Detmold. Schon von weitem ist er gut zu erkennen. Mit einer Höhe von 298 Metern ragt er zwischen den Wäldern heraus und lässt den Hermann nebenan schon fast winzig erscheinen. Mit großen Augen stehe ich vor dem WDR-Sendemast Bielstein, mitten im Teutoburger Wald. Der Nebel nimmt von unten die Sicht auf die Spitze. Es ist frisch an diesem Morgen, und der Wald untermalt mit seiner Mystik noch mal mein ohnehin schon flaues Gefühl im Magen. Der Grund dafür? Heute geht es für mich hoch hinaus. Einen Tag vorher hatte mich unsere stellvertretende Chefredakteurin Silke Buhrmester bei Seite genommen und gefragt, ob ich Höhenangst habe. Es gäbe nämlich die Gelegenheit, den Sender raufzuklettern, mit einem Bauingenieur vom WDR, der zwecks Überprüfung den Mast besteigt. Die Gelegenheit, die Landschaft einmal vom Sender aus zu sehen, kann ich mir nicht entgehen lassen. Also sage ich zu, zugegebenermaßen mit ein wenig Respekt vor der Aktion. Der Bielstein ist seit 1951 Standort des Rundfunksenders. Die Sendeanlage steht auf dem 393 Meter hohen Bielstein südwestlich von Detmold und ist so etwas wie das technische Wahrzeichen der Region Ostwestfalen-Lippe. Mit seinen 298 Metern Höhe sichert der markante Sendemast eine enorme Reichweite. Der Sender versorgt ein weitläufiges Gebiet mit Radio- und Fernsehprogrammen des WDR und spielt eine zentrale Rolle in der regionalen Medienversorgung. Der Bauingenieur und mein Kletterguide für die Aktion ist Martin Altevogt, vor Kurzem 60 Jahre alt geworden. Drahtig und schlank - das wäre wohl eine passende Beschreibung für seine Figur. Er reicht mir einen Helm und ein Klettergeschirr, mit vielen Schlaufen und Metallringen daran. Sicherheitsschuhe hatte ich noch selber. Zuerst die Beine in die Schlaufen des Geschirrs fädeln und dann das Geschirr wie einen Rucksack aufziehen und vorne an der Schnalle verschließen. „Die Schlaufen an den Oberschenkeln dürfen nicht zu eng sitzen“, erklärt Martin Altevogt. Im Falle eines Absturzes, bei dem man dann im Geschirr hängt und sich nicht selber helfen kann, wird auf Dauer die Oberschenkelarterie abgedrückt. Das sorgt dafür, dass die Durchblutung des Beins stark eingeschränkt oder sogar vollständig unterbrochen werde, so beschreibt er es. Der Aufstieg beginnt Wir stehen vor der Leiter, mit der es nach oben geht. Damit der Weg nach oben gesichert abläuft, gibt es einen Steigschutzläufer mit Fangschutz, der an meinem Geschirr befestigt wird. Bei einem plötzlichen Ruck oder Sturz, etwa wenn der Kletterer abrutscht, reagiert der Steigschutzläufer sofort: „Ein integrierter Mechanismus erkennt die schnelle Bewegung - zum Beispiel über Fliehkraft oder eine Klinke - und löst die Blockierung aus“, erklärt Martin Altevogt. Der sogenannte „Läufer“ wird an einer Schiene befestigt, der mittig der Leiter nach oben verläuft. Genau diese Leiter geht es jetzt hinauf. Martin Altevogt klettert vorweg und ist schnell wie ein Windhund. Drahtig eben. Ich folge ihm und muss mir erst mal ein bisschen Mut zureden, während ich Sprosse für Sprosse hinter ihm her klettere, und der Teutoburger Wald unter mir immer kleiner wird. Zurzeit werden am Mast Arbeiten an der Beschichtung vorgenommen. Grundlos gibt es den neuen Anstrich nicht: Durch die Nähe zum Wald kommt es zu Korrosion, einem chemischen Prozess, bei dem Metalle durch den Kontakt mit Wasser, Luft oder anderen Stoffen angegriffen und zersetzt werden – zum Beispiel wenn Eisen rostet, erklärt Martin Altevogt. Dabei verliert das Material nach und nach an Stabilität. Alle paar Jahre muss dagegen etwas getan werden. Um die dortigen Arbeiten zu überprüfen und zu dokumentieren, klettert Altevogt den Mast hinauf. Angekommen auf der Plattform Die Plattform, auf der wir haltmachen, ist 100 Meter hoch und würde wohl einen spektakulären Blick über Detmold bieten, wenn sie nicht extra wegen der Lackierungsarbeiten von einer Plane umhüllt wäre. Der starke Wind rüttelt sie umher. „Ein bisschen wie auf einem Segelboot“, sagt Martin Altgevogt scherzhaft, während sich die Plane windet. Die Mitarbeiter der beauftragten Firma zur Bearbeitung des Senders pinseln und streichen währenddessen die Balken des Mastes. Gesichert durch Gurte, klettern sie dafür an den Stäben an der Außenseite hoch. Und dass mit einer Seelenruhe, als würden sie gerade ein Garagentor in der Einfahrt streichen und nicht in hundert Metern in der Höhe schweben. Auch mit Wasserhochdruckreinigern, um den alten Anstrich zu entfernen, sei gearbeitet worden, erklärt Altevogt. Gar nicht so einfach sei es gewesen, auf diese Höhe durch Schläuche einen Wasserdruck zu bekommen, der stark genug ist, um seinen Zweck zu erfüllen. „Alle sechs Jahre sollte so ein Mast eine neue Beschichtung bekommen“. Jedes Jahr macht sich Altevogt selbst ein Bild vom Mast und klettert hinauf. So kann er den Zustand besser einschätzen. Mehr als 30 solcher Sender besitzt der WDR in Deutschland, berichtet der Bauingenieur. Nach zweijähriger Bauzeit des Bielsteins wurde 1970 ein 298 Meter hoher Stahlrohrmast in Betrieb genommen, um noch bestehende Versorgungslücken zu schließen. Am 15. Januar 1985 um 6.26 Uhr riss durch eisiges Wetter und Sturmböen ein Abspannseil des Mastes, der daraufhin umfiel. Auch die LZ berichtete damals. Das Unglück sei so lautlos geschehen, dass selbst die damals am Sender wohnenden Familien eines Technikers und des Hausmeisters nichts gehört hätten, heißt es in einer WDR-Dokumentation. Schon am nächsten Tag waren der Radio- und Fernsehempfang wieder da, provisorisch ausgestrahlt vom Sendeturm der Post bei Bielefeld. 14 Tage später stand ein „Hilfsantennenträger“ auf dem Bielstein, und schon im September 1986 wird vom Mast wieder gesendet. Doch im Gegensatz zu seinem Vorgänger besteht der neue Mast aus einem Gittersystem und ist weniger anfällig für Wind und Wetter. Er hält Windlasten bis zu 165 Kilometer pro Stunde aus und sendet seitdem ohne Störung. Wir klettern weiter zur nächsten Plattform in 220 Metern Höhe. So langsam findet man den Rhythmus, die anfängliche Anspannung ist verflogen. Dort oben ist der Ausblick phänomenal. Dieser Teil des Mastes ist schon fertig saniert und der Anstrich erstrahlt im neuen Glanz. Mit uns steht auch der Chef der Sanierungsfirma auf der Ebene. Ich stelle mir die Frage, was die Arbeiter unter uns machen, falls sie mal auf die Toilette müssen? Schließlich verbringen sie einen ganzen Arbeitstag auf der Plattform und von oben nach unten dauert es gerne mal länger als 30 Minuten. Und danach muss man ja auch wieder hoch... Er lacht, tatsächlich werde ihm diese Frage öfter gestellt. „Der Körper gewöhnt sich daran“, erklärt er. Wildpinkeln in luftiger Höhe sei selbstverständlich verboten, „allein schon wegen der beachtlichen Zoom-Funktionen neuer Smartphones“, scherzt er. Also bleibt dann nur der Weg nach unten für die Notdurft. Der Abstieg und ein Lob Während ich die Aussicht genieße, begutachtet Martin Altevogt den Mast. Knapp 200 solcher Maste klettert er im Jahr hinauf, für ihn ist das Abenteuer Routine. Angst habe er dementsprechend keine mehr, aber ein gesundes Maß an Respekt. Bisher sei noch nie etwas Schlimmes passiert, auch wenn er Leute mit hochnehme. Jedoch soll ein jüngerer Bauingenieur beim Blick nach unten auf einer Plattform mal die Angst gepackt haben. Der Berufsanfänger sei daraufhin in einer Art Schockstarre gefallen und habe sich an den Balken festgeklammert. „Durch viel gutes Zureden konnte es dann aber weitergehen“, erinnert sich der Profi. So wie wir hochgeklettert sind, so müssen wir logischerweise auch wieder nach unten. Also wieder fest machen, überprüfen und los. Der Abstieg ist tatsächlich irgendwie anstrengender als der Aufstieg. Die Beine werden schwer. Nach ungefähr 50 Minuten ist es geschafft. Fühlt sich gut an, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Zurück auf der Erde heißt es: kurz durchatmen. „Du hast das richtig klasse gemacht“, sagt Martin Altevogt. Mein Ego erreicht durch das Lob luftige Höhen. Beinahe so hoch wie der Bielstein-Sender selbst. Eins ist klar: Das Abenteuer hallt nach. Beim Blick aus der Ferne sehe ich den Mast jetzt mit ganz anderen Augen. Lesen Sie auch: Kletterstunde in dünner Luft: Im Innern des Bielstein gehts steil nach oben Vor 30 Jahren stürzte der WDR-Sendemast Bielstein ein