Lage. Heute ist das Technikum in Lage für Musik und Kultur ebenso bekannt wie angesehen. Doch vor über 100 Jahren galt es als Hotspot für Nationalsozialisten. 1924 bestand die NSDAP-Ortsgruppe Lage zu 85 Prozent aus Studenten des Technikums. Einer von vielen Gründen, warum der örtliche Heimatbund die Geschichte derzeit aufarbeiten lässt. „Lage im Nationalsozialismus. Mitmachen, Wegschauen, Verweigern“, so lautet der Titel der Doktorarbeit von Jannik Gorewoda. Die Ortsgruppe Lage im Lippischen Heimatbund unterstützt den 28-jährigen Historiker aus Heidenoldendorf dabei finanziell. „Es handelt sich dabei nicht um eine klassische NS-Geschichte, sondern es geht explizit um die Gesellschaft in Lage, um persönliche Erlebnisse vom Hitlerjungen bis zum Bürgermeister“, erklärt Margarete Wißmann. Die Vorsitzende des Lagenser Heimatbundes spricht von einem Wagnis, welches sie zusammen mit dem Vorstandsteam eingegangen ist, als man entschied, einem jungen Doktoranden das Vertrauen auszusprechen. Separates Werk geplant Doch Jannik Gorewoda ist seit März 2024 derart tief in die Materie eingetaucht, dass die Dissertation umfangreicher wird als erwartet. Es ist daher geplant, im Anschluss an die Fertigstellung einen Großteil der Informationen als Essenz in einem separaten Werk zusammenzufassen und einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. „Es wird die erste Gesamtdarstellung der Lagenser Stadtgeschichte im Dritten Reich“, erzählt Jannik Gorewoda. Einen Teil seiner spannenden Erkenntnisse hat er jüngst im Repair-Café der Öffentlichkeit vorgestellt. „Der Vortrag war beeindruckend“, lobt Margarete Wißmann. Gorewoda habe die Parallelen zur Gegenwart aufgegriffen und nicht nur die Vergangenheit beleuchtet. Zuckerstadt war Vorreiter Immer wieder spricht der Historiker mit Blick auf Lage dabei von einem Hot Spot. Auf die Frage, warum das so war, verweist Jannik Gorewoda sowohl auf die jungen Studenten im Technikum, die Gefallen am militärischen Auftreten der Soldaten fanden, sondern auch auf die Bedeutung des Bahnhofes. Hier strandeten junge Männer aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland, die Kontakte zu radikalen nationalsozialistischen Gruppen pflegten. „Die Zuckerstadt war in vielen Dingen Vorreiter“, nennt der Historiker Beispiele wie die Gründung der ersten NS-Zeitung, der ersten Hitler-Jugend sowie der ersten NSDAP-Gruppe in Lippe. Gorewoda erinnert dabei an die Tatsache, dass zu diesen Zeiten die Arbeitslosigkeit in der Industrie- und Zieglerstadt hoch war. „Es gab in Lage prozentual doppelt so viele Menschen, die auf staatliche Hilfe angewiesen waren wie in Detmold.“ Das Bürgertum habe Angst vor dem Pöbel auf den Straßen gehabt und in der NSDAP dazu eine vermeintliche Gegenkraft gesehen. Nicht nur der Heimatbund ist gespannt darauf, zu welchen Ergebnissen Jannik Gorewoda im Laufe seiner Recherchen noch kommen wird. „Wir werden die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen und planen weitere Vorträge“, verspricht Margaret Wißmann. Um die Finanzierung zu sichern, würde sich der Ortsverein auf Unterstützung in Form von Spenden freuen. Für die Forschungen werden zudem weiterhin Tagebücher und Dokumente aus der Zeit ab 1920 gesucht. Auch über Zeitzeugen-Berichte wäre Jannik Gorewoda dankbar. Sein Kontakt lautet: j.gorewoda@uni-bielefeld.de.