Deshalb schwört Unternehmer Lasse Rheingans auf den 5-Stunden-Tag

Marianne Schwarzer

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Unternehmer Lasse Rheingans glaubt, dass unsere Arbeitswelt sich ändern muss. Er fordert unter anderem eine andere Haltung der Unternehmer zu ihren Arbeitnehmern. Foto: Nils Hendrik Müller - © Nils Hendrik Müller
Unternehmer Lasse Rheingans glaubt, dass unsere Arbeitswelt sich ändern muss. Er fordert unter anderem eine andere Haltung der Unternehmer zu ihren Arbeitnehmern. Foto: Nils Hendrik Müller (© Nils Hendrik Müller)

Kreis Lippe. Sein Schritt ist nichts weniger als eine Revolution auf dem deutschen Arbeitsmarkt gewesen: Lasse Rheingans hat vor gut zwei Jahren in seiner 15-köpfigen Bielefelder Agentur den 5-Stunden-Tag bei vollem Gehalt eingeführt. Seitdem rennen ihm Medien, aber auch andere Unternehmer die Bude ein und wollen wissen: Wie hat er das gemacht?

Herr Rheingans, Ihre Mitarbeiterin hat mir bei der Terminabsprache für dieses Interview genau eine halbe Stunde zugebilligt. Und ich hab mich gefragt: Wie schaffe ich das bloß, mit so einem Effizienzspezialisten in so kurzer Zeit was Vernünftiges zustande zu bringen?

Lasse Rheingans: Nee, nee, so ist das nicht, Effizienz ist nicht alles. Wir rennen doch bei uns im Betrieb auch nicht ständig hektisch durch die Gegend. Kreativität braucht Raum und Zeit.

Aber Fakt ist schon: Seit Sie in Ihrer Firma diesen Schritt hin zum 5-Stunden-Tag gemacht haben, sind Sie gefragter denn je. Cooler PR-Gag.

Rheingans: Ganz ehrlich, ich habe so eine Resonanz nicht erwartet. Wir waren ja plötzlich in allen Blättern bis hin zur New York Times. Das hätte man als PR-Coup niemals so planen können. Und jetzt wollen plötzlich andere Unternehmen, dass wir ihnen zeigen, wie wir das gemacht haben.

Also ein ganz neuer Geschäftszweig?

Rheingans: Das entwickelt sich tatsächlich gerade.

Unterm Strich, haben Sie Ihren Schritt von 2017 schon bereut?

Rheingans: Nicht bereut, aber ich würde in Facetten vielleicht ein paar Dinge anders machen. Zum Beispiel den Fokus nicht mehr so stark auf die fünf Stunden legen.

Wieso, was war daran falsch?

Rheingans: Dass Kunden plötzlich gedacht haben, wir sind nur noch vormittags für sie erreichbar. Oder dass sie uns mit ihren Bedürfnissen nicht so wichtig sind, weil wir ja alle um 13 Uhr Feierabend machen wollen. Dabei geht es eigentlich ganz am Ende gar nicht um die Zeit.

Worum geht es Ihnen dann?

Rheingans: Um ein Umfeld, in dem man menschlich auf Augenhöhe miteinander umgeht und die Stärken des anderen wahrnimmt. Damit erzielt man die besten Ergebnisse, davon bin ich überzeugt.

Wie haben Sie es denn hingekriegt, dass das im Team auch wirklich funktioniert hat? Es ist ja schwierig, alte Gewohnheiten und Arbeitsrituale abzulegen.

Rheingans: Mich kannte ja vorher keiner im Team, es gab also auch keine Rituale im Umgang mit mir. So ein Wandel klappt nur mit sehr viel Offenheit – auch für Kritik. Das hat allerdings wohl auch nur funktioniert, weil wir eine Supervision haben, in Gegenwart eines externen Moderators trauen sich Mitarbeiter vielleicht auch, offener zu sein.

Das leuchtet ein. Aber wie sind Sie dann konkret vorgegangen?

Rheingans: Wir haben geschaut, was eigentlich Zeit frisst. Früher wurde intern viel über einen Firmenchat kommuniziert. Heute stellen wir dort nur noch Fragen, die sich mit Ja oder Nein beantworten lassen. Braucht es mehr, trifft man sich kurz zur Besprechung, klärt die Dinge und macht weiter.

Und Sie gucken nur noch zwei Mal am Tag in die E-Mails.

Rheingans: Neurologische Untersuchungen haben ergeben, dass das Gehirn nach jeder Unterbrechung 15 Minuten braucht, um wieder genauso hoch konzentriert zu sein wie vorher. Und so wichtig sind die wenigsten Nachrichten. Projektleiter müssen die vielleicht im Blick haben, die Entwickler aber nicht.

Nun sind ja nicht alle Mitarbeiter gleich und vielleicht nicht gleich gut, der eine ist vielleicht schneller als der andere.

Rheingans: Dafür ist der andere vielleicht gründlicher. Ich beispielsweise bin superschnell, neue Ideen schüttele ich nur so aus dem Ärmel. Aber ich bin auch unstrukturierter, ich brauche jemanden, der das in Ruhe durchdenkt und niederschreibt. Als Projektleiter wäre ich verloren.

Das heißt, Sie versuchen, die individuellen Begabungen zu fördern?

Rheingans: Es geht darum, die Potenziale zu sehen und Raum zu schaffen für Entwicklungen. Wenn das gelingt, dann wird am Ende die Arbeitszeit egal, weil ich das Vertrauen habe, dass alle auf dasselbe Ziel hinarbeiten. Dann kann ich als Chef sagen: Arbeitet, und nehmt Urlaub, wann Ihr wollt.

Aber es gibt sie doch, die Ackergäule und die Rennpferde im Team, wie ein Ex-Chef von mir es mal formuliert hat?

Rheingans: Ich halte diese Haltung für falsch. Wir müssen weg davon, Personal nur als Ressource zu sehen, sondern jeden Einzelnen als individuellen wichtigen Baustein des Unternehmens. Das ist extrem anstrengend. Aber unsere Arbeitswelt muss sich extrem wandeln. Und es gibt eine Menge Unternehmer, die das nicht wahrhaben wollen.


Zukunftsperspektiven

Wer mehr über Lasse Rheingans Thesen wissen will, kann vieles in seinem neuen Buch nachlesen: „Die 5-Stunden-Revolution: Wer Erfolg will, muss Arbeit neu denken", 24,90 Euro.

Er bringt es nach Lippe mit, wenn er am Dienstag, 28. Januar, neben Unternehmer Carsten Roth ab 19 Uhr im Detmolder Hangar bei der nächsten Veranstaltung in der Reihe „Zukunftsperspektiven" von LZ, der Akademie Denkflügel, Gilde und Weidmüller zu Gast ist. Die Moderation übernimmt LZ-Chefredakteur Dirk Baldus.

Tickets gibts für 39,90 Euro – Snacks und Getränke inklusive. Es gibt die Karten unter Tel. (05231)911113, in den LZ-Geschäftsstellen auf www.erwin-event.de.

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