Als die Lipper nach Bielefeld griffen

Horst Biere

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Das Gasthaus Deppe auf einer alten Ansichtskarte. Auf dem Höhenzug hinter dem Gasthaus bauten die Lipper im Jahre 1177 die Löwenburg. Repro: Horst Biere - © hb
Das Gasthaus Deppe auf einer alten Ansichtskarte. Auf dem Höhenzug hinter dem Gasthaus bauten die Lipper im Jahre 1177 die Löwenburg. Repro: Horst Biere (© hb)

Oerlinghausen. Oerlinghausen im Mittelalter? Ein praktisch nicht vorhandener Ort. Die stattlichen Güter wie Barkhausen, Menkhausen oder Wistinghausen bildeten die ersten größeren bäuerlichen Hofstätten. Nur eine kleine Ansiedlung am Pass durch den Teutoburger Wald, die zum Gut Barkhausen gehörte, trug den Namen Orlinchusen. Doch die Gegend rings um die spätere Bergstadt war schon im 12. Jahrhundert ein Grenzgebiet – ein begehrtes Stück Land, das immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Herrschern führte. Zwischen den Lippern und den Ravensbergern, die auf der heutigen Bielefelder Sparrenburg saßen.

Im Jahre 1177, als Kaiser Friedrich I. Barbarossa, in Mitteleuropa regierte, war es wieder soweit. Bernhard II., Edler zur Lippe, der als streitbarer Geselle galt, beschloss, den Ravensberger Graf Hermann kräftig herauszufordern, indem er seine Landesgrenze einfach vom Schopketal Richtung Bielefeld verschob – bis zu dem Tal, durch das heute die Autobahn verläuft.

Heinrich der Löwe – Namensgeber der Burg

Bernhard II., Edler zur Lippe, war nicht nur ein machtbewusster Herrscher sondern gründete auch die Städte Lemgo und Lippstadt sowie das Zisterzienserkloster Marienfeld. Seine Statue steht auf einer Säule in Lippstadt. - © hb
Bernhard II., Edler zur Lippe, war nicht nur ein machtbewusster Herrscher sondern gründete auch die Städte Lemgo und Lippstadt sowie das Zisterzienserkloster Marienfeld. Seine Statue steht auf einer Säule in Lippstadt. (© hb)

„Wenn man sich im Mittelalter ein Stück Land unter den Nagel reißen wollte", sagt der Archäologe Karl Banghard, „dann baute man auf fremdem Gebiet eine Burg". So dachte auch der lippische Graf Bernhard II. Und da er vom Ravensberger Grafen Hermann wohl keinen großen Widerstand erwartete, setzte er eine Befestigungsanlage auf den Gipfel des Berges oberhalb von Lämershagen. Löwenburg nannte er den Neubau an höchster Stelle – etwa 320 Meter hoch gelegen – dort wo man eine erstklassige Rundumsicht hatte und auch die Furt durch den heutigen Markengrund bestens kontrollieren konnte. Noch heute sind die Wallanlagen und der Grundriss der Burg in dem lichten Buchenwald auf dem Bergkamm zu erkennen.

Den Namen Löwenburg (oder Lewenburg) wählte der lippische Graf Bernhard wohl deshalb, weil er ein Anhänger des Sachsenherzogs Heinrich der Löwe war, der damals als Widersacher von Kaiser Barbarossa große Teile Norddeutschlands beherrschte. „Der Bau von Burgen hatte in jenen Jahren auch deshalb Konjunktur", meint Karl Banghard, der als Leiter des Archäologischen Freilichtmuseums die Geschichte sehr gut kennt, „weil man damit ein sichtbares Zeichen der Stärke setzen konnte." Und da Barbarossa und seine Soldaten weit entfernt waren, sah der lippische Graf eine günstige Gelegenheit, um ohne große Mühen ein schönes Stück näher an die Bielefelder Sparrenburg heranzurücken.

Die lippischen Bauleute gruben eine ovale Befestigungsanlage in den Berg, der heute „Hünensaut" oder „Ewerskopf" genannt wird. Sie legten zur Sicherung eine kleine Vorburg an, schlugen einen Keller in das Felsgestein und bauten zur Versorgung mit Trinkwasser eine Zisterne. Die Aufbauten, also die Palisadenwände und die kleinen Gebäude, errichtete man in jenen Jahren zumeist aus Eichenholz. In mühevoller Arbeit schleppten die Arbeiter mit einfachsten Transportwerkzeugen die Hölzer auf den steilen Berggrat. Einige Funde aus der damaligen Löwenburg deuten auf die intensiven Bauarbeiten hin: Streuscherben, ein Hufeisen, Eisennägel, Tür- oder Fensterscharniere und auch einige Armbrustbolzen. Doch nach nur etwa einem Jahr war Schluss mit den Bauarbeiten. „Noch in der Aufbauphase stellte man den Burgenbau ein", sagt Banghard. Die wertvollen Baumaterialien, also das behauene Eichenholz und die weiteren Befestigungen transportierte man wieder ab, um es anderweitig zu verwenden. Das war im Mittelalter offenbar so üblich.

Was letztlich dazu führte, dass Graf Bernhard die Löwenburg nicht weiterbauen ließ, liegt offenbar in einem Wechsel der Machtverhältnisse in der Region. Kaiser Barbarossa gelangen immer mehr siegreiche Feldzüge gegen seinen Kontrahenten Heinrich den Löwen – auch weil der mächtige Erzbischof von Köln auf der Seite Barbarossas stand. Und der lippische Graf Bernhard II. verlor immer mehr Rückhalt gegen Graf Hermann auf der Sparrenburg. Die Ravensberger setzten sich endgültig im Grenzgebiet zwischen Lippe und Bielefeld durch.

Bernhard II. zur Lippe – Gründer zweier Städte

Und schließlich verlor Bernhard auch wohl deshalb das Interesse, weil er mittlerweile so viele andere Feldzüge, Bauprojekte und Gründungen betrieb, dass die Löwenburg nicht mehr so wichtig für ihn war. Denn Bernhard Graf zur Lippe gilt als der Stadtgründer Lemgos und auch Lippstadts. Auch an der Entstehung des Klosters Marienfeld auf dem Gebiet der heutigen Stadt Harsewinkel war er beteiligt. „Aber die Löwenburg war offensichtlich der Schlüssel zur heutigen Grenze zwischen Lippe und Bielefeld", fasst Karl Banghard zusammen, „denn seit dem Rückzug der Lipper von dem Bauprojekt auf dem Berg verläuft die Grenzlinie wieder entlang des Menkhauser Baches im Schopketal."

Der Name des Bielefelder Stadtteils Lämershagen allerdings gründet sich auf die heute kaum noch bekannte Löwenburg auf dem Berg zwischen Markengrund und Autobahn. Durch die umgangssprachliche Abschleifung des Wortes „Lewenbergshagen" entstand im Laufe von mehreren Jahrhunderten die Dorfbezeichnung Lämershagen. Als Hagen galt in früherer Zeit immer eine eingehegte, geschützte Dorfschaft, der hier im Osten Bielefelds am „Lewenberg" lag.

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