Diese Sorgenkinder im Tierheim Gütersloh suchen noch ein Zuhause

Heiko Kaiser

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Lotte ist eine alte Dame. Sie hat bereits 16 Jahre auf dem Katzenbuckel und ist dehalb schwer vermittelbar. "Dabei", so Anne Mähling, ist Lotte eine echte Schmusemaus. - © Heiko Kaiser
Lotte ist eine alte Dame. Sie hat bereits 16 Jahre auf dem Katzenbuckel und ist dehalb schwer vermittelbar. "Dabei", so Anne Mähling, ist Lotte eine echte Schmusemaus. (© Heiko Kaiser)

Gütersloh. Eigentlich ist es wie bei den Menschen. Wer nicht leistungsfähig ist oder alt, wer äußere oder innere Schönheitsfehler hat, wer sich nicht anpassen kann, der wird oft von der Gemeinschaft ausgeschlossen. Für Tiere heißt es dann: Ab ins Heim. 70 Katzen, 25 Hunde und 25 Kleintiere haben ihr vorübergehendes Zuhause in der Einrichtung im Gütersloher Ortsteil Spexard gefunden. Vorübergehend ist dabei ein dehnbarer Begriff. Viele der vierbeinigen Bewohner werden dort seit Jahren versorgt – und einige haben nie etwas anderes gesehen als das Tierheim.

Bei den Katzen: Luis und Siggi sind schon lange im Tierheim

Der Blick von Vicky sagt: Lass mich raus. - © Heiko Kaiser
Der Blick von Vicky sagt: Lass mich raus. (© Heiko Kaiser)

Im Katzenhaus blickt Lotte voller Erwartung durch das Gitter und versucht mit der Nase durch die viel zu kleinen Öffnungen zu dringen. Um ihr klägliches „Miau" zu verstehen, muss man kein Katzenexperte sein. „Lass mich raus", bedeutet es. Lotte ist erst seit kurzem im Heim. „Doch sie könnte ein Notfall werden", sagt Anne Mähling. Sie ist für die Katzen im Tierheim zuständig und weiß, welche Kriterien dazu führen, dass Fundtiere schwer vermittelbar sind. „Lotte ist schon 16 Jahre alt. Außerdem mag sie andere Katzen nicht. Menschen wollen Babykatzen und keine ältere Damen", sagt sie. „Dabei ist Lotte eine solche Schmusemaus", erklärt sie. Schmusemaus und Katze?

Während Lotte noch darauf hoffen darf, vielleicht doch noch ein neue Zuhause zu finden, dürfte es für zwei Jungs schwierig werden. So nennt Anne Mähling die Kater Siggi und Luis, die bereits seit fünf beziehungsweise vier Jahren im Tierheim sind und sich wie in einer Gemeinschaft der Leidenden angefreundet haben. Siggi ist von einem Auto angefahren worden und leidet seitdem unter Inkontinenz, sein Kumpel Luis ist FIV positiv – Katzen-Aids. Die beiden sind die Lieblinge von Anne Mähling: „Wenn wir jemanden für die beiden finden, sähe ich das mit einem lachenden und einem weinenden Auge", sagt sie und gibt Luis nebenbei die geforderten Streicheleinheiten. „Na ja, wichtig ist nur, dass es meinen Jungs gut geht", fügt sie hinzu.

Die Kaninchen: Juli ist krank

Dann geht es zu den Kaninchen. Im letzten Gehege leben Juli und Jackson. Beide sind seit 2018 im Tierheim. Davor aber thront die Queen auf einer hölzernen Kiste. Sie ist ein Deutscher Riese und offensichtlich gerade schlecht gelaunt. Als Anne Mähling zeigen will, wie gemütlich die mit Stroh ausgelegte und von innen isolierte Behausung ist, verzieht sich die Queen genervt in die Ecke. Ohne Audienz wird eben nicht empfangen.

Juli leidet unter EC (Encephalitozoon cuniculi) auch bekannt als Sternenguckerkrankheit. Die ist übertragbar. Das macht sie und ihren Sohn Jackson schwer vermittelbar. - © Heiko Kaiser
Juli leidet unter EC (Encephalitozoon cuniculi) auch bekannt als Sternenguckerkrankheit. Die ist übertragbar. Das macht sie und ihren Sohn Jackson schwer vermittelbar. (© Heiko Kaiser)

Auch bei Juli hält sich die Freude über den Besuch in Grenzen. Die fünfjährige vierfarbige Löwenköpfchendame hockt mümmelnd in der mit Hobelspäne ausgelegten Ecke. Ihre leichte Kopfschiefhaltung fällt auf. „Juli hat EC. Auch als Sternguckerkrankheit bekannt", sagt Anne Mähling. Die Krankheit wird durch Parasiten verursacht. „Die Medikamente haben gut gewirkt. Juli hat seit zweieinhalb Jahren keinen Schub mehr bekommen", sagt Mähling.

Weil die Krankheit aber übertragbar ist, sollte sie mit ihrem Sohn Jackson vermittelt werden. Der Filius ist zur Hälfte ein Wildkaninchen und daher überaus scheu. Auf dem Rückweg ist die Queen inzwischen wieder imThronsaal. Inzwischen hat sie diniert und ist daher für Kontakte offen.

Die Hunde: Das Problem liegt am anderen Ende der Leine

Dann geht es zu den Hunden. Sarah Keulert arbeitet seit fünf Jahren im Tierheim als Pflegerin und ist inzwischen für die Hunde zuständig. „Ich bin eher ein Hundetyp",sagt sie. Was das bedeutet, bleibt offen. Auf alle Fälle aber hat sie ein Herz für die Vierbeiner. Wenn sie über die Gründe spricht, warum Hunde ins Tierheim kommen, wird schnell deutlich, wo das Problem liegt: Es hängt am anderen Ende der Leine. „Einige sind bissig. Sie haben gelernt, sich beißend der Dinge zu erwehren. Viele von ihnen sind unsicher, weil sie den Mensch als unzuverlässig erfahren haben", sagt sie.

Laika ist seit fast vier Jahren im Tierheim. Sarah Keulert sucht für sie Schäferhund-erfahrene Menschen. - © Heiko Kaiser
Laika ist seit fast vier Jahren im Tierheim. Sarah Keulert sucht für sie Schäferhund-erfahrene Menschen. (© Heiko Kaiser)

Seit vier Jahren ist Laika bereits im Tierheim. Die zehnjährige Schäferhund-Mix ist voller Bewegungsdrang. Voll Ungeduld stubst sie den kleinen roten Ball in Richtung Sarah Keulert. „Wirf endlich", sagt ihr Blick und hält dabei den Kopf schief. Kann man diesen Augen widerstehen? „Laika ist super erzogen, freundlich, froh, wenn sie angesprochen wird und will gefallen", sagt Sarah Keulert. Menschen sollten Schäferhund erfahren sein. „Keine kleinen Kinder, keine Katzen, wegen des Jagdtriebs", sagt Keulert.

Dann präsentiert sie ihr nächstes Sorgenkind. Teddy ist ein Akita-Mix und seit sechs Jahren im Heim. Akitas sind eine sehr eigenständige Rasse und Teddy ist ein Bär von einem Hund. Ein Blick in Teddys Gesicht erklärt, warum er so heißt. „Er braucht ein Zuhause, wo er draußen leben, liegen und alles im Blick haben kann", sagt Sarah Keulert. Er sei zu 90 Prozent umgänglich. Zu 90 Prozent. Die restlichen zehn erfordern einen Menschen, der erkennt, wenn Teddy eine Situation überfordert.

Die Suche nach dem passenden Menschen ist nicht leicht

Diese Menschen sind nicht leicht zu finden. „Die Nadel im Heuhaufen", nennt es Anne Mähling. Sie muss es wissen. Seit acht Jahren arbeitet sie im Tierheim, hat hier ihre Ausbildung zur Tierpflegerin gemacht. „Psychologische Arbeit ist ein großer Anteil an diesem Job", erklärt sie. Wenn wir nicht tierpsychologisch geschult wären, würden wir im Krankenhaus landen", fügt sie hinzu. Und: „Die Hunde werden ja nicht abgegeben, weil sie klein, gesund, niedlich und lieb sind. Oft sind es Beißvorfälle, die sie zu uns bringen."

Teddy ist seit sechs Jahren im Tierheim. Warum der Akita Inu seinen Namen trägt, ist klar. - © Heiko Kaiser
Teddy ist seit sechs Jahren im Tierheim. Warum der Akita Inu seinen Namen trägt, ist klar. (© Heiko Kaiser)

Wie bei Milow. Der Jack-Russel-Mix ist seit zehn Jahren Bewohner des Tierheims. „Er hat als junger Hund keine Grenzen kennengelernt, war immer nur ein süßer Welpe. Der Jack-Russell ist aber ein Jagdhund, der gezüchtet wurde, um selbstständig in Fuchsbauten zu gehen und sich dem Kampf zu stellen. Wenn er nun kein süßer Welpe mehr ist und Menschen plötzlich sagen, das darfst Du jetzt aber nicht mehr, weil Du nicht mehr so niedlich bist, hat er kein Verständnis dafür und macht immer weiter, weil er gelernt hat, dass er es darf." Wie gesagt, das Problem liegt am anderen Ende der Leine. Leiden müssen letztendlich aber die Tiere.

Tierheim-Mitarbeiterinnen blicken mit Sorge auf Corona-Zeit

Menschen machen sich oft nicht klar, dass die Entscheidung über die Anschaffung eines Hundes nicht nach dem Aussehen des Tieres, sondern aufgrund seiner genetischen Eigenschaften erfolgen sollte. „Denn wenn der Schäferhund nicht arbeiten darf, dann zeigt er Fehlverhalten und das ist dann nicht harmlos. Wenn der Jagdhund nicht jagen darf, hat er Langeweile und nimmt die Wohnung auseinander. Wenn der Kangal keine Herde hat, auf die er aufpassen darf, was soll er machen? Dann wird er auf die Familie aufpassen. Und wehrt konsequent alle Fremden ab", sagt Sarah Keulert und fügt hinzu: „Am Ende brechen die Gene durch, egal wie man sie erzieht."

Mit Sorge blickt sie schon jetzt den kommenden Monaten entgegen. „In der Corona-Zeit war der Welpen-Markt leergefegt. Doch die süßen Hundebabys kommen allmählich in die Pubertät und können schwierig werden", sagt Keulert. Klar, was dann passieren wird. Schwierige Tiere landen im Tierheim. Wie Milow, Teddy oder Laika. Wer es aber versteht, mit ihnen umzugehen, wird die Schwierigkeiten meistern. Sarah Keulert und Anne Mähling machen es jeden Tag vor.

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