Schieder-Schwalenberg. Ein Leben ohne Volkshochschule ist für Andrea Lemm kaum vorstellbar. 33 Jahre hat sie für die VHS Lippe-Ost gearbeitet, in den vergangenen fünf Jahren als Leiterin. Wenn sich die 66-Jährige am 31. Januar in den Ruhestand verabschiedet, ist für sie mit der VHS aber lange noch nicht Schluss. In ihrer neuen Heimat im Landkreis Cuxhaven steht sie schon als neue Kursleiterin auf dem Plan. Lemm freut sich auf diese Zeit, auch weil sie „ihre“ VHS Lippe-Ost in guten Händen weiß. Ihre Nachfolgerin Rieke Becker sei ein Glücksgriff gewesen, wie Andrea Lemm deutlich macht. Die 35-Jährige wird bereits seit September eingearbeitet und ist sehr motiviert, die für sie neue Herausforderung anzugehen - und sie hat so einiges vor. Ihr Geschichtsstudium an der Uni Paderborn führte Rieke Becker erstmals nach OWL, wie die gebürtige Ostfriesländerin im Gespräch mit der LZ erzählt. Nach dem Bachelor folgte das Masterstudium in Hamburg. Anschließend kehrte sie nach Paderborn zurück, wo sie ihre Doktorarbeit schrieb und als wissenschaftliche Mitarbeiterin am historischen Institut beschäftigt war. „Nach meiner Promotion war für mich der richtige Zeitpunkt, das Unisystem zu verlassen. Ich wollte aber im Bildungsbereich bleiben“, führt Becker weiter aus, die schließlich auf die Stellenausschreibung der VHS Lippe-Ost stieß. Digitalisierung und künstliche Intelligenz „Der Grundsatz: Bildung für alle“, habe sie direkt überzeugt. Sie halte die Arbeit der VHS für sehr sinnstiftend und ihr gefalle daran, mit einer Vielfalt an Menschen und verschiedenen Themen zu tun zu haben, wie sie erklärt. Da Rieke Becker zuvor noch nie an einer Volkshochschule gearbeitet hat, habe die Verbandsversammlung entschieden, sie bereits im September statt erst im Dezember einzustellen. „Sie sollte uns auch nicht mehr von der Fahne gehen“, erklärt Lemm und lacht. So konnte sie den gesamten Planungsprozess, der für das neue Semester immer im September beginnt, bereits einmal als Mitarbeiterin durchlaufen. Will die neue VHS-Leiterin künftig etwas ändern oder läuft alles in gewohnten Bahnen weiter? „Die VHS muss sich ja permanent ändern - sie muss Schritt halten mit den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen“, erklärt Becker. Eine Herausforderung sei etwa der Bereich der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz (KI). „Da werden wir unser Angebot erweitern.“ Das sei nicht nur im beruflichen, sondern auch im gesellschaftlichen Bereich wichtig: den Menschen Kompetenzen zu vermitteln, ihnen gleichzeitig aber auch die kritischen Punkte bewusst zu machen. „Babyboomer“ als Kursleiter gewinnen Der demographische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel sei ebenso eine Herausforderung. „Da sehe ich die VHS in der Pflicht, im Bereich berufliche Bildung Fortbildungen bereitzustellen“, sagt Becker, die gemeinsam mit ihrem Ehemann nach Detmold gezogen ist. Jüngere und auch Zugewanderte müssten fit für die Aufgaben der Generation Babyboomer gemacht werden, die sich nach und nach in den Ruhestand verabschiedet. Die „Babyboomer“ nicht nur als Kundschaft, sondern einige auch als Kursleiter zu gewinnen, sei ein weiteres Ziel. Ebenso junge Kursleitungen zu finden, um auch junge Zielgruppen anzusprechen. Einige neue Angebote seien jetzt schon hinzugekommen, so etwa Amigurumi. Dabei handele es sich um eine Häkelkunst aus Japan, die in den sozialen Netzwerken derzeit voll im Trend sei, erzählt Rieke Becker. Gehäkelt werden kleine Tiere oder Figuren. Der 35-Jährigen sei auch bewusst, dass es heutzutage ein großes Konkurrenzangebot zur VHS gebe, vor allem online, sagt sie. Ihr sei es daher ein großes Anliegen, auf der einen Seite mithalten zu können und selber Online-Kurse anzubieten, jedoch sei das Präsenzangebot sehr wertvoll, wie Becker betont. „In der VHS kommen ganz unterschiedliche Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden“, sagt sie. Das Zusammentreffen wirke auch der Vereinsamung entgegen. Becker möchte auch das Angebot zur mentalen Gesundheit erweitern. Neue VHS-Leiterin bietet „Schokoladentasting“ an Rieke Becker wird nicht nur die Geschicke der VHS leiten, sondern auch selbst Kurse geben. Sie startet mit einem „Schokoladentasting“. „Während meines Studiums in Hamburg habe ich dort im Schokoladenmuseum gearbeitet“, berichtet sie. Das Augenmerk solle dabei auf der Nachhaltigkeit liegen. Was sind Qualitätskriterien? Woher kommt eigentlich der Kakao? Wie kann ich als Verbraucher darauf achten, Schokolade möglichst umwelt- und sozialverträglich zu genießen? Diese und weitere Fragen werden in ihrem Kurs geklärt. „Im Bereich Geschichte habe ich mir überlegt, mal einen Kurs anzubieten, wie man alte Schriften entziffert“, so der Plan für die Zukunft. Dies sei etwa für Menschen interessant, die sich mit Familien-, Ahnen- und Heimatforschung beschäftigen. Sie freue sich auf all ihre neuen Aufgaben und fühle sich an der VHS Lippe-Ost schon jetzt richtig wohl, sagt Rieke Becker.