Willkommen im „Land des Lächelns“ oder die 80er in Bielefeld

Heimo Stefula

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Shoppings-Queens im pelzigen Partnerlook in der Kavalleriestraße 1984. - © Martin Langer
Shoppings-Queens im pelzigen Partnerlook in der Kavalleriestraße 1984. (© Martin Langer)

Bielefeld. Auf der Suche nach dem Archetyp des „hässlichen Deutschen" spuckt die Suchmaschine Google sofort ein schwarz-weiß-Bild aus, das den damals 38-jährigen arbeitslosen Baumaschinisten Harald Ewert zeigt. Harald...wer? Er steht im Dunkel mit glasigen Augen, mit Hitlergruß, Deutschland-Trikot, Badelatschen und einer eingenässten grauen Schlabberhose...ach, der ist gemeint!

Das Bild ging um die Welt, wurde aufgenommen von Martin Langer, 1992 in Rostock-Lichtenhagen, dort, wo der Mob eine Asylbewerber-Unterkunft in Brand setzte und Steine warf auf jeden, der nicht „deutsch" aussah. Damals durfte Mann noch im Stehen pinkeln – sogar ohne vorher die Hosen runter zu ziehen – ein ikonisches Bild aus den Zeiten nach der Wende, der Wiedervereinigung, keine guten Zeiten für Leute, die nicht „von hier" kamen!

"Foto-Satire im gesellschaftlichen Alltag"

Damals schickte "Der Spiegel" seinen jungen Fotografen Martin Langer in die mecklenburgische Hansestadt, um eine Reportage zu machen über den marodierenden Nazi-Pöbel, der seinerzeit an mehreren Orten in Deutschland aus den Höhlen gekrochen kam (Hoyerswerda, Solingen, Mölln). Zehn Jahre zuvor war Martin Langer noch Foto-Design-Student derFachhochschule Bielefeld mit dem Schwerpunkt „Foto-Satire im gesellschaftlichen Alltag". Er zog seinerzeit durch die Straßen der noch jungen Studenten-Stadt und fotografierte Momente mit Menschen.

Der Hamburger Fotograf Martin Langer bei einer Präsentation seiner Bilder in der Kommunalen Galerie 2016 - © Maria Frickenstein
Der Hamburger Fotograf Martin Langer bei einer Präsentation seiner Bilder in der Kommunalen Galerie 2016 (© Maria Frickenstein)

„Diese Region, die an der die Weltgeschichte doch eher vorbei wabbert, die mir ein Zuhause während des Studiums gab, ist typisch Deutsch. Und damit ein guter Spiegel für das Leben im Alltag", gibt Langer einen Grund preis, warum er nun einen Bildband veröffentlicht, der das Bielefelder Leben in den 1980er Jahren zeigt – ungeschminkt, farb- und schonungslos, ehrlich und immer mit einem gewissen Augenzwinkern versehen. „Das Land des Lächelns – Eine Hommage an die wackeren Ostwestfalen der 80er Jahre", ist sein Buch betitelt.

Bielefeld: die Stadt ohne Wasser

Langer bezeichnet sich selbst als „Flaneur im öffentlichen Raum am Rand lokaler Spektakel" – immer wachsam, immer auf der Suche nach dem besonderen Augenblick. „Ich hatte mir die Stadt nicht ausgesucht, das war die ZVS, aber ich fühlte mich in Bielefeld – der Stadt ohne Wasser – immer ganz wohl", erinnert sich Langer, „Bielefeld ist originell auf seine Weise".

Wer wird denn gleich in die Luft gehen? HB-Männchen beobachtet eine lesende Bielefelderin 1984. - © Martin Langer
Wer wird denn gleich in die Luft gehen? HB-Männchen beobachtet eine lesende Bielefelderin 1984. (© Martin Langer)

Langer hat für seine Momentaufnahmen eine eigene Bildsprache entwickelt. Subjektive Fotografie zwischen grotesk und subtil, zwischen Ironie und Satire und immer wird dem Betrachter ein süffisantes Grinsen ins Gesicht gezaubert – bei aller Dramatik und Ernsthaftigkeit sogar beim „Manneken Pis" aus Rostock. Der „hässliche Deutsche" hängt übrigens in der Dauerausstellung im „Haus der Geschichte" in Bonn.

Ablatschen von Schuhsohlen

„Ich drück‘ mich auf meine Weise aus", beschreibt er sein Arbeitscredo und seine Arbeitsweise? „Der Hauptteil besteht im Flanieren, im Ablatschen von Schuhsohlen und im Abbau von Frust. Denn wie oft ist man erfolglos unterwegs; nicht schnell genug gewesen bei einer Situation, den entscheidenden Augenblick nicht erwischt. Oder die Kamera falsch eingestellt, damals wurden die analogen Nikons noch komplett manuell bedient".

Schönheitswettbewerb 'Supergirl' in der Brackweder Disco 'Bierdorf'. - © Martin Langer
Schönheitswettbewerb 'Supergirl' in der Brackweder Disco 'Bierdorf'. (© Martin Langer)

Martin Langer trug diese „entscheidenden Augenblicke" aus seiner Bielefelder Studienzeit zusammen und veröffentlicht sie im Frühjahr in einem Bildband auf 100 Seiten beim Berliner Verlag Seltmann Publishers. Für das Vorwort hat Langer den Paderborner Kabarettisten Erwin Grosche gewinnen können. Um das Projekt realisieren zu können startete er eine Crowdfunding-Aktion über die Plattform „Kickstarter".

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