Als in Oerlinghausen eine Hakenkreuzfahne brannte

Horst Biere

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Das Blatt hat sich gewendet: 1936 zur 900-Jahr-Feier Oerlinghausens marschiert eine Abteilung der Hitlerjugend am Stadthotel vorbei. - © Repro Horst Biere/ Quelle: Archiv Höltke
Das Blatt hat sich gewendet: 1936 zur 900-Jahr-Feier Oerlinghausens marschiert eine Abteilung der Hitlerjugend am Stadthotel vorbei. (© Repro Horst Biere/ Quelle: Archiv Höltke)

Oerlinghausen. Es war viel los in der Bergstadt Anfang der 1930er Jahre – kurz bevor Adolf Hitler an die Macht kam. Straßenkämpfe und Prügeleien waren an der Tagesordnung. So entwickelte sich zum Beispiel eine heftige Schlägerei auf der Detmolder Straße im Januar 1933. Denn lichterloh brannte die Hakenkreuzfahne, die die Nationalsozialisten quer über der Straße aufgehängt hatten – zwischen dem Haus Nummer 29 und Müllers Park.

Werner Höltke (r.) berichtet über die Situation in der Bergstadt nach 1933. Werner Nowak zitiert aus den Schriften des früheren Schulleiters Hermann Diekmann. - © Foto: Horst Biere
Werner Höltke (r.) berichtet über die Situation in der Bergstadt nach 1933. Werner Nowak zitiert aus den Schriften des früheren Schulleiters Hermann Diekmann. (© Foto: Horst Biere)

Die Sozialdemokraten hatten sie angezündet. Denn in der SPD-Hochburg Oerlinghausen bildete das Hakenkreuz seinerzeit eine riesige Provokation. In einem Vortrag vor Mitgliedern des Lippischen Heimatbundes im Jägerhaus beschrieb Werner Höltke die brisante Situation in der Bergstadt vor der Machtergreifung der Nazis Anfang 1933.

Die Augenzeugin Elfriede Tünnermann, die damals als Kind an der Detmolder Straße wohnte, hatte Höltke den Straßenkampf zwischen Nazis und Sozis beschrieben, wo die Fäuste flogen und auch schon Messer gezückt wurden. „Die Nazis waren vorwiegend aus Dortmund angereist“, sagte Höltke, „sie wohnten in der Zigarrenmacherei von Gustav Reuter an der Detmolder Straße 29. Sie wollten die hiesigen NS-Parteigenossen bei der Wahl unterstützen.“

Die Sozialdemokraten dagegen hatten sich im Lebensmittelgeschäft Schling, später Ladugga, versammelt und setzten mit Hilfe einer Leiter die Hakenkreuzfahne in Brand. So begann die Straßenschlacht. „Nachdem der Nachbar Carl Plassmeier bei der Oerlinghauser Polizei angerufen hatte, begaben sich die Polizisten Neese und Dreischmeier mit Fahrrädern an den Tatort. Bevor die Polizisten den Kampfplatz erreichten, hatten sich die Kämpfer getrennt und waren in ihre Quartiere geflüchtet.“

Die Nazis hatten es schwer in der roten Hochburg Oerlinghausen. Nur wenige Jahre zuvor, bei der Reichstagswahl 1928 wählten fast 1.000 Bürger die SPD, die NSDAP kam auf gerade einmal zehn Stimmen. Im Jahre 1930 gab es nur zwei eingetragene Nazi-Parteigenossen in der SPD-regierten Bergstadt. Einige Monate vor der Machtergreifung Hitlers, bei der Reichstagswahl 1932, lag die Oerlinghauser SPD immerhin noch bei 1.116 Stimmen, doch die NSDAP kam dann schon auf 666 Stimmen. Und es gab damals auch noch eine starke kommunistische Partei in Oerlinghausen, die immerhin 216 Wähler hinter sich scharen konnte. Diese Situation beschreibt der Historiker Jürgen Hartmann in seinem Buch „Eine rote Festung wird erobert.“

Nazi-Aktionen finden nur nachts statt

Die Gewaltszenen in Oerlinghausen häuften sich. Anführer der Nazi-Kampftruppen war der SA-Sturmführer Kurt Heumann. Der Seilergeselle war aus Thüringen gekommen und brachte es vom einfachen SA-Mann bis zum Scharführer. In Oerlinghausen war er der einzige Nazi, der offen in SA-Uniform auftrat. In einer Schrift des späteren Schulleiters und strammen Nationalsozialisten Hermann Diekmann prahlte Heumann mit seiner NS-Gesinnung im roten Oerlinghausen: „Die braune Uniform mit der roten Armbinde löste ein Erstaunen nach dem anderen aus. Man hatte doch bisher noch keine ‚Nazi‘ gesehen.“ Es gab auch noch keinen NS-Ortsverband in der Bergstadt, deshalb kümmerten sich die Leopoldshöher Parteigenossen um die Propagandaarbeit in Oerlinghausen.

Immer des Nachts setzten die Aktionen ein. Da überklebte man die Wahlplakate des politischen Gegners, meistens wurde aber einfach alles mit schwarzer Farbe übermalt. Ein paar Mal wurde Heumann bei seinen Aktionen erwischt. „Der SA-Mann war von dem alarmierten Wachtmeister Neese gerade in dem Augenblick an der Plakatsäule geschnappt worden, als er mit einem Pinsel voll schwarzer Farbe die Plakatsäule anstrich“, schreibt Jürgen Hartmann.

Am Stadthotel weht nach der Machtergreifung der Nazis die Hakenkreuzfahne. - © Horst Biere
Am Stadthotel weht nach der Machtergreifung der Nazis die Hakenkreuzfahne. (© Horst Biere)

Im Oktober 1931 dann war es zu einer Messerstecherei zwischen ihm und einigen Arbeitern im Arbeiterviertel an der Holter Straße gekommen. Spektakuläre Aktionen spielten sich auch ab, als der SA-Sturm 1932 einen „Propagandamarsch“ durch das Viertel unternahm – anfangs eine behördlich genehmigte Demonstration. Der Trick der Nazis: Vier SA-Leute zogen unbewaffnet unter Polizeibegleitung durch die Straßen. „Allerdings hatte sich H. mit einem zehn Mann starken bewaffneten Trupp im Hintergrund gehalten und zog etwas später los“, berichtet Jürgen Hartmann. Die Polizei stoppte die Gruppe, es kam zu einem Gerangel am Kastanienkrug. „Wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt wurde H. zu insgesamt sechs Monaten Gefängnis verurteilt“, fasst der Historiker zusammen.

Als Hitler dann an die Macht kam, wendete sich das Blatt. Die Nazis wurden rehabilitiert und machten kurzen Prozess mit den politischen Gegnern. „Am 6. März wurde die schwarzrotgelbe Fahne vor dem Rathause verbrannt und gleichzeitig auf allen öffentlichen Gebäuden die Hakenkreuzfahne gehisst“, beschreibt Heumann die Lage nach der Reichstagswahl. Man entfernte den langjährigen, beliebten Bürgermeister August Reuter aus dem Amt und ersetzte ihn durch den NS-Parteigenossen Friedrich Möller aus Blomberg. Der SPD-geführte Stadtrat wurde sofort aufgelöst.

„Das Reichsbanner und die SPD ließen sich nicht mehr sehen. Sie lieferten Waffen, Uniformen, Akten und sonstiges Material freiwillig aus. Sie hatten eingesehen, dass sie mit ihrer Weisheit am Ende waren“, hetzte der SA-Sturmführer nach der Machtergreifung. 40 Oerlinghauser wurden sofort verhaftet, das Unglück nahm seinen Lauf.

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