Kreis Lippe. Erinnerungen an „Kinderlandverschickungen“ können für manche der heute längst Erwachsenen ungut sein, vielleicht schmerzhaft, vielleicht sogar traumatisch - so schrieb die LZ im März über eine Initiative des Kreises Lippe. Er will Kindern, die etwa im Haus des damaligen Ferienwerks Detmold schlimme Erfahrungen gemacht haben, eine Stimme geben. Die Historiker Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl und Dr. Sascha Topp haben deswegen im Auftrag des Kreises in den Akten recherchiert und Interviews geführt. Nun liegt ihr Bericht vor und kommt zu einem klaren Ergebnis: „Aus heutiger Sicht stellen sich die geschilderten Praktiken als mehr oder weniger subtile Formen von Gewalt dar. Aus den Interviews geht klar hervor, dass manche Betroffene bis heute unter der traumatischen Erfahrung leiden.“ 19 ehemalige Verschickungskinder haben sich gemeldet 19 der vielen Tausend ehemaligen Verschickungskinder haben sich gemeldet. Sie schilderten ein „strenges Regiment“, einen unpersönlichen, fast militärischen Umgangston, Postzensur, körperliche Züchtigungen wie Schläge mit der Hand oder am Ohr ziehen, Strafen (Einsperren in einer dunklen Kammer, Kollektivstrafen), Bloßstellung etwa wegen „Bettnässens“, Essenszwang (auch Erbrochenes musste aufgegessen werden), unzureichende Betreuung im Fall von Krankheiten oder Verletzungen und mehr, fassen die Gutachter zusammen. Keine Einzelfälle: „Die geschilderten Praktiken sind aus anderen Kinderkurheimen bekannt und liegen innerhalb des Spektrums der damals in Heimkontexten üblichen Praktiken“, analysieren die Gutachter. „Aus dem Rahmen fällt die Erinnerung einer Zeitzeugin an körperliche Übergriffe während der ärztlichen Untersuchungen – danach ritzte der Kurarzt den Kindern mit dem Fingernagel Zeichen auf die Haut.“ Dies könnte als Akt sexualisierter Gewalt aufgefasst werden. Kinder müssen Erbrochenes essen Manches – etwa, wenn Kinder gezwungen worden seien, ihr Erbrochenes zu essen – „wäre angesichts der Gesetzeslage und Rechtsprechung in den 1960er/1970er Jahren möglicherweise schon damals strafrechtlich relevant gewesen“, stellen Schmuhl und Topp fest. „Die meisten Praktiken jedoch hätten nach den Maßstäben der Zeit als zulässig gegolten und wären durch das elterliche Züchtigungsrecht, das auf Lehrkräfte und Erziehungspersonal übertragen wurde, gedeckt gewesen.“ In den Schriftquellen seien auch Faktoren deutlich geworden, die die Entstehung einer „Subkultur des Zwangs und der Gewalt“ begünstigt haben könnten: unzureichende räumliche Verhältnisse, eine abgenutzte Einrichtung, fehlende Aufenthaltsräume und Spielzimmer, dazu eine katastrophale Personalsituation und unzureichende Qualifikation mancher Betreuerinnen. „Das Jugendwerk Detmold war geprägt von Defiziten in allen Bereichen“, fasst Karen Zereike, Leiterin des Eigenbetriebs Schulen, zusammen. Die Zeitzeugeninterviews seien oft sehr bedrückend, denn die damals teilweise noch sehr kleinen Kinder (oft erst an der Schwelle zum Grundschulalter) seien meist für sechs Wochen von ihren Familien getrennt worden. „Der Aufenthalt war geprägt von rudimentärer Unterbringung und Ausstattung, schlechtem/nicht kindgerechtem Essen sowie Bädern in der kalten Nordsee oder Abreibungen mit Sand (auch bei Hautkrankheiten wie Neurodermitis). Insbesondere berichten die Betroffenen aber von strenger Disziplin bis hin zu Strafaktionen.“ Kreis plant Ausstellung Der Kreis will die Ergebnisse des Forschungsprojektes mit Fragestellungen des Kinder- undJugendschutzes verbinden, um so das Leid sichtbar zu machen und Informations- und Aufklärungsangebote zu entwickeln, „die den Bereich Prävention im Kinderschutz nachhaltig stärken“. In diesem Sinn habe der Kreis Lippe intern eine fachübergreifende Arbeitsgruppe eingerichtet, berichtete Zereike im Kreis-Bildungsausschuss. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit würden bald veröffentlicht, eine pädagogisch kuratierte Ausstellung sei denkbar und die Betroffenen sollen, soweit sie dies wünschten, aktiv in die Planungen eingebunden werden. Verein erwartet „angemessene Anerkennung“ Der bundesweit aktive Verein „Initiative Verschickungskinder“ lobt, dass der Kreis dieses Forschungsprojekt in Auftrag gegeben habe. „Wir wünschen uns, dass andere Träger folgen, möchten jedoch auch erwähnen, dass viele Betroffene mittlerweile sehr unzufrieden und enttäuscht sind“, schreibt Kirsten Petri namens der „Heimortgruppe Norderney“ des Vereins. Die fehlende Anerkennung werde von vielen als re-traumatisierend empfunden: „Sie haben selbst intensiv an der Aufarbeitung mitgearbeitet oder geduldig und lange die Ergebnisse abgewartet.“ Sie rechneten damit, dass eine angemessene Anerkennung seitens der Gesellschaft und der Träger folgen würde. „Wir Betroffene hoffen, dass sich der Kreis Lippe der Frage der ,angemessenen Anerkennung’ aktiv stellt.“