Leopoldshöhe-Asemissen. Die Schwangerschaft verlief unauffällig, Alexandra und ihr Mann Sascha freuten sich auf ihr erstes Kind. Doch plötzlich hatte es ihr Sohn eilig. „Sam kam in der 28. Schwangerschaftswoche zur Welt und es war schnell klar: Da stimmt etwas nicht, wahrscheinlich im Kopf“, erinnert sich die Mutter. Einen Tag später stand fest: Sam hatte eine massive Hirnblutung – einen Schlaganfall. Die Prognosen der Fachleute sahen düster aus: Mit solch einer massiven Hirnschädigung würde Sam wohl nie sitzen, laufen, sprechen oder selbstständig essen können.
"Das war eine schwere Zeit"
„Das war eine schwere Zeit. Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Der große Zusammenhalt in unserer Familie hat meinem Mann und mir Kraft gegeben“, berichtet Mutter Alexandra gegenüber Ina Armbruster von der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe. Der Alltag der Familie dreht sich um Sam: Pflege, Arztbesuche und Therapien organisieren, Hilfsmittel auswählen, unzählige Formulare und Anträge ausfüllen – und viel üben.
„Sam lernte alles verzögert, aber er lernte es. Das Wichtigste war: Er wollte es lernen. Heute kann er laufen und quasselt wie ein Wasserfall – und er ist immer noch sehr ehrgeizig“, freut sich Alexandra. Doch viele Herausforderungen bleiben. Heute ist Sam zehn Jahre alt. Je älter er wird, desto bewusster würden ihm seine Einschränkungen. Unter anderem ist seine linke Hand gelähmt. „Wenn er zum Beispiel andere Kinder klettern sieht, wird er schon mal sehr wütend und schimpft mit seiner gelähmten Hand. Das ist für uns als Eltern schwer anzusehen.“
Auch emotionale Schwankungen und Konzentrationsschwierigkeiten seien Folgen der Hirnblutung. „Außenstehende können kaum nachvollziehen, was die Erkrankung mit sich bringt. Es war und bleibt ein harter Weg. Andere sehen vor allem ein fittes, fröhliches Kind, nicht unseren gesamten Alltag“, schildert Alexandra ihre Erfahrung. Deswegen möchte sie auf das Thema aufmerksam machen.
Mehrere hundert Kinder im Jahr betroffen
Mehrere hundert Kinder erleiden pro Jahr in Deutschland einen Schlaganfall, etwa ein Drittel bereits vor oder während der Geburt. Nicht immer wird die Erkrankung so schnell erkannt wie bei Sam. Teilweise vergehen Monate oder Jahre bis zur Diagnose. Die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe steht Familien mit betroffenen Kindern bei. Zwei Lotsen begleiten die Familien meist über viele Jahre. Zudem gebe es Veranstaltungen und Informationsangebote. „Beim Summer Camp der Stiftung konnte ich mit Fachleuten aus verschiedenen Disziplinen sprechen. Außerdem haben wir viele Familien kennengelernt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Und Sam hat gesehen, dass viele Kinder so wie er sind. Das hat uns sehr geholfen“, sagt Alexandra.
Ein schwer krankes Kind sei oft auch eine Zerreißprobe für die Partnerschaft. Alexandra weiß, dass viele Beziehungen daran scheitern. Ihr Mann und sie geben sich gegenseitig Halt: „Sascha und ich reden viel miteinander. Wir verzichten bis heute lieber auf einen gemütlichen Filmabend und teilen stattdessen unsere Gedanken und Sorgen. Reden hat uns durch viele schwierige Phasen gebracht“, ist sie überzeugt.
Die Corona-Zeit sei der Familie allerdings schwergefallen. Sam habe die großen Familien-Treffen vermisst, seine Schulfreunde und sein größtes Hobby, das Reiten. Seit ein paar Jahren geht er regelmäßig zur Hippotherapie und ist seitdem ein begeisterter Reiter. Seine Mutter hofft, dass er später ein möglichst selbstständiges Leben führen wird: „Das war bei seiner Geburt nicht abzusehen. Wir sind froh und dankbar über die Entwicklung. Er ist ein toller Junge.“
Mehr Informationen zum kindlichen Schlaganfall und den Angeboten der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe gibt es im Netz:www.schlaganfall-hilfe.de/kindlicher-schlaganfall
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