Pflege macht arm: 60.000 Heimbewohner in NRW auf Sozialhilfe angewiesen

Lothar Schmalen

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Nirgendwo müssen Heimbewohner so viel dazu zahlen 
wie in NRW. Deshalb sind immer mehr Senioren auf Sozialhilfe angewiesen. - © Pixabay
Nirgendwo müssen Heimbewohner so viel dazu zahlen 
wie in NRW. Deshalb sind immer mehr Senioren auf Sozialhilfe angewiesen. (© Pixabay)

Düsseldorf. Immer mehr Pflegebedürftige geraten durch eine stationäre Heimunterbringung in existenzielle Nöte. In NRW sind inzwischen mehr als 60.000 Heimbewohner bei der Finanzierung ihrer Heimplätze auf Sozialhilfe angewiesen. Und diese Zahl steige weiter, sagt der Sozialverband VdK.

2.252 Euro pro Monat für den Heimplatz

Hintergrund: Die durchschnittliche Zuzahlung bei der Heimunterbringung liege mit 2.252 Euro pro Monat in NRW so hoch wie in keinem anderen Bundesland. Der bundesweite Durchschnitt beträgt 1.830 Euro. Dass die Heimkosten in NRW so hoch seien, liege unter anderem an der Höhe der Investitionskosten in den oft bereits sehr alten Immobilien, aber auch an der geforderten Einzelzimmer-Quote. In NRW sind Pflegeheime gesetzlich verpflichtet, 80 Prozent ihrer Pflegeplätze in Einzelzimmern anzubieten.

Je nach Art der Trägerschaft fielen die Investitionskosten unterschiedlich hoch aus, sagt VdK-Landesvorsitzender Horst Vöge. Privatwirtschaftliche geführte Einrichtungen (Anteil: 48 Prozent) wiesen die höchsten, Einrichtungen in kommunaler Trägerschaft (Anteil: vier Prozent) die niedrigsten Investitionskosten auf. Die Einrichtungen gemeinnütziger Träger (48 Prozent) liegen bei den Investitionskosten dazwischen.

„Pflege darf nicht zum Armutsfaktor werden"

Die hohen Zuzahlungen machten deutlich, so Vöge, dass die Pflegeversicherung in ihrer jetzigen Konstruktion nicht zukunftsfähig sei. „Pflege darf nicht zum Armutsfaktor werden", sagte der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete aus dem Kreis Wesel. Der VdK fordere deshalb eine Deckelung der Eigenanteile bei der Heimunterbringung und die Einführung einer Pflegevollversicherung, ähnlich der Krankenversicherung. Zur Finanzierung einer Pflegevollversicherung seien Steuerzuschüsse notwendig. „Deshalb schlagen wir Änderungen in der deutschen und europäischen Steuerpolitik vor – wie zum Beispiel die Einführung einer Digital- und einer Finanztransaktionssteuer."

Bislang übernimmt die Pflegeversicherung die Kosten nur bis zu einem Höchstbetrag, der vom jeweiligen Pflegegrad abhängt. Den nicht gedeckten Anteil sowie Entgelte für Unterkunft und Verpflegung (sogenannte „Hotelkosten") muss der Pflegebedürftige selbst aufbringen. Wer das Geld nicht alleine aufbringen kann, kann in NRW Pflegewohngeld beantragen.

770.000 Pflegebedürftige in NRW

Die dritte Forderung des VdK: Die medizinische Behandlungspflege in Pflegeheimen müsse von den Pflegekosten getrennt und von der Krankenversicherung finanziert werden. „Das ist systemgerecht und bedeutet eine finanzielle Entlastung der Pflegebedürftigen", so der VdK-Landeschef.

Auch die Gesamtzahl der Pflegebedürftigen steigt steil an. Ende des Jahres 2017 waren es knapp 770.000 in NRW (+20,5 Prozent gegenüber 2015). 77,9 Prozent davon (das sind knapp 600.000) werden zu Hause versorgt. Knapp 170.000 Personen sind in vollstationärer Dauer- oder Kurzzeitpflege untergebracht.

Verband hat starken Zulauf

Experten prognostizieren für das Jahr 2040 insgesamt knapp eine Million Pflegebedürftige in NRW. Dies zeige, wie dringend erforderlich es sei, in der Pflegepolitik umzusteuern, sagt Thomas Zander, Geschäftsführer des VdK NRW.

Mit rund 360.000 Mitgliedern ist der VdK der größte Sozialverband in NRW. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist die Mitgliederzahl um 60 Prozent gewachsen. Viele treten in den Verband ein, um seine Rechtsberatung in Anspruch nehmen zu können. Vöge: „An diesem Mitgliederzuwachs kann man erkennen, dass unser Sozialsystem viele Webfehler hat."

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