Missbrauch auf Campingplatz: Ein weiterer Verdacht kommt ans Licht

Janet König und Julia Rathcke

  • 1
Die Familie von Michaela V. aus Lügde hat selbst jahrelang auf dem Campingplatz "Eichwald" gelebt. - © Vera Gerstendorf-Welle
Die Familie von Michaela V. aus Lügde hat selbst jahrelang auf dem Campingplatz "Eichwald" gelebt. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Lügde-Elbrinxen. Im Fall um den jahrelangen Missbrauch auf dem Campingplatz „Eichwald" sitzen derzeit drei Männer in Untersuchungshaft. Inzwischen verdichten sich Hinweise, dass ein weiterer Dauercamper unter Missbrauchsverdacht stand. Das haben gemeinsame Recherchen der LZ mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) ergeben. Demnach soll der Camper aus Steinheim im April 2018 eine 15-Jährige vergewaltigt haben. Der Fall wurde zur Anzeige gebracht, doch die Ermittlungen sind eingestellt worden.

Schwere Vorwürfe erhebt indes die Mutter der inzwischen 16-Jährigen gegen die Detmolder Polizei. „Man hat uns nie Gründe genannt, weshalb nichts unternommen wurde", sagt Michaela V. aus Lügde, deren Familie selbst viele Jahre einen Stellplatz auf dem Campingplatz hatte. Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigt den Fall: „Es hat Ermittlungen dazu gegeben." Warum diese eingestellt wurden, könne er aus Opferschutzgründen nicht sagen.

„Das kann damit zu tun haben, dass es keine hinreichenden Beweise gab oder die Zeugin nicht glaubwürdig war", sagt Vetter. Aus den Akten gehe hervor, dass der
Mutter am 25. Oktober ein Bescheid erteilt worden sei, in dem die Rechtsmittel und die Gründe für die Einstellung der Ermittlungen sehr ausführlich dargelegt seien. Michaela V. habe jederzeit die Möglichkeit, diesen Bescheid erneut anzufordern, sagt Ralf Vetter.

Die Ermittler hatten im Herbst keinen hinreichenden Tatverdacht gegen den Steinheimer Dauercamper feststellen können. Vetter sagte aber, dass auch die Akten von damals der Ermittlungskommission "Eichwald" vorlägen. Die Ermittlungen könnten wieder aufgenommen werden, wenn es neue Hinweise gäbe.

Bei dem mutmaßlichen Tatverdächtigen handelt es sich um einen ebenfalls aus Steinheim stammenden Dauercamper, der nach LZ-Informationen mit dem in Untersuchungshaft sitzenden Verdächtigen Mario S. befreundet sein soll und deren Parzellen nah beieinander liegen. „Er war immer dabei und hat mit den Kindern rumgetobt", erinnert sich Michaela V.. Da sich ihre Familien viele Jahre vom Campingplatz kannten, habe die Hausfrau ihre 15-jährige Tochter ohne Sorgen bei ihrem mutmaßlichen Peiniger übernachten lassen. Schließlich hätten dort immer viele Kinder Zeit verbracht – darunter auch die eigenen Enkelkinder des Steinheimers.

Mit diesem Rasenmäher soll der Verdächtige Mario S. Kinder herumgefahren haben. - © Janet König
Mit diesem Rasenmäher soll der Verdächtige Mario S. Kinder herumgefahren haben. (© Janet König)

Bei einem Grillabend im April soll ihre Tochter dann von dem Mittvierziger „mit Alkohol abgefüllt und mit K.o.-Tropfen ruhig gestellt" worden sein. So vermutet es die Mutter. „Sie kann sich noch daran erinnern, wie der Täter sich auf sie legte und Mario zuschaute", sagt die 39-Jährige. Ihre Stimme bricht bei der Erinnerung mehrfach. Das Mädchen habe sich nicht wehren können. Erst drei Wochen später habe die heute 16-Jährige sich ihrer Mutter anvertraut. „Wir sind direkt zum Jugendamt nach Blomberg – und die haben uns zur Polizei nach Schieder-Schwalenberg geschickt."

Dort hätten die Beamten die Anzeige aufgenommen und an die Kollegen in Detmold weitergegeben, berichtet die Mutter. Das bestätigt auch Polizeisprecher Lars Ridderbusch. "Anschließend sind der Beschuldigte sowie weitere Zeugen und die Geschädigte vernommen worden. Wir haben alle Ermittlungsakten an die Staatsanwaltschaft Detmold übergeben", erklärt Ridderbusch die Arbeit der Polizisten. Anschließend sei es Sache der Staatsanwaltschaft gewesen, über ein Verfahren zu entscheiden.

Die Jugendliche wurde von den Polizeibeamten insgesamt vier Mal vernommen. „Ich habe nicht mal ein Aktenzeichen bekommen", sagt V.. Gerade das bräuchte die Mutter aber, um schnelle Hilfe beim Opferschutz zu bekommen. „Meine Tochter leidet noch immer unter schlimmen Schlafstörungen."

Die Familie der 39-Jährigen habe bis vor drei Jahren selbst auf dem Campingplatz gelebt – ihr Vater sei sogar ein guter Freund des Hauptverdächtigen Andreas V. gewesen, der mindestens 31 Kinder auf dem Platz missbraucht haben soll. „Viele müssen weggeschaut haben", ist sich die vierfache Mutter sicher. Sie selbst sei als Elfjährige von Andreas V. mehrfach unsittlich angefasst worden, die Erinnerungen seien durch das schreckliche Erlebnis ihrer Tochter wieder hochgekommen. „Ich habe es damals meinem Vater und meiner Oma erzählt – doch keiner hat mir geglaubt", sagt V.. Über mehrere Jahre hinweg soll der „Freund" der Familie, Andreas V., sich an ihr vergangen haben, als 15-Jährige habe sie sogar für ein paar Monate bei ihm leben müssen. Ihre Tochter habe zu Andreas V. nie Kontakt gehabt. Und dennoch habe sie auf dem Campingplatz „Eichwald" ein ähnliches Schicksal erlitten.


Kinderpornos gelöscht


Im Fall des Lügder Missbrauchsskandals steht nach wie vor im Raum, dass Daten manipuliert wurden. Die Staatsanwaltschaft geht dem dringenden Tatverdacht nach, dass eine Person für einen der Hauptverdächtigen Kinderpornos von Datenträgern gelöscht haben soll. Die Dateien sollen dem Steinheimer Mario S. (33) gehört haben. Laut Oberstaatsanwalt Ralf Vetter sollen diese im Zeitraum von Anfang Dezember bis Anfang Januar gelöscht worden sein.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

1 Kommentar
1 Kommentar

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!