden werden gestrichen": Innerhalb weniger Tage haben sich die lippischen Sportvereine im Jahre 1933 ihrer jüdischen Mitglieder entledigt. In vorauseilendem Gehorsam, wie Doktorand Florian Lueke feststellt.

Der Ausschluss jüdischer Mitglieder ist kein unrühmliches Kapitel in der Geschichte der lippischen Turnvereine. Es ist überhaupt keines. Zu dieser Erkenntnis ist Florian Lueke gelangt, der sich als Doktorand am Institut für Sportwissenschaften der Uni Hannover seit vielen Jahren mit der Geschichte lippischer Sportvereine beschäftigt.

Sein Vorhaben, die äußerst radikale Vollstreckung des nationalsozialistischen Gedankenguts in der hiesigen Turn- und Sportbewegung nachzuzeichnen, hat sich als schwierig in der Umsetzung erwiesen. Denn eine Auseinandersetzung mit dieser Zeit existiert in den Vereinen kaum, wie Lueke in einem Vortrag verdeutlichte, den er auf Einladung der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Lippe im Detmolder Haus Münsterberg gehalten hat.

Der damals noch wenig um Aufklärung bemühte Umgang mit dieser Thematik wird in einer Gegenüberstellung deutlich. In einem Protokollbuch des Lemgoer Turnvereins vom 30. April 1933 heißt es geschäftsmäßig: "Auf Anweisung des Gauführers Dröge sind zwecks Vornahme der Gleichschaltung Maßnahmen zu ergreifen. Vorsitzender Wagener gibt sodann Auskunft über die Mitgliedschaft von Juden im Verein. Dem Verein angeschlossene Juden werden gestrichen."

In der zum hundertjährigen Jubiläum der Turner erschienenen Festschrift aus dem Jahre 1963 liest sich dieser Vorgang dann so: "Der Arierparagraph befahl die Ausschließung der Juden auch im Lemgoer Turnverein. Es wurde dem Vereinsvorsitzenden bitter schwer, die bis dahin hochgeschätzten jüdischen Kameraden auszustoßen." Indes: Die Satzung, in der vermerkt wurde, dass "nur unbescholtene Deutsche Mitglieder in Vereinen werden können", wurde erst Anfang 1935 verabschiedet. Da hatten die lippischen Vereine ihre jüdischen Mitglieder – von denen viele als Sportler, Funktionäre, Mäzene oder Mitbegründer bedeutenden Anteil an der jeweiligen Vereinshistorie hatten – längst linientreu ausgeschlossen.

Dass es auch in der Nachkriegszeit kaum aufklärerische Bemühungen gab, erklärt sich Lueke so: "In vielen Vereinen waren nach dem Krieg die gleichen Personen als Funktionäre verantwortlich, wie vor dem Krieg. Und ohnehin herrschte damals noch die Tendenz vor, den Nationalsozialismus aus der Geschichte auszublenden." Auch in den Folgejahren wollte sich offenbar niemand konsequent mit diesem Teil der Geschichte auseinandersetzen: Das zitierte Protokollbuch der Turner hat Lueke unmittelbar vor dem Abriss der Turnhalle von deren Dachboden gerettet.

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