Tausende nur wegen Semestertickets immatrikuliert - Schmarotzertum oder legitim?

Sigrun Müller-Gerbes

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Leere Plätze: Viele offiziell eingeschriebene Studierende erscheinen 
nicht im Hörsaal. Sie haben nur wegen des Semestertickets einen 
Studentenausweis. - © Pixabay
Leere Plätze: Viele offiziell eingeschriebene Studierende erscheinen nicht im Hörsaal. Sie haben nur wegen des Semestertickets einen Studentenausweis. (© Pixabay)

Bielefeld. Einen Hörsaal hat Jan Bredow (Name geändert) seit fünf Jahren nicht mehr von innen gesehen. In der Stadtbahn aber reist der 29-Jährige als Student. Der Bielefelder ist einer der vielen Studierenden des "Fachbereichs Nahverkehr" in NRW: Er hat nur einen Studentenausweis, weil er billig an einen Fahrschein für Busse und Bahnen kommen will.

Denn: Wer an einer Hochschule der Region eingeschrieben ist, bekommt automatisch ein Semesterticket, das für den Nahverkehr in OWL und im ganzen Land gilt. Gezahlt werden müssen dafür gerade einmal zwischen 290 (FH Bielefeld) und 310 Euro (Uni Paderborn) Gebühren im halben Jahr. Zum Vergleich: Ein Monatsabo für den Nahverkehr allein im Stadtgebiet Bielefeld kostet, aufs halbe Jahr gerechnet, knapp 480 Euro. Wer das NRW-weite Ticket haben will, legt dafür sogar fast 1.500 Euro hin.

Das vorgebliche Studentenleben lohnt sich

Für Bredow, der jeden Tag mit der Bahn zur Arbeit fährt, lohnt sich das vorgebliche Studentenleben also allemal. Ein schlechtes Gewissen hat er dabei nicht - auch, wenn er seinen richtigen Namen nicht veröffentlicht lesen möchte. "Mir war nie klar, warum das verkehrt sein soll. Schließlich reden alle von der Verkehrswende. Da soll man doch froh sein über jeden, der Bahn fährt."

Studiert hat der junge Mann Deutsch auf Lehramt in Paderborn. Als er den Abschluss in der Tasche hatte, meldete er sich trotzdem einfach zurück an der Uni. Nachfragen gab es keine. Als der Studiengang irgendwann auslief, wechselte er das Fach, seit zwei Jahren studiert er nun offiziell Physik. Nachfragen? Wieder keine. Die Hochschule macht es Scheinstudenten leicht.

Genaue Zahlen gibt es nicht

Wie viele Menschen das ausnutzen, ist unklar. Bredow versichert, in seinem Freundeskreis seien es viele. Die Universitäten Bielefeld und Paderborn verweigern sich der Bitte, die Zahl ihrer Karteileichen zu quantifizieren. Die FH Bielefeld dagegen nennt sie sehr genau: 286 Studierende - von 10.000 - seien "Haupthörer ohne Studienleistung", ein eher geringer Anteil. Von größeren Unis im Land aber hört man: Dort müssen es Tausende sein. Die Uni Düsseldorf spricht von 8.000 Eingeschriebenen "ohne Studienabsicht" - das wären etwa ein Viertel aller Studierenden. In Köln ist von 4.000 bis 5.000 Phantom-Studenten die Rede, also etwa 10 Prozent.

Auf alle Hochschulen gerechnet seien die Zahlen gewiss deutlich kleiner, heißt es beim Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) in Gütersloh, aber auch dort verweist man auf Studien, denen zufolge beispielsweise ein Drittel der Erstsemester im Fach Physik nach der Einschreibung keinerlei Kurse belegen. Von der Uni Bielefeld heißt es dazu vorsichtig: "Teilweise werden die Lehrveranstaltungen für Erstsemesterstudierende in den wenigen NC-freien Fächern nicht in dem Umfang besucht, wie es die Einschreibezahlen erwarten lassen."

Wenig Empörung über Mitnahme-Mentalität

Empörung löst die Mitnahme-Mentalität erstaunlich wenig aus. Denn so richtig geschädigt fühlt sich offenbar niemand. Die Hochschulen nicht, weil Scheinstudenten ihnen "gewisse Vorteile bei der Mittelzuweisung" bringen, wie CHE-Leiter Frank Ziegele sagt: "Der Bund verteilt das Geld aus dem Hochschulpakt nach der Zahl der Studienanfänger." Die Verkehrsbetriebe nicht, weil die Tickets über eine Umlage finanziert werden: Alle Studierenden zahlen den Semesterbeitrag, gleich, ob sie das Ticket nutzen oder nicht. Ob den Verkehrsunternehmen, die die Verträge mit den Studentenvertretern (Asta) der jeweiligen Uni aushandelt, durch die Scheinstudenten Verluste entstehen, sei schwer zu berechnen, sagt Annika Fritzlar, Sprecherin von OWL Verkehr: "Wir wissen ja nicht, ob die ansonsten ein reguläres Abo abschließen oder dann lieber Auto fahren würden." Und das sei auf jeden Fall die schlechtere Alternative.

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Rechtlich angreifbar?

Illegal ist eine Immatrikulation nur zum Schein aus Sicht von Juristen nicht: "Es ist nicht verboten, es gibt keinen Studierzwang", sagt der Siegener Experte für Hochschulrecht, Christian Birnbaum. Ähnlich Jürgen Sauren, Fachanwalt für Strafrecht in Köln: Er sagte dem Handelsblatt, Scheinstudenten betrögen weder die Universität noch die Bahnunternehmen. Denn mit der Einschreibung bestätigten sie lediglich, dass sie den Status Student hätten. Wie intensiv man studieren wolle, müsse man nicht angeben. Es gebe keine Gesetze, mit denen sich ein Betrug mit dem Semesterticket belangen ließe, so Sauren. Auch der Sprecher der Uni Köln sagt, dass Hochschulen rechtlich nicht gegen Ticket-Studenten vorgehen könnten.

Auch die regulären Studierenden sind nicht wirklich erzürnt. Paderborns Asta-Vorsitzender Nicolai Rodehutskors gibt unumwunden zu: Aus Sicht der Studierenden "sehen wir kein Problem". Denn je mehr Menschen sich am Umlagesystem beteiligen, desto billiger wird es für den Einzelnen. Auch er meint: Besser, die Leute nutzen zu Unrecht das Ticket, als dass sie ins Auto umsteigen.

Fahren auf Kosten anderer

Also alles kein Problem? Nicht so ganz. Zumindest im Moralischen, so formuliert es Asta-Chef Rodehutskor zurückhaltend, könne man sehr wohl Probleme sehen, dazu aber "können wir eine Bewertung nicht treffen". Fritzlar gibt zu Bedenken: "Man kann es natürlich kritisch sehen, dass die auf Kosten anderer mitfahren". Ein Sprecher des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg nennt das Verhalten "ein fatales Zeichen für die Gesellschaft". CHE-Chef Ziegele spricht davon, es sei "ordnungspolitisch falsch, wenn Menschen sich nur wegen reiner Mitnahmeeffekte einschreiben."

Das gilt schon deshalb, weil der Öffentliche Nahverkehr sich keineswegs selbst trägt, sondern vom Steuerzahler kräftig subventioniert wird. Beispiel MoBiel: Das Bielefelder Nahverkehrsunternehmen, eine 100-prozentige Tochter der kommunalen Stadtwerke, weist für 2017, bereinigt um Sondereffekte, einen Bilanzverlust von etwa 20 Millionen Euro aus, Geld, das die Öffentliche Hand aufbringen muss.

Und noch an ganz anderer Stelle machen die Phantom-Studenten Probleme: Sie bringen den Universitäten zwar Geld, verhageln ihnen aber ihre Studienabbrecher-Statistik. Schon deshalb empfiehlt Ziegele den Unis ein konsequentes "Studienerfolgsmonitoring": Heutzutage könne jede Uni in ihren Datenbanken genau nachvollziehen, welcher Studierende in welchem Zeitraum welche Studienleistungen erbringe. Sollte sich zeigen, dass jemand keine Prüfungs- und Seminarpunkte sammele, könne man ihn schriftlich zu einem Beratungsgespräch bitten - "das könnte denen helfen, die aus persönlichen Gründen Probleme im Studium haben, und die abschrecken, die gar nicht studieren wollen." Ein solches Monitoring stellt auch die Uni Bielefeld in Aussicht, teilt aber zugleich mit: "Wir wollen nicht das individuelle Verhalten oder die Entscheidungen unserer Studierenden bewerten." Von dieser Seite hat Scheinstudent Bredow also keine Schwierigkeiten zu erwarten.

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