Kreis Lippe/ Detmold. Adolf Neumann-Hofer, ein Mann mit einer ganz besonderen Bedeutung für Lippe. Und doch ist er vielen einfach nicht bekannt, der Professor, Politiker, Verleger und „Revolutionär wider Willen“, wie ihn Dr. Hans-Joachim Keil nennt. Keil wiederum hat eine Biografie über Prof. Dr. Adolf Neumann-Hofer geschrieben, stieß aber auch mehr aus Zufall auf den Mann, der am 20. Mai vor 100 Jahren starb - bei einem Verkehrsunfall mit einer Straßenbahn mitten in Detmold. Im Interview erklärt Keil unter anderem, welche Bedeutung Neumann-Hofer auch über Lippes Grenzen hinaus hatte. Am 100. Todestag hält Keil einen Vortrag über den lippischen Politiker, am Samstag, 24. Mai, folgt ein Rundgang auf den Spuren Neumann-Hofers. Wer war Adolf Neumann-Hofer? Dr. Hans-Joachim Keil: Er war im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts eine vielschichtige und einflussreiche Persönlichkeit: Linksliberaler Politiker in Lippe, im Reichstag und in der verfassunggebenden Nationalversammlung in Weimar. Profilierter Herausgeber der Lippischen Landeszeitung. Als Investor saß er in den Aufsichtsräten von 40 verschiedenen Unternehmen. Als wohlhabender Mann, hat er in Lippe das Landestheater und das Fürstliche Konservatorium finanziell unterstützt. Er war mit seiner Körpergröße und seinem Vollbart eine stattliche Persönlichkeit. Als Zugereister erregte er mit seiner modern gekleideten Ehefrau in Lippe Aufsehen. Nach der Scheidung, was vor 120 Jahren ungewöhnlich war, unterstützte ihn seine zweite Ehefrau Netty bei allen Aktivitäten. Er war aber mit den Gedanken immer weiter, eher verkopft, konnte keinen Smalltalk. Aufgrund seiner Arbeit war er stets viel unterwegs. Andererseits war er charismatisch, er brauchte immer Leute, die ihn in seinen Vorhaben unterstützten. Der ehemalige Stadtarchivar Dr. Andreas Ruppert nannte ihn einmal, als den neuen Typ des Großbürgers und den ersten modernen Manager im beschaulichen Lippe. Was hat Neumann-Hofer für Lippe, für die Lipper getan? Dr. Hans-Joachim Keil: Im Kaiserreich hat er kleine Reformen am ungerechten Drei-Klassen-Wahlrecht durchgesetzt. Obwohl er selber eine linksliberale Partei in Lippe gegründet hat, weil er als Ostpreuße in den vorhandenen liberalen Parteien nicht Fuß fassen konnte, hat er punktuell mit den Sozialdemokraten zusammengearbeitet und diese Partei im Kaiserreich salonfähig gemacht. Im Freistaat Lippe hat er sich als Landespräsident für ein demokratisches und tolerantes Lippe eingesetzt. Warum kennen ihn viele Lipper nicht? Dr. Hans-Joachim Keil: Neumann-Hofer hatte keine Kinder, die die Erinnerungen hätten wachhalten können. Acht Jahre nach seinem Tod wurde 1933 sein Privatarchiv von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und ausgewertet, um ihn posthum und insbesondere Landespräsident Heinrich Drake, mit dem er zusammengearbeitet hatte, zu diskreditieren, was nicht gelang. Obwohl er 1925 ein Staatsbegräbnis erhielt, haben die Nazis wohl dafür gesorgt, dass auf dem Friedhof kein Grabstein mehr zu finden ist. Keine Straße, keine Schule, keine Einrichtung erinnert an diesen verdienten Mann. Er war in Ostpreußen geboren, studierte in Berlin - wie kam er nach Lippe? Dr. Hans-Joachim Keil: Er besuchte 1899 seinen Studienfreund Alfons Stengele, der gerade erst die Lippische Landes-Zeitung übernommen und das Interesse an ihr aber bereits wieder verloren hatte. Neumann-Hofer kaufte sie ihm ab und zog im Herbst 1899 mit Frau und zwei Brüdern nach Lippe, die ihm zuarbeiteten. Auch die zwei weiteren Brüder unterstützen ihn in dem Vierteljahrhundert, in dem er in Lippe wirkte. Sie bezeichnen ihn als „Revolutionär wider Willen“ - warum? Dr. Hans-Joachim Keil: Die Revolution 1918 im Deutschen Reich wurde von sozialistischen und kommunistischen Parteien getragen. In Lippe war die SPD nicht stark genug, um Fürst Leopold IV. zum Rücktritt zu zwingen. Obwohl Neumann-Hofer persönlich mit dem Fürsten befreundet war, ihn halten wollte und ursprünglich nur Reformen im Sinne einer parlamentarischen Monarchie anstrebte, unterstützte er die SPD schließlich angesichts der politischen Entwicklungen. Als Beleg für seine geänderte Gesinnung, forderte ihn die SPD auf, dem Fürsten persönlich die Forderung zum Rücktritt zu überbringen. Durch seine Freundschaft zu ihm konnte Fürst Leopold IV. ein beträchtliches Vermögen behalten, seine Nachfahren leben ja noch heute im Schloss. Was würde er wohl zur derzeitigen politischen Lage in unserem Land sagen? Dr. Hans-Joachim Keil: Dass wir wohl aus Geschichte nichts lernen. Warum? Dr. Hans-Joachim Keil: Neumann-Hofer war ein demokratischer Politiker, der durch seine Überzeugungskraft Verbündete in anderen Parteien für seine politischen Ziele suchte und fand. Er setzte sich mit Nachdruck dafür ein, die formal festgeschriebene Gleichberechtigung der Bürger jüdischen Glaubens auch in Gesellschaft und Politik faktisch durchzusetzen. Dafür kämpfte er und wurde deshalb von konservativen Kreisen stark angefeindet, sogar körperlich bei einem Attentat, als nachts Steine auf sein Auto geworfen und er leicht verletzte wurde. Was fasziniert Sie an diesem Mann, dass Sie die Biografie über ihn geschrieben haben? Dr. Hans-Joachim Keil: Er war eine Persönlichkeit, die politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich stark vernetzt war und in diesen Bereichen viel bewegte. Als Staatswissenschaftler hat er persönlich die erste demokratische Verfassung des Freistaats Lippe geschrieben. Raffiniert war, dass er ein dreiköpfiges Landespräsidium eingerichtet hat, in dem er neben den beiden Sozialdemokraten Heinrich Drake und Clemens Becker selber saß. Auch mit seinen wirtschaftlichen Geschäftspartnern ging er nicht immer fair um, etwa mit Sinalco-Gründer Franz Hartmann. Nach einer Klage glich er den finanziellen Schaden aber wieder aus. Hartmann hat sich mit seinen initiierten unzähligen Prozessen selbst wirtschaftlich ruiniert. Dessen Pressekampagne gegen Neumann-Hofer hat andererseits dazu geführt, dass er nicht mehr als Kandidat für die Landtagswahl 1925 aufgestellt wurde. Shakespeare hätte so ein Stück nicht besser schreiben können. Aufgrund seines wirtschaftlichen Engagements war er wohlhabend, hat die Einrichtung der Fürst Leopold-Akademie unterstützt, sich 1918 für die Wiedereröffnung des heutigen Landestheaters eingesetzt und die Schließung des Fürstlichen Konservatoriums verhindert. Apropos Shakespeare: Neumann-Hofer starb bei einem tragischen Verkehrsunfall. Dr. Hans-Joachim Keil: Im Mai 1925 wollte er eine Autoreise - er besaß einen alten Mercedes mit Fahrer - mit seiner Frau und einer Schwägerin unternehmen. Doch bereits nach 100 Metern kollidierte der Wagen mit einer Lastenstraßenbahn an der Kreuzung Hornsche Straße/Leopoldstraße, die Röcke der Frauen fingen Feuer. Die Schwägerin überlebte, Netty Neumann-Hofer starb am 16. Mai, ihr Mann am 20. Mai im Alter von 58 Jahren. Im ehemaligen lippischen Landtag am Kaiser-Wilhelm-Platz wurde er vor hundert Jahren mit einem Staatsakt geehrt. Erinnerung an Adolf Neumann-Hofer Anlässlich des 100. Todestages Adolf Neumann-Hofers bietet der Naturwissenschaftliche und Historische Verein für das Land Lippe zwei kostenlose Veranstaltungen an. Am Dienstag, 20. Mai, hält Dr. Hans-Joachim Keil einen Vortrag im ehemaligen lippischen Landtag - dem heutigen Landgericht - über den lippischen Politiker, sein Leben und Wirken. Beginn ist um 19.30 Uhr. Es wird wegen der notwendigen Einlasskontrolle in das Landgericht um rechtzeitige Anreise gebeten. Am Samstag, 24. Mai, nimmt Hans-Joachim Keil Interessierte mit auf einen Rundgang auf den Spuren Neumann-Hofers - von der Detmolder Stadtbibliothek in der Leopoldstraße aus bis zum ehemaligen Landtag am Kaiser-Wilhelm-Platz und der Sinalco AG in der Bahnhofstraße. Los geht es um 15 Uhr an der Leopoldstraße 5. Persönlich Dr. Hans-Joachim Keil wurde 1947 in Braunschweig geboren und lebt seit 1978 in Detmold. Der Wirtschaftswissenschaftler war 30 Jahre lang bei der Bezirksregierung Detmold als Regionalplaner tätig und beschäftigt sich jetzt als Heimatforscher mit lippischen Themen. So untersuchte er unter anderem die fast 100-jährige Geschichte der Sinalco AG in Detmold und steuerte die historische Grundlage für das „Sinalco Musical“ bei, das in diesem 200. Jubiläumsjahr des Landestheaters uraufgeführt wird.