Lemgo-Brake. Wenn im Herbst die Äpfel auf der Streuobstwiese des BUND Lemgo am Lindenhaus geerntet werden, ist das ein Ereignis. Die „Vorarbeit“, damit die BUND-Mitglieder Äpfel ernten können und damit aus dem Rest Apfelsaft gemacht werden kann, wird jetzt von tierischen Helfern geleistet: Allerhand Insekten sind aktiv und bestäuben die Blüten der 250 vielfach blühenden Apfelbäume auf der Wiese nahe dem Feuerwehr-Ausbildungszentrum. Neben den Bienenvölkern sind auch Wildbienen und Hummeln auf dem Gelände unterwegs. Wer ihnen helfen will, kann wie der BUND ein Insektenhotel bauen (siehe Kasten). Wie ein Insektenhotel aussehen sollte, ist am Rand der Streuobstwiese zu sehen, um die sich der BUND seit 1989 kümmert. Dass es funktioniert, zeigen zahlreiche verschlossene, also „belegte“ Löcher. Außerdem lässt sich beobachten, dass allerhand Betrieb ist – mehrere Insekten sind unterwegs. Die Wildbienen legen hintereinander fünf bis acht Eier in die Löcher. Kirschlorbeer ist wenig hilfreich Ebenfalls wichtig: „Es sollte drumherum blühen, und zwar möglichst den ganzen Sommer über“, sagt Eckhard Buschmeier, Vorsitzender des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in Lemgo. Blühen – wie auf der Streuobstwiese. Wer einen Garten hat, kann den Insekten mit blühenden Stauden helfen, wissen Buschmeier und sein Stellvertreter Jürgen Georgi. Wenig hilfreich sei dagegen der in vielen Gärten zu findende Kirschlorbeer. Auf der Streuobstwiese finden sich Scharbockskraut, Lerchensporn und Wiesenschaumkraut. „Wildbienen haben eine innere Uhr und schlüpfen dann, wenn die Pflanze blüht, auf die sie spezialisiert sind“, sagt Buschmeier, der das Insektenhotel 2013 mit dem inzwischen verstorbenen Erwin Reimann gebaut hat. Drumherum finden sich auf den zweieinhalb Hektar zu beiden Seiten des Weges viele Tier-, aber vor allem auch viele Apfelbaumarten. Dass von den Bäumen einige bereits verblüht sind, liegt nach Buschmeiers Worten am Klimawandel: „Sie blühen zwei Wochen früher als vorher.“ In den Höhenlagen Kalletals wiederum sei die Natur noch nicht ganz so weit wie im wärmeren Lemgo, sagt Georgi. Dort stünden manche Bäume zurzeit in voller Blüte. Stadtnähe ist ungewöhnlich Die Streuobstwiese am Lindenhaus gehört zum Naturschutzgebiet Begatal. Sie ist im Besitz des Kreises, der BUND kümmert sich darum – und zwar kontinuierlich seit Jahrzehnten, wie Buschmeier und Georgi betonen. Dabei haben nicht die Insekten allerhand Arbeit zu bewältigen, auch die Mitglieder des BUND haben viel zu tun – etwa beim Obstbaumschnitt. Aber dass das Biotop als wertvoller Lebensraum für seltene Tiere und Pflanzen erhalten geblieben ist, sei der Mühe wert. „Und solch eine Wiese so stadtnah – das ist schon etwas Besonderes“, sagt Georgi. Schafe weiden darauf. Normalerweise ist sie aber nicht zugänglich. Der BUND bietet auf Anfrage Führungen an. Für Spaziergänger und Ausflügler gibt es zahlreiche Infotafeln als Lehrpfad an der Straße Am Lindenhaus, zu deren beiden Seiten sich die Wiese erstreckt. Es gibt Erklärungen zu zahlreichen Arten auf der Wiese. Alle Apfelbaumsorten sind nach Buschmeiers Worten mindestens 100 Jahre alt, manche weitaus älter. „Wir haben als BUND Lemgo inzwischen bundesweit einen Namen beim Thema Streuobstwiesen“, sagt der Vorsitzende. Auch das Allergieprojekt, das von Willi Hennebrüder betreut wird, hat dazu beigetragen. Die alten Sorten sind eine Spezialität, und sie tragen so klangvolle Namen wie Biesterfelder Renette, Dülmener Rosenapfel oder Tannenkrüger aus Leopoldshöhe. Der Name Streuobstwiese verweist darauf, dass die Obstbäume nicht in Plantagenform, sondern „verstreut“ darauf stehen. Es ist eine alte, vielfach verschwundene Form des Obstanbaus. Früher hatten viele Bauern Obstbäume und Streuobstwiesen. „Als in den 70er-Jahren auf Plantagenwirtschaft umgestellt wurde, sind 80 Prozent der Streuobstwiesen verloren gegangen“, weiß Georgi. Damals habe es Prämien gegeben, wenn alte Obstbäume gefällt wurden – heute gebe es Prämien, wenn alte Sorten wieder angepflanzt werden. Beim Apfelprobiertag des BUND im Herbst gehe es deshalb auch darum, dass Gartenbesitzer alte Sorten und ihren ökologischen Wert kennenlernen und vielleicht selbst so einen Baum pflanzen, sagt Georgi. Alte Stämme bleiben stehen Vielfältig ist auch die Vogelwelt auf der Streuobstwiese. Buschmeier nennt einige Arten: Grauschnepper, Mönchsgrasmücke, Grünspecht, Kleiber. Nur der Feldsperling sei weitgehend verschwunden, bedauert er. Spechte freuen sich darüber, dass der BUND abgestorbene Bäume auf der Wiese stehenlässt, bis sie von allein umfallen. Den neuen Baum hat der BUND einfach daneben gepflanzt. „Das Altholz fördert die Artenvielfalt bei Vögeln und Insekten“, sagt Buschmeier. Zurück zu Letzteren: Neben den Wildbienen im „Hotel“ haben auch Wespen und Hornissen auf der Streuobstwiese ihren Platz. Dementsprechend hängt ein Hornissenkasten auf der Wiese. Hornissen- und Wespenvölker können übrigens auch umgesiedelt werden, wenn sie zu sehr im Einzugsbereich des Menschen sind. Buschmeier und Georgi empfehlen, sich dann beim Grünen Telefon der Bezirksregierung unter Tel. (05231) 71-1090 zu melden. Dann kann ein Fachmann beauftragt werden, ein Volk umzusiedeln. Und vielleicht findet das Wespen- oder Hornissenvolk auf der Streuobstwiese am Lindenhaus ein neues Zuhause. Kontakt zum BUND: kontakt@bund-lemgo.de Tipps zum Bau eines Insektenhotels Ein paar Dinge sollten beim Bau eines Insektenhotels beachtet werden, sagen Eckhard Buschmeier, Vorsitzender des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) in Lemgo, und sein Stellvertreter Jürgen Georgi. „In vielen Insektenhotels ist leider nichts los, weil sie falsch gebaut sind“, erklärt Buschmeier. Dazu gehöre manches teure Insektenhotel aus dem Baumarkt. Wichtig sei, keine Nadelhölzer zu verwenden. „Die sind zu weich.“ Stattdessen sollten harte Hölzer verwendet werden, also Buchen-, Eichen-, Eschen- oder Ahornholz. Dann werden Löcher ins Holz gebohrt – am besten seitlich in den Stamm. Die Löcher sollten möglichst scharfe Kanten haben. „Das Loch darf nicht ausgefranst sein, sonst wird das Insektenhotel nicht angenommen“, weiß Georgi. An ausgefransten Kanten könnten sich Insekten die Flügel verletzen. „Es darf ein ganz neuer Satz Eisenbohrer bester Qualität sein“, schmunzelt Buschmeier. Die Löcher sollten dann einen Durchmesser zwischen zwei und zehn Millimeter haben – „bis in etwa zur Breite eines kleinen Fingers“, so Georgi. Ein richtig gebautes Insektenhotel könne dann eine gute Unterstützung für Wildbienen sein. Von ihnen gebe es 560 Arten, und sie weisen zahlreiche Besonderheiten auf. „Sie sind Solitärbienen, bilden also keine Völker“, erklärt Buschmeier. Eine große Zahl brüte in der Erde, aber auch viele in Löchern. Ein kleines Drahtgeflecht vor dem Insektenhotel schützt gegen den Specht – und eine Ausrichtung gen Südwesten ist sinnvoll, weil Wildbienen es gerne warm mögen. Weitere Informationen finden sich im Internet auf der Seite www.bund-lemgo.de/Wildbienen_schuetzen.html