Kreis Lippe. Freitag Nachmittag, noch eineinhalb Stunden trennen die Redaktion vom Wochenende. Eine unbekannte Handy-Nummer auf dem Smartphone-Display stört das geschäftige Treiben: „Reiner Calmund hier.“ Mit dem rheinischen Dialekt, wie ihn jeder kennt. Kein Fake-Anruf, es ist der echte „Calli“. Plötzlich ist der Feierabend weit weg. Der Ex-Fußballmanager will über seinen Auftritt Anfang Juli in Horn-Bad Meinberg reden. Und wie er redet, redet, redet. Vorbereitet hat man sich nicht. Improvisation ist gefragt, schließlich waren auch Gerd Müller und Pelé am größten in ihren intuitiven Momenten. Und wer könnte in einem Spontan-Interview ein besseres Gegenüber sein als „Calli“, wie seine Frau ihn aus dem Hintergrund ruft. „Calli“, die Plaudertasche vor dem Herrn. „Calli“, die Frohnatur, die keine unangenehmen Sprechpausen zulässt, sondern diese schnell mit der nächsten Salve Einfälle und Verknüpfungen stopft. „Calli“, der Sprünge von Höcksken auf Stöcksken macht und zahlreiche private Einblicke liefert. Wer ist da bitte? Reiner Calmund? Höchstpersönlich? Reiner Calmund: Ja, der. Sie kommen demnächst nach Bad Meinberg. Was erwartet das Publikum bei Ihrem Auftritt im Kurtheater? Reiner Calmund: Das geht richtig lustig ab. Das kann ich versprechen. Ich kann nicht nur Linksaußen und Rechtsaußen, ich kann auch aus dem Leben was erzählen. Natürlich hab’ ich da ein bisschen was konzeptionell aufgebaut. Aber am Ende könnt’ ihr mir Fragen stellen. Am liebsten die Ekligen. Wissen Sie überhaupt, wo Horn-Bad Meinberg liegt? Reiner Calmund: Hauptsache, meine Assistentin weiß das. Die fährt das Auto. Ne, mal im Ernst, ich habe Verwandtschaft in der Ecke und kenne natürlich auch Schüco, Miele, Dr. Oetker. Da habe ich schon Vorträge gehalten und Probekochen gemacht, außerdem die RTL-Geschichten mit Bertelsmann. Und der langjährige Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer, der Enkel unseres früheren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, ist ein guter Bekannter von mir. Also, die Region ist mir nicht fremd. Und fußballerisch ... Reiner Calmund: ... eh nicht. Da liegt Meinberg nur 40 Kilometer von der letztjährigen Überraschungsmannschaft Arminia Bielefeld, Aufsteiger in die zweite Liga und DFB-Pokalfinalist, entfernt. Und natürlich noch näher dran: Paderborn, die sehr unglücklich die Relegation zur Bundesliga verpasst haben. Da kommen wir dann noch zu. Bei Louis Pawellek, dem Talkmaster, der Sie nach Bad Meinberg eingeladen hat, kommt natürlich auch viel Persönliches auf den Tisch. Was bewegt die Leute besonders? Reiner Calmund: Natürlich fragen die immer, wie haben Sie das mit dem Gewicht gemacht. Antwort: Anfangs gar nicht. In zehn Kuren hab’ ich insgesamt 200 Kilo abgenommen, aber anschließend 280 wieder draufgepackt. Jo-Jo-Effekt. Den kennen viele. Irgendwann wurde das Leben dann immer schwerer. Gab es den Wendepunkt, ab dem sich alles änderte? Reiner Calmund: Ja, in den USA. Da hat mir einer vom Handycap-Counter am Flughafen in San Diego einfach ungefragt einen Rollstuhl unter den Hintern geschoben. Das war einerseits angenehm, weil die Wege so weit waren, aber auch unangenehm, weil es mir peinlich war. In San Francisco stand schon der nächste Rollstuhl bereit, in Disney-Land fuhr ich mit dem E-Scooter umher. Da kannst du bei meinem Gewicht damals ja sonst auch nicht viel erreichen ohne Schnappatmung nach ein paar Schritten. Die Reise war mein Schlüsselmoment. Wie ging es dann weiter? Reiner Calmund: Zurück in Deutschland war ich in München, im Hilton bei der Livesendung „Doppelpass“, damals mit Edmund Stoiber. Da hab’ ich auch den Uli (Hoeneß, Anm. d. Red.) getroffen, der hatte den Kontakt zu so einem Super-Professor. Drei Tage später war ich in Offenbach – die zweite OP nach den Mandeln als Kind. Ihre Magenverkleinerung ... Reiner Calmund: Ja, oder genauer, der Magen-Bypass. Danach konnte ich plötzlich zehn Minuten am See spazieren gehen und auch meine Schnürsenkel wieder selbst binden. Ich genieße mein neues Lebensgefühl. Für viele ist die Gesundheit ein Tabu-Thema. Sie sprechen offen darüber. Warum? Reiner Calmund: Ich war da immer offen. Ich hab mich nie gekränkt gefühlt, wenn’s ums Gewicht ging – ich hab mich ja selbst auf die Schippe genommen. Klar kann man alles unterm Deckel halten, aber das bin ich nicht. Wenn ich mit Leibchen im Krankenhaus liege, werden natürlich die Handys für Selfies gezückt. Auch privat haben Sie große Veränderungen nach Ihrer Zeit bei Bayer Leverkusen erlebt. Reiner Calmund: Ja, wir haben ein Kind aus Thailand adoptiert – unser Liebchen Nicha. Wir sind mit ihr ins Saarland gezogen, bewusst weg vom Trubel im Rheinland. Wir wollten erst mal ankommen, Nicha gute Eltern sein. Bodenhaftung zeigen, wie damals bei Bayer, wo ich auch zum Greenkeeper und Zeugwart ein gutes Verhältnis hatte. Trotzdem sind Sie immer noch ganz schön aktiv und im Rampenlicht. Reiner Calmund: Ich komm’ einfach nicht zur Ruhe. Das klappt nicht. Ich geh demnächst wieder auf Tour ... Fußballtalk, Action ohne Ende. Die „Welt“ schrieb mal: „Der Rentner mit den 13 Jobs“ – jetzt sind’s halt nur noch 12. 12 durch den Abschied bei „Grill den Henssler“? Der fiel bestimmt schwer nach der langen Zeit. Reiner Calmund: Und wie. 263 Sendungen à drei Stunden – ich bin Rekordhalter! 1600 Teller hab ich bewertet. Aber jetzt ist Schluss, die Abschiedsshow ist schon aufgezeichnet, sie wird im Spätsommer ausgestrahlt – das war sehr emotional. Aber mehr darf ich dazu nicht sagen, sonst gibt es bestimmt Ärger. Dann mal lieber schnell zum Fußball. In OWL läuft es da gerade ganz gut, oder? Das müssen Sie neidlos anerkennen. Reiner Calmund: Ich freu mich immer für Vereine wie Paderborn. Was der Kwasniok da auf die Beine gestellt hat, ist der Wahnsinn. Und dann das Spitzenspiel gegen Elversberg am 31. Spieltag. Da bin ich natürlich als Wahl-Saarländer befangen. Ich versuch’s trotzdem: Paderborn führt 1:0, trifft danach nur die Latte, kassiert dann aber in der 94. Minute den Ausgleich. Da sind wichtige Punkte für Platz 3 weg. Das ist der Fußball, den wir lieben. Und ein Wort zu Leverkusen: Den Spitznamen „Vizekusen“ hat der Verein erst nach Ihrem Abschied abgelegt. Reiner Calmund: Das stimmt, auch wenn es noch zwei Jahrzehnte gedauert hat. Aber ich bin da nicht traurig. Bayer und ich, wir hatten eine gute Zeit. Und eine emotionale. Die Meisterschaft 2000. Da liegen wir drei Punkte vor den Bayern, gewinnen in Bremen, gegen Hamburg, sogar Angstgegner Frankfurt – und verlieren dann durch ein Eigentor von Michael Ballack am letzten Spieltag. Mehr als 20 Jahre später war ich mit meinem Enkel im Stadion, als Leverkusen Meister wurde. Haben wir beide geheult. Emotionale Szenen waren das im Stadion. Reiner Calmund: Es war südamerikanisch. Eigentlich hatte ich ein paar Interviews zugesagt, das ging in dem Trubel nicht mehr. Wir mussten in die Katakomben ausweichen. Da hatte mein Enkel die Spieler im Arm. So was ist Fußball. Emotional. Heute gibt es auch andere wichtige Dinge in Ihrem Leben ... Reiner Calmund: Ja, ich habe sechs Kinder, eines adoptiert und viele Enkel. Wenn alle zusammenkommen, im Rheinland oder im Urlaub, gibt einem das so viel. Vieles davon kam früher zu kurz, das hat sich geändert. Warum dann die Strapazen einer Reise nach Lippe? Reiner Calmund: Na ja, so schlimm ist es auch wieder nicht. Ich bin am Tag vorher noch bei RTL in Köln und ich werde ja auch gefahren. Und dann lege ich wert auf ein Hotel mit bequemen Betten und leckerem Essen. Ich freu mich also auf den Abend in Bad Meinberg ... mit Lachen, Nachdenken und viel Emotionen. Apropos schmackhaftes Essen: Demnächst geht’s für Sie und Ihre Frau auf Kreuzfahrt – allerdings auch zum Arbeiten. Reiner Calmund: Ich bin halt keiner fürs Rosenzüchten. Nach meinen Büchern hat TUI gefragt, ob ich aufs Schiff gehe – für Lesungen, für Talks. Das mache ich seit 2009. Eigentlich ist es deswegen auch ein bisschen knapp mit meinem Auftritt vorher in Bad Meinberg. Mit 76 brauche ich schon meine Pausen. Aber andererseits passt es mir ganz gut, da kann ich mich bei euch schon mal warm quatschen. Da ist der Louis ein perfekter Sparringspartner. Reiner Calmund: ... und so ein junger Kerl Der kam mir ehrgeizig, kompetent, aber auch positiv bekloppt vor. Und ich mag positiv Bekloppte, weil ich selber einer bin. Damit kannst du auch was bewegen. Ist doch sympathisch, wenn man den Jauch und den Plasberg einlädt und nebenbei noch andere Dinge gewuppt kriegt. Das musste ich einfach unterstützen. Kartenvorverkauf plus 30 Freikarten für Ehrenamtler „Ein Abend mit Reiner Calmund – im Gespräch mit Louis Pawellek“ heißt es kommende Woche am Samstag, 5. Juli, ab 19.30 Uhr im Kurtheater Bad Meinberg, Kurgastzentrum, Parkstraße 10. Einlass ist bereits ab 18.30 Uhr. Karten mit festem Sitzplatz gibt es noch in allen Preisklassen zwischen 24,90 bis 29,90 Euro. Der Vorverkauf läuft über die Lippische Landes-Zeitung, Tickethotline, Tel. (05231) 911-113, kartenservice@lz.de. Eine weitere Verkaufsstelle ist die Tourist-Info in Bad Meinberg, Parkstraße 10, Tel. (05234) 20597-0. Begrüßt hat Louis Pawellek, der den Lippern vor allem durch sein Engagement in der Schlagerbranche bekannt sein dürfte, in seiner Veranstaltungsreihe bereits TV-Größe Günther Jauch. Die Veranstaltung, ebenfalls im Kurtheater in Bad Meinberg, war mit ihren 700 Plätzen ratzfatz ausverkauft. Weitermachen will Pawellek nach dem Abend mit Reiner Calmund mit Ex-Fernmoderator und TV-Journalist Frank Plasberg („Hart aber fair“) sowie dessen Frau Anne Gesthuysen. Ehrenamtler jetzt bewerben! Für den Abend kommende Woche haben sich Gast Reiner Calmund und Gastgeber Louis Pawellek (Foto) eine Besonderheit ausgedacht: 30 Menschen aus Lippe, die das Ehrenamt hochhalten, sollen Freikarten erhalten. Denn auch Calmund ist nach eigenen Angaben seit vielen Jahren sozial engagiert, unter anderem für die Stiftung „Tapfere Kinder“ und den „Verein Mutige Kinder“. Lipper, die sich angesprochen fühlen, schreiben eine E-Mail an redaktion@lz.de – unter Angabe von Name, Adresse und ehrenamtlichem Engagement. Nennen Sie uns außerdem in einem Satz, warum Sie sich auf den Abend mit Reiner Calmund freuen. Die Gewinner werden benachrichtigt und eine Karte an der Kasse hinterlegt. Eine Auswahl der besten Einsendungen wird in der LZ veröffentlicht.