Detmold/ Lemgo. Er sitzt selbstbewusst auf der Anklagebank, wirkt dabei freundlich und zugewandt. Als könne dem 48 Jahre alten Mann aus Lemgo niemand etwas anhaben. Die Vorwürfe, denen sich der Angeklagte seit Beginn dieser Woche stellen muss, wiegen allerdings schwer. Der Lemgoer soll die damals zehnjährige Schwester seines Patenkindes im September 2020 sexuell missbraucht haben. Das wirft ihm die Staatsanwaltschaft Detmold vor. Bei der Hauptverhandlung vor der Großen Jugendkammer lässt der groß gewachsene Mann alle Anklagepunkte über seine Verteidigerin abstreiten. „Er stellt die Vorwürfe in Abrede“, sagt Rechtsanwältin Silke Streit aus Lemgo. „Es ist richtig, dass er auf die Kinder am besagten Tag aufgepasst hat. Es hat aber keine besonderen Vorkommnisse gegeben.“ Es stimme nicht, dass das Mädchen von ihrem Mandanten „sexuell bedrängt“ wurde, sagt die Anwältin. Der Kontakt zur Familie des Kindes soll danach ganz natürlich weniger geworden sein. Schon gesundheitlich sei der Angeklagte nicht für einen vermeintlichen Übergriff in der Lage gewesen, heißt es von seiner Verteidigerin. Etwa zwei Wochen später hätte er sich einer Operation unterzogen, bei der ihm die Blase entfernt worden sei. „Er hat zwar auf die Kinder aufgepasst, hatte dabei aber erhebliche Schmerzen.“ Der Angeklagte gibt außerdem an, zu 60 Prozent körperlich und geistig behindert zu sein. Alkohol sei seit 2019 kein Problem mehr, seitdem sei er trocken. Allerdings laste auf ihm ein enormer Schuldenberg. Schwerer sexueller Missbrauch durch Freund der Familie? Aber darum geht es nicht. Laut Anklage soll der Lemgoer am 15. Juni 2020 als Patenonkel des Bruders auf die beiden Geschwister aufgepasst haben, weil die Eltern gerade zur Geburt eines weiteren Kindes im Krankenhaus waren. Die Abwesenheit der Eltern soll der Angeklagte ausgenutzt haben, um sich dem im Bett liegenden Kind zu nähern und sexuell übergriffig zu werden. Angeklagt ist der Vorwurf des schweren sexuellen Missbrauchs, der mit einem Eindringen in den Körper verbunden ist. Lesen Sie auch: Mutter aus Lippe soll eigenes Kind zum sexuellen Missbrauch angeboten haben Das Mädchen selbst, inzwischen 15 Jahre alt, sagt an diesem Montag auf Antrag der Nebenklage unter Ausschluss der Öffentlichkeit sowie des Angeklagten aus. Letzteres ist möglich, weil ein Arzt in einem Kurzgutachten begründet, der Kontakt zum vermeintlichen Täter müsse unterbunden werden, da das Kind depressive Symptome durchlebe, Vermeidungstaktiken zeige und sich verschließe. Die Gesundheit des Kindes steht hier über dem Verteidigungsinteresse des Angeklagten, deshalb gibt die Große Jugendkammer unter der Vorsitzenden Richterin Anke Grudda dem Antrag statt, auch wenn dem Staatsanwalt die kurze Begründung nicht ausreicht. Weitere Zeugen gebraucht Obwohl die Kammer die Aussage des Kindes im nicht-öffentlichen Teil als „grundsätzlich brauchbar bewertet“, so fasst es Landgerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth im Anschluss zusammen, kann zum Prozessauftakt kein Urteil fallen. Innerhalb der Aussage des Mädchens und auch schon vorher soll es Hinweise darauf gegeben haben, das Mädchen könne seit seinem siebten Lebensjahr in einer Art Behandlung sein. Um ihre Aussage richtig einzuordnen, ist das für das Gericht nicht unerheblich. „Was das genau bedeutet und ob möglicherweise andere Missbrauchserlebnisse dahinterstecken, muss die Kammer noch herausarbeiten“, erklärt Wormuth. Selbst die Eltern des Kindes hätten nicht aufklären können, weshalb und von wem das Mädchen möglicherweise psychologisch begleitet werde. Das Verfahren soll durch eine Anzeige des Vaters im Sommer 2025 ins Rollen gekommen sein. Die Kammer hat daher für den 9. Februar einen weiteren Prozesstag angesetzt.