Lemgo. Sieben Jahre hat Sven Müller nach einer Immobilie gesucht, Toni Werner brachte es gar auf elf Jahre. Nina Lühning ist seit vier Jahren dabei – und hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Im Gespräch mit der LZ berichten sie von ihren Erfahrungen auf dem Lemgoer Immobilienmarkt. Sie möchten anonym bleiben, deshalb haben wir ihre Namen geändert. Sven Müller ist 39 Jahre alt und Familienvater von zwei Kindern im Alter von zwei und sechs Jahren. Er ist selbstständig und, wie er sagt, ein Gutverdiener. Die Finanzierung einer Immobilie sollte ihm und seiner Familie eigentlich keine Probleme bereiten und doch, erzählt er im Gespräch, musste er schlucken, als es nach sieben Jahren endlich so weit war: Ein Haus war zwar gefunden, doch die Kosten lagen letztlich deutlich über der avisierten halben Million Euro. Sven Müller und sieben Jahre Suche Ursprünglich, erzählt der Lemgoer, wollte er ein Baugrundstück finden, musste aber bald die Erfahrung machen, dass das in Lemgo fast illusorisch sei. Baugebiete gebe es kaum, und die vorhandenen Grundstücke würden meist unter der Hand vergeben. Dabei hatte er schon 2018 das erste Mal vom Baugebiet am Pahnsiek/Lehnsland gehört. „Damals“, erinnert er sich, „dachte ich noch, das kann ja nicht so lange dauern.“ Dauerte es doch. Im kommenden Jahr will die Stadt in die Vermarktung des größten städtischen Baugebietes gehen – nach einer Planungszeit von mehr als sieben Jahren. Auch die Planungen am Pöstenweg hat er verfolgt. 14 Grundstücke hat die Stadt dort nach über fünf Jahren aktuell in der Vermarktung – zu spät für Sven Müller, der vor wenigen Monaten endlich seine Immobilie gefunden hatte. Nach sieben Jahren aufwendiger Suche mit viel Frustpotenzial – wenig zuverlässigen Maklern, unseriösen Angeboten, der permanenten Suche auf Online-Portalen und dem Gefühl, immer stärker unter Spannung zu stehen. Toni Werner und elf Jahre Suche Von einer schier unendlichen Suche kann auch Toni Werner berichten. Ganze elf Jahre haben der 43-Jährige und seine Ehefrau gesucht; mit den zwei Kindern, mittlerweile im Alter von elf und neun Jahren, wurde es in der Wohnung zum Schluss deutlich zu eng. Bis zu 400.000 Euro wollte er investieren für ein Haus, das möglichst zentral in Lemgo liegen sollte – und hat es vor kurzem gefunden. Wie unzählige Male zuvor meldete er sich auf ein Inserat, per Zufall stellte sich heraus, dass er den Verkäufer kannte, „wir waren uns sympathisch, und dann ging es eigentlich ganz schnell“. Dabei hatte er nach den Jahren der ermüdenden Suche schon fast aufgegeben und war frustriert von den vielen Zumutungen: Per Bieterverfahren etwa sollten die potenziellen Käufer den Preis hochtreiben, „da mache ich nicht mit“. Erbengemeinschaften wollten den letzten Cent aus dem Hausverkauf rausholen, Makler meldeten sich nicht zurück. „Da stand man schon enorm unter Strom“, erinnert er sich an die Zeiten, in denen es immer wieder auch darum ging, wie weit man den finanziellen Rahmen ausreizen durfte. Zwar verdient Toni Werner als Elektroingenieur gut, ebenso wie seine Ehefrau, doch die hohe Verschuldung löste immer wieder Sorgen aus. Der Frust war so groß, dass Werner mit dem befreundeten Müller die Ausschüsse der Stadt besuchte und einen Antrag einreichte, dass Familien bei der Immobiliensuche bevorzugt werden sollten. Politik und Verwaltung reagierten und setzten einen sozialen Kriterienkatalog auf, nach dem die städtischen Baugrundstücke am Pöstenweg und im Lehnsland verkauft werden sollen. Mit bescheidenem Erfolg: Die Erschließungskosten am Pöstenweg waren so hoch, dass die Baugrundstücke deutlich über dem Bodenrichtwert liegen und für mittlerweile je nach Grundstück von 340 bis 399 Euro pro Quadratmeter angeboten werden. Die Nachfrage ist verhalten. „Utopische Preise“, sagt dann auch Werner, der sich von seinem Antrag letztlich mehr für die Bauwilligen erhofft hatte. Immerhin würden Familien bevorzugt, denn viele Immobilien, so seine Erfahrung, würden auch von gut betuchten Rentnern gekauft. Nina Lühning und die Kosten Noch auf der Suche nach dem geeigneten Heim ist Nina Lühning. Die 35-Jährige ist Ingenieurin, ebenso wie ihr Mann; mit ihrem guten Einkommen liegen sie im Baugebiet am Pöstenweg damit bereits in der oberen Kategorie. Damit müssten sie mit Kosten für Grundstück und Haus von 500.000 Euro und mehr rechnen. Trotz ihrer zwei Ingenieursgehälter kommt die Familie damit durchaus ins Grübeln, zumal auch noch die Kosten für den Kindergarten mit rund 600 Euro zu Buche schlagen und die Familienplanung noch nicht abgeschlossen ist. „2000 Euro Tilgung pro Monat und das über 30 Jahre“, hat Nina Lühning eine grobe Kostenplanung erstellt. „Schließlich möchten wir als Rentner nicht noch unser Haus abbezahlen.“ Und dazu blieben Unsicherheiten: Wie sieht die Zinsentwicklung aus? Wie die weitere berufliche Entwicklung? Unwägbarkeiten, auf die sie zum Teil keinen Einfluss hätten. In Lemgo sucht die junge Familie bevorzugt nach einer Bestandsimmobilie, ein Haus möglichst zentral gelegen, mit mindestens fünf Zimmern und Garten, einem großen Wohn-Essbereich – eigentlich das Übliche und doch in Lemgo mehr als schwer zu finden. „Wollen nicht weg aus Lemgo“ Einige Immobilien hat sich das junge Paar angesehen, viele hatten noch so viel Modernisierungsbedarf, dass weit über 500.000 Euro an Kosten herausgekommen wären. Seit zehn Jahren leben sie in Lemgo und hoffen, hier bleiben zu können. „Wir haben hier studiert und mögen Lemgo so unglaublich gerne, dass wir eigentlich nicht wegziehen wollen“, erklärt Lena Lühning ihre Präferenz. Aktuell wohnen sie in der Altstadt in einem alten Fachwerkhaus in der zweiten Etage. Sie fühlen sich wohl, doch es wird zu eng. „Mit Kindern wird das in der zweiten Etage auf Dauer schwierig und ohne Parkplatz vor Tür“, erklärt sie ihre Bedürfnisse und ist doch vom Charme des alten Hauses begeistert. Und eben Charme, das Besondere, das sie anspricht, suchen sie auch bei ihrer Immobilie. „Schließlich ist es ja eine Entscheidung fürs Leben.“ Das wünschen sich die Suchenden Mit Maklern sei es schwierig und als Zugezogenen fehlen ihnen die familiären Kontakte vor Ort; manchmal überlegt sie, ob sie nicht bei älteren Menschen klingeln solle, um sie nach ihrer Immobilie zu fragen. „Aber ich habe Angst, dass das falsch aufgenommen werden könnte.“ Ebenso wie Müller und Werner, die überlegt haben, bei Todesanzeigen die Verwandten anzuschreiben. Hilfe erhofft sie sich von der Stadt, „vielleicht mit einer ersten Beratung, was beim Hausbau nötig ist“. Oder auch mit einer Art Wohnungstauschbörse, wie es sich Sven Müller vorstellen könnte, eine städtische Stelle, die ältere und jüngere Menschen, die sich wohnlich verändern möchten, zusammenbringt. Und während Sven Müller und Timo Werner ihren Wohntraum trotz aller Widrigkeiten verwirklichen konnten, ist Nina Lühning noch auf der Suche. Wer ihr und ihrer Familie ein Haus oder Grundstück anbieten möchte, kann sich gerne bei der Autorin dieses Textes melden.