Ein virtuoses Spiel mit dem Raum

Charlotte Perrin präsentiert im Eichenmüllerhaus Ergebnisse ihres „Junge-Kunst“-Stipendiums

Barbara Luetgebrune

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Von wegen uniform: Charlotte Perrin arbeitet gern mit MDF-Platten, die ihrer industriellen Fertigung zum Trotz keineswegs einheitlich ausfallen. Solche Kontraste interessieren die Künstlerin - © Barbara Luetgebrune
Von wegen uniform: Charlotte Perrin arbeitet gern mit MDF-Platten, die ihrer industriellen Fertigung zum Trotz keineswegs einheitlich ausfallen. Solche Kontraste interessieren die Künstlerin (© Barbara Luetgebrune)

Lemgo-Brake. Sie ist die erste „Junge-Kunst“-Stipendiatin, die mit ihrer Abschlussausstellung, die am Sonntag eröffnet wird, das komplette Eichenmüllerhaus inklusive der oberen Etage bespielt, und das macht sie gekonnt: Charlotte Perrin. Sie spielt mit dem Haus, inszeniert es – mittels sparsam gesetzter Markierungen, die Bezug aufeinander nehmen, die miteinander und mit dem Haus in Dialog treten.

Eine solche Herausforderung liegt Charlotte Perrin per se, weil sie schon in ihren Arbeiten – häufig sind es Installationen – das Verhältnis von Raum und Fläche auslotet, die Grenzen zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Bild und Skulptur in Frage stellt und auflöst. Ein weiteres zentrales Interesse der Künstlerin gilt bestimmten Werkstoffen: „Ich mag Materialien, die an sich keinen großen Wert haben, die nicht ,schön‘, oft gar nicht sichtbar sind“, sagt Charlotte Perrin. Ein Beispiel: MDF-Platten. Diese tauchen in ihrer Abschlussausstellung, die sie mit dem Titel „Die Lage der Dinge“ überschrieben hat, an unterschiedlichen Stellen auf.

Augenfällig ist eine Installation aus langen, an die Wand gelehnten Platten in unterschiedlichen Nuancen. „Bei MDF-Platten erwischt man niemals die gleiche Farbe. Man denkt, diese industriell gefertigten Platten seien uniform, das stimmt aber gar nicht“, sagt die Stipendiatin. „In diesem Fall habe ich die unterschiedlichen Farbtöne noch betont, in dem ich sie in der jeweiligen Farbe gestrichen habe.“

Bezug auf diese Installation nehmen Fotoarbeiten, die in aus MDF-Platten gefertigten Bodenkisten platziert sind. Fotografiert hat Charlotte Perrin ein anderes Material ohne Wert: Packpapier, das nur scheinbar wild zusammengeknüllt ist. In Wahrheit hat sie die Ausschnitte höchst gezielt gewählt, sind die Fotos durchaus komponiert. In ihren Knitterstrukturen, ihren Farben, in Faltenwurf und Schattenspiel entwickeln diese Arbeiten eine hohe ästhetische Qualität, die wiederum als Kontrast zum „armen“ Werkstoff Papier funktioniert. Und die beiden Fotokästen, die im Raum mit der großen Platten-Installation platziert sind, nehmen via direkter Sichtachse den Kontakt zu ihren zahlreichen Pendants auf, die den Raum am anderen Ende der Städtischen Galerie füllen. Charlotte Perrin hat eben eine Ausstellung für das ganze Haus gestaltet, führt die Besucher an fein gesetzten Markierungspunkten durch die Räume.

Die Glasplatten, auf die per Hand schwarze Acrylfarbe aufgetragen ist, aus der die Künstlerin dann wiederum akribisch Linien in geometrischer Anordnung frei gekratzt hat tauchen einen Raum in beinahe meditative Schwarz-Weiß-Ästhetik. Die gleiche Technik, die gleiche Stilistik findet sich in einer großen Arbeit im Obergeschoss: ein Anknüpfungspunkt mit Wiedererkennungswert.

Im Obergeschoss geht Charlotte Perrin in ihrem Interesse am Phänomen Raum noch einen Schritt weiter: Sie setzt hier eine Säule mitten in den Raum, zieht eine zusätzliche Wand ein, stapelt einen Zaun aus Holzlatten auf – und greift so konstruktiv, punktuell und die Perspektive verändernd in die (Innen-)Architektur des Hauses ein.

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